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Viele Wege führen nach Krefeld Martina Dors und die Leidenschaften

Als Tochter eines Architekten und einer leidenschaftlichen Raumgestalterin liegt Martina Dors die Leidenschaft für außergewöhnliches Wohnen im Blut

„Wenn du mich vor 40 Jahren gefragt hättest, hätte ich gesagt, dass ich nicht an Schicksal glaube“, sagt Martina Dors und legt die Hände übereinander. „Heute ist das anders. Manchmal lache ich darüber, wie alles gekommen ist. Als hätte ein Weiser das Buch für mich schon vorgeschrieben.“

Martina Dors wuchs in der kleinen, historischen Altstadt Bremgarten in der Schweiz zwischen Zürich, Aarau und Luzern auf. Während sich die Reuss leise plätschernd aber kräftig ihren Weg an den Altstadtmauern und den kleinen Gärten vorbei suchte, reihten sich historische Baudenkmäler in vielen bunten Farben aneinander. Wer dort sein Zuhause gefunden hatte, genoss einen fantastischen Blick aufs Wasser, auf dem immer wieder Kajaks ihre Tänze aufführten. Inmitten der Stadtmauern war auch eine kleine „Burg“ eingelassen. Heute zum Mehrfamilienhaus umgebaut, war sie früher mit ihrem besonderen Charme der Schutz- und Schaffensraum von Martina Dors und ihrer Familie. So oft ließen die heute 60-Jährige und ihre drei Geschwister die Füße aus den hohen Fenstern baumeln, um mit Blick auf den Fluss über die neusten Ereignisse zu quatschen. „Wir zogen in die Burg, als ich wenige Monate alt war“, erinnert sie sich. „Als Kind erkannte ich natürlich nicht, wie besonders das Haus ist, aber als junge Frau begriff ich immer mehr den historischen Wert und die Bedeutung davon, so zu leben.“

Der Vater Architekt, die Mutter Hausfrau und leidenschaftliche Raumgestalterin, prägten Ästhetik, Materialien und die Liebe zu „Altem“ die Kindheit der Schweizerin. Mit der Mutter zog Martina schon als kleines Mädchen über Antikmärkte, um Schätze zu finden, mit denen das besondere Haus ausgestattete werden sollte. Jedes Jahr, so nahmen sich Martinas Eltern vor, sollte ein weiteres der zahlreichen Zimmer mit an der Historik orientierten, aber dennoch modernisierten Schmuckstücken neu ausgestattet werden. Nicht nur auf Märkten gingen die Frauen auf die Suche, sondern immer wieder klingelten auch Nachbarn und Bekannte am Portal, um der Familie Antiquitäten anzubieten. „Meine Mutter blühte in der Einrichtung der Immobilie aus dem Baujahr 1410 völlig auf“, erinnert sich Dors. Mit vollster Konzentration kratzte sie zum Beispiel die Tapete von den Wänden, um sichtbar zu machen, was in früheren Zeiten darunter gelegen haben musste. Oder sie studierte Bücher, um ein Gefühl für die Zeit zu bekommen, aus der das Gebäude stammte. Stoffe fanden dabei ein besonderes Augenmerk. „Meine Mutter brachte tolle Seiden mit nach Hause, kombinierte sie mit den Basaltböden und nähte Wandbespannungen oder schmuckvolle Gardinen“, erinnert sich Martina. „Als ich die Stoffe zwischen meinen Fingern spürte, begriff ich, was Qualität bedeutet.“

Die Brissago-Zigarre im Mund des Architekten – Martina liebte die Urlaube mit ihrem Vater

War die Schulzeit geprägt vom besonderen Leben in der in die Stadtmauern eingelassenen Burg, ging es in den Ferien im Citroen DS auf Entdeckungsreise. Martinas Vater, der Architekt, schleppte Kind und Kegel in alle alten Kirchen rund um die Alpen. Mit einer krummen Brissago-Zigarre im Mund und immer einem Witz auf den Lippen, genoss er die Ferien in vollen Zügen. „Das war die schönste Zeit“, sagt Dors immer noch schwärmend und berührt ein altes Schwarz-Weiß-Foto. „Er war so gelöst, so lustig. Als Kind war das toll.“ Martinas Vater war außerhalb der Ferien ein eingebundener Mann. Spezialisiert auf das Bauen in tropischen Zonen, verbrachte er viel Zeit in Indien und Pakistan. Nach dem Ölfund in den Emiraten begleitete er den Aufbau diverser technischer und industrieller Bauten in der arabischen Welt. „Seine Liebe aber galt eigentlich dem Historischen“, schildert seine Tochter. „Einmal sanierte er eine historische Kirche bei uns im Dorf – das war dann das Projekt für seine Seele.“

Als Martina Dors alt genug war, um selbst zu überlegen, welcher beruflichen Liebe sie sich widmen wolle, entschied sie sich vorerst für den kreativen Beruf der Schaufensterdekorateurin. Nach dieser Ausbildung besuchte sie in Zürich die Textilfachschule, um hier ihren Textilkaufmann abzulegen. „Im Nachhinein verdanke ich vieles dem Einfluss meinen Eltern“, sinniert sie.  Martina war zu Qualität erzogen worden, und so entschied sie sich, am Ende der Textilfachschule rund um das Thema „Seidenkrawatten“ zu recherchieren. Immer wieder besuchte sie die Züricher Manufaktur „Weisbrod-Zürrer“, die seit 1815 für Krawatten in der Schweiz steht. „Einige Jahre zuvor lernten wir im Skiurlaub mit meinen Eltern ein Ehepaar kennen, das aus Krefeld kam“, erinnert sich Martina Dors. „Jedes Jahr, auch während meiner Abschlussarbeit, trafen wir uns immer wieder im Hotel Kronenhof im Engadin. Rückblickend kann man das als Zeichen werten, auch wenn ich damals die Verbindung zur Samt- und Seidenstadt absolut nicht auf dem Schirm hatte.“

Das kam erst später. Dann nämlich, als sich Martina mit 24 Jahren morgens um fünf Uhr in einer Diskothek auf Ibiza in den charmanten Olaf aus Krefeld verliebte. Aus dem Urlaubsflirt wurde eine ernste Anbahnung, und 1984 holte der charismatische Krefelder seine Martina zum ersten von vielen Malen freitagsabends um 22.30 Uhr am Bahnhof in Düsseldorf ab. „Olaf wollte ein bisschen angeben und zeigte mir nicht nur bei meinem ersten Besuch die Uerdinger Straße als Prachtstraße Krefelds, sondern erzählte mir stolz alles über die Geschichte der Stadt“, erinnert sich Martina lachend. „Das gefiel mir. Tolle Altbauten und eine bedeutende Geschichte als damalige Textilmetropole, genau das, was mich interessierte.“ Martina war dem Charme des jungen Mannes und der Geschichte der Stadt erlegen – ein Stapel Liebesbriefe und gefühlte hunderte Stunden in Zügen später entschied sich die junge Frau, nur sechs Monate nach dem Treffen auf Ibiza, der Beziehung auch außerhalb des Wochenendes eine Chance zu geben. 1984 zog sie nach Krefeld.

Das ist nun fast 40 Jahre her. Ihren Olaf hat die lebensfrohe Schweizerin geheiratet und fast zwei Drittel ihres Lebens in der Samt- und Seidenstadt verbracht. Die Niederrheiner gefallen ihr, sie seien offen und humorvoll, anders als die eher verschlossenen Schweizer. Hat Dors in Deutschland eine neue Heimat gefunden, hat sie sich von ihrem charmanten Akzent Gott sei Dank nicht getrennt.  Erzählt die 60-Jährige aus ihrem Leben, rollt das „R“ und kratzt das „Ch“. Zwar wohnt Martina heute nicht in einer Burg, aber in Bockum hat sie eine außergewöhnliche Altbauwohnung gefunden, die sie liebevoll und in Familientradition in einer Kombination aus Vintage und Neu eingerichtet hat. Diverse Strohhüte an der Wand und im Flur hängend, erzählen Zeitgeschichte und Erinnerungen. Ein alter Ofen ist prunkvoll in der Küche platziert, und Bücher über Kunstgeschichte, Paris und Mode reihen sich in den minimalistischen Regalen aneinander. Auch beruflich hat Krefeld die 60-Jährige verändert. Als zum Anfang des angebrochenen Jahrtausends Dumpingpreise und Rabatte die Qualitätsansprüche in der Modewelt ablösten, entschied sich Martina im zweiten Lebensabschnitt, einer anderen alten Liebe nachzukommen: den Immobilien.

2012 holte sie ihren Maklerschein nach und stieg in das Maklerunternehmen ihres Mannes, Immobilienvertrieb Niederrhein, ein. Vor allem historische Häuser und Stadtpalais wandern heute durch ihre Hände, und, geprägt vom Fachblick ihres Vaters und der Kreativität ihrer Mutter, hat sie ihren ganz eigenen Stil gefunden, verlorengeglaubte Häuser oder Wohnungen an den Mann oder die Frau zu bringen. „Wenn ich die Exposés erstelle, wenn ich die ersten Schritte durch diese geschichtsträchtigen Häuser mache, weiß ich, dass das genau der richtige Weg war“, erzählt Martina Dors. „Manchmal kribbelt es dann im Herzen und der Seele.“ Den Zuhörenden wundert das nicht. Wie sollte es auch anders sein bei einer Frau, in der die ausgeprägten Leidenschaften der Menschen, die sie in ihrem bisherigen Leben begleitet haben, weiterleben.