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Rainer Moll – Der Lichtmaler

Wer Rainer Moll bei seinem liebsten Hobby beobachten oder es gar von ihm erlernen möchte, muss warten, bis die Sonne untergegangen ist. Am besten geht das, dick eingepackt, im Herbst und Winter. Dann wird Rainer, so oft es geht, aktiv und lehrt Interessierte die Pinselführung der etwas anderen Art.

Eine Leinwand aus Dunkelheit
Gleich wird es im alten Stadtbad an der Neusser Straße stockduster sein. Das Auge sieht nur Schemen in der Dämmerung. Es ist ein Mittwochabend im Herbst. Der erste richtig kalte Tag in diesem Jahr. Eine Kamera steht, ausgerichtet auf den großzügigen Absatz der Haupttreppe, in dem mehr als 100 Jahre alten Gebäude und fokussiert auf den großen, vollständig in Schwarz gekleideten, schlanken Mann. Rainer Moll hat ein kurioses Gadget in der Hand, einen Lichtstift, den er jetzt anknipst. Er bewegt ihn ruhig und konzentriert durchs Dunkel. Auf dem Display der Kamera entstehen Linien. Nach und nach, Stück für Stück, baut sich ein leuchtendes Muster auf. „Life Composit Modus“ nennt sich diese besondere Technik, in der das Bild von der Kamera bei Langzeitbelichtung alle drei Sekunden neu zusammengesetzt wird und es so ermöglicht, jeden Bewegungsabschnitt, den Rainer mit seinen Lichtern vollführt, als illuminierten Pinselstrich festzuhalten. Er selbst ist auf dem Bild nicht zu sehen. Dafür sorgt seine schwarze Kleidung. 

Mit Laserschwert und Leuchtrad
Vor drei Jahren erlebte der Linner seine „Erleuchtung“ und ist fortan begeisterter Lichtmaler. „Fotografiert habe ich hobbymäßig schon länger, und dann bin ich eines Tages in den Sozialen Medien über solche Bilder gestolpert, mit gezielt eingesetzten Lichtspuren. Das fand ich cool“, erzählt er begeistert. „Am Anfang habe ich einen Kurs gemacht, beim ‚Deutschen Lightpainting-Papst‘ wie ich ihn immer nenne. Ein junger Typ, der sich Zolaq nennt. Der hat in Beelitz einen Workshop gegeben. Ich war dort, und spätestens ab dem Tag war ich infiziert.“ Dass Lightpainting nicht nur großen Spaß macht, sondern auch viel Equipment erfordert, merkte Rainer bald darauf. Um abwechslungsreich malen zu können, benötigt man eben unterschiedliche Farben und Pinsel – und die sind im Fotobereich wesentlich größer und teurer als im Fachhandel für Künstlerbedarf. Zudem sind handwerkliches Geschick und Kreativität gefragt, denn zu kaufen gibt es Lightpainting-Utensilien kaum. „Ich musste mich da so ein bisschen reinfuchsen, weil ich eigentlich nicht so der begnadete Handwerker bin“, gibt Rainer zu. Inzwischen besitzt er ein ganzes Arsenal an LED-Leuchten, Taschenlampen und sonstigem Strahlwerk, das sich optisch irgendwo zwischen High-Tech-Angel, Jedi-Schwert und Waffen aus der Mad Max-Welt bewegt.

Hauptberuflich arbeitet der Sozial­pädagoge als Leiter einer Erziehungsberatungsstelle im Kreis Wesel. Genug Auslastung, müsste man meinen, aber Rainer hat Energie, die er, wo er nur kann, in sein Hobby Fotografie steckt. Als Mitglied des freischwimmer e.V. ist Rainer Moll zuständig für Anfragen aus den Bereichen Film und Fotografie. Und hier hält er auch Workshops und Fotoführungen ab – zumindest unter normalen Umständen. Aktuell müssen die Unternehmungen ruhen. Besonders häufig zieht es Rainer mit seinem prall gefüllten PKW sonst auch auf das Gelände der Burg Linn, zu der er seit Beginn seiner fotografischen Tätigkeit eine enge Verbindung pflegt. „Dass ich das mit dem Lightpainting auch nebenberuflich mache, fing an, als ich meine ersten Workshops mit Jugendlichen an der Burg Linn machte. Dann ist das mehr und mehr in ein Angebot für Hobbyfotografen übergegangen, die gerne mal diese Sparte der Fotografie kennenlernen wollten. Und da hatte ich Glück. Linn ist ein Heimspiel für mich, zum anderen ist das natürlich eine geile Location“, freut er sich.

Es werde Licht!
Im dunklen Stadtbad sind derweil erste Motive entstanden: quallenartige Lichtkegel, eine mehrfarbige Komposition, die ein wenig an Musiknoten erinnert und ein bunter kredo-Schriftzug. Gerade die Buchstaben sind eine Herausforderung. „Es ist schon viel Übung gefragt“, gibt Rainer zu. „Du musst möglichst in einem Rutsch malen, weil du sonst den Anschluss nicht mehr findest.“ Generell sollte man beim Lightpainting sehr konzentriert vorgehen, um ärgerliche Missgeschicke zu vermeiden. Denn in ein einziges Bild fließen viel Bewegung und Überlegung. „Man muss bei diesem speziellen Kameramodus immer zweimal auslösen. Es ist mir schon passiert, dass ich nur einmal draufgedrückt habe. Dann habe ich ein sehr komplexes Bild gemacht, und als ich aufs Display geguckt habe, stand dort immer noch ‚Bereit für Aufnahme‘“, erzählt Rainer und schmunzelt.

Sein Hobby erfordert eben auch Geduld und Ruhe. Nicht zuletzt, weil man für ein gutes Bild auch mal mehrere Stunden in Kälte und Dunkelheit verbringt. „Wenn ich das mit den Fotografen mache und zeige, wie es geht, klagen die immer, dass denen so kalt ist. Mir ist dann immer bullenwarm, denn ich bin ja dauernd in Bewegung“, lacht er und greift nach einem neuen Gadget für das nächste und letzte Motiv am heutigen Abend. Im großen Herrenbad entsteht nun eine mehrteilige Komposition. Deshalb dürfen wir diesmal den Auslöser drücken, während Rainer seinen Bewegungsablauf vorbereitet. Obwohl etwas schwieriger zu bedienen als normale Buntstifte, sind die Lichter, die Lightpainter benutzen, sehr vielseitig. Mit Schülergruppen und Workshopteilnehmern hat Rainer in den vergangenen drei Jahren schon romantische Szenerien, Horrormotive, Tiere und Abstraktes aufgenommen.

„Das Tolle an der ganzen Sache ist:
Es macht einfach tierisch Spaß“, freut sich Rainer Moll, als er, vom Schein eines roten Leuchtstabs angestrahlt, zurück zur Kamera gelaufen kommt und einen Blick auf das fertige Motiv auf dem Display wirft. „Ich kann mich immer noch wie ein Schneekönig freuen, wenn am Ende ein Bild gelingt.“