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Köppe

Jill Zimmermann und die Leichtigkeit Als Tontechnikerin in Kanada

„Wenn Du dann nachts aus dem Studio kommst, eigentlich nur todmüde ins Bett möchtest und dir dann erstmal den Weg zu deiner Haustüre freischippen musst, weil es bis zur Hüfte geschneit hat“, sagt Jill Zimmermann, lacht laut und führt aus: „Daran werde ich mich auch nach fast sieben Jahren nicht mehr gewöhnen.“

Es ist ein Sonntag im September.  Während am Nachmittag in Deutschland langsam der Uhrzeiger von der Drei Richtung Vier wandert, sitzt die Krefelderin rund 6.000 Kilometer entfernt an ihrem Esstisch in Hamilton in Kanada und genießt ihren ersten Kaffee am Morgen. Fast sechs Wochen hat es gedauert, bis wir einen gemeinsamen Skype-Termin für das kredo-Interview gefunden haben, und wenn die junge Frau jetzt mit ihrer sympathischen Art von ihrem Alltag erzählt, wird auch deutlich, warum: Jill lebt für ihre Leidenschaft und scheint diese darüber hinaus außergewöhnlich gut zu beherrschen – als Tontechnikerin lebt sie seit sechseinhalb Jahren in Kanada und ist hier eine vielgefragte Expertin.

Jills beruflicher Weg beginnt in der 12. Klasse. Nach einem Auslandsaufenthalt in den USA im Rahmen ihres Abiturs am Maria-Sybilla-Merian-Gymnasium besucht sie die Beratung der Agentur für Arbeit, um sich rund um ihre Karrieremöglichkeiten zu informieren. „Ich hatte damals nicht so wirklich eine Idee, was ich nach der Schule machen möchte. Physik und Musik standen für mich ganz weit oben“, erinnert sie sich. „Heute wie damals war ich aber recht bühnenscheu und wusste auch nicht, wie ich meine naturwissenschaftliche Begabung mit meiner musikalischen Leidenschaft verbinden kann.“ Die Dame in der Agentur ist sich sicher: Jill solle Tontechnikerin werden.

Und so besichtigt die Abiturientin unterschiedliche Unis. Das SAE Institute in Köln, eine private Einrichtung, verlässt sie schockverliebt. „Ich sah das Studio 3 mit der größten Konsole und dachte mir einfach nur ‚Hier will ich arbeiten’“, erinnert sie sich. „Das war der Startschuss.“ Das SAE bietet einen unvergleichbar großen Praxisanteil an, und so verbringt Jill schon während ihres Studiums viele Stunden im Tonstudio. Während sie im Unterricht Themen wie „psychische Akustik“, „Signalfluss“, „Mikrofone“ oder „Akustik“ durchnimmt, arbeitet sie in ihrer Freizeit mit Bands wie „Gartenschlauch“ oder „The Nicks“ aus Krefeld zusammen. „Von 25 Tontechnikern bekommen später nur rund zwei Absolventen einen Job“, erklärt die Krefelderin. „Mir war klar, dass ich mich beweisen muss. Das geht nur durch Engagement.“

Bietet das SAE Institute zwar durch den Praxisanteil eine gute Basis für die spätere Arbeit, stellt es die Tontechnikerin auch vor eine Hürde: Denn am Institut wird lediglich der englische Bachelorabschluss angeboten. „Wir Deutschen sind da ja etwas schwierig. Wir leben nach Regeln. Nicht jedes Unternehmen erkennt den britischen Abschluss an. Ich brauchte also einen Plan B“, führt Jill aus. Deswegen entscheidet sich die junge Frau kurzfristig, an der Fachhochschule Düsseldorf noch einen weiteren, einen „richtigen“, Bachelor nachzuholen. Hier studiert sie Medientechnik. „Für mich war klar, dass ich mich auf Audio spezialisieren möchte“, erzählt die Krefelderin. „Ich glaube, dass das Studium erst dann interessant wird, wenn man für sich selbst ein Ziel hat.“  Und das Ziel der jungen Frau ist ambitioniert: Für das Praxissemester ihres Studiums möchte sie unbedingt ins Ausland. Meldet sich in ihrer ersten Wahlheimat, den USA, kein Studio zurück, schickt ihr die „Jukasa Media Group“ aus Ontario in Kanada kurzerhand ein Jobangebot zu. „Die Kanadier sind die freundlichsten Menschen, die ich kenne. Sie würden auf eine E-Mail nie nicht reagieren“, schildert die junge Frau. „Mir schrieb das Studio, dass sie zwar keine Praktikantin, aber eine Mitarbeiterin suchen würden. Ich überlegte kurz und bewarb mich.“ Und die Zusage flatterte nur wenige Tage später in das E-Mail-Postfach.

Sechs Monate hat die Studentin nun Zeit, um den Rest ihres Studiums in doppelter Geschwindigkeit abzuschließen, ihre Wohnung aufzulösen und zu packen. „Ich kam abends spät nach Krefeld zu meinen Eltern, und am nächsten Tag ging der Flug“, erinnert sie sich lachend. „Und dann hat es erst einmal ein gutes Jahr gebraucht, bis ich wirklich verstanden habe, was da passiert ist. Dass ich jetzt wirklich in Kanada lebe.“ Das kanadische Leben ist sehr unterschiedlich zu Jills Leben in der deutschen Großstadt. Bahnen gibt es hier nicht, Busse fahren nur sporadisch, und jeder ist auf ein Auto angewiesen. Auch das Wesen des typischen Kanadiers entspricht nicht dem deutschen Bedürfnis nach Anonymität und Zurückgezogenheit. „Das ,Hello, how are you today?‘ an der Supermarktkasse war mir als Deutsche zu Beginn wirklich fremd“, erzählt sie. „In Deutschland versuchen wir doch eher, möglichst kein Wort mit Fremden zu sprechen.“ Auch in der Esskultur scheiden sich die Geister: Lieben Kanadier das klassische Sandwich, wundern sich Jills Kollegen doch sehr, als sie mit der für die Kanadier „unfertigen“, aber typisch-deutschen Käsestulle in der Mittagspause am Mischpult sitzt. „Da fehlt doch eine Scheibe‘, haben sie immer wieder gesagt“, kommentiert Jill und lacht erneut. Auch die ethnische Geschichte des Landes ist speziell: Jill arbeitet in einer besonderen Selbstständigkeit, da ihr Studio auf altem indianischen Gebiet liegt – feste Arbeitsverträge abzuschließen, ist hier nur unter ganz bestimmten Bedingungen erlaubt.

Ja, und dann sind da noch die kanadischen Winter. Bis zu minus 40 Grad können es in den kalten Monaten werden, „normale Temperaturen“ liegen zwischen minus 15 und minus 20 Grad. „Ich habe eine Daunenjacke, die angeblich für diese Kälte zugelassen ist und mir bis über die Hüfte reicht“, schildert Jill. „Aber selbst, wenn ich Handschuhe und noch eine Mütze trage, guckt ja immer noch die Nase raus. Die Temperaturen hier sind wirklich nichts für mich.“ Dabei erlebt die Tontechnikerin die Winter meist nur auf ihren Wegen zwischen Studio und Wohnung, denn häufig verliert sich die junge Frau tagelang an den Reglern, den Mikrofonen und den Rechnern. „Jeder Tag ist anders, und gerade die Zusammenarbeit mit Musikern nicht berechenbar“, schildert sie. „Manchmal dauern Sessions nur zwei Stunden, manchmal sind wir aber bis tief in die Nacht im Studio. Musik ist emotional, Musik kann man nicht voraussehen.“ Und so beschreibt die Krefelderin ihre Tätigkeit auch nicht als klassischen „Tonregler-Job“, denn auch ihre Fähigkeiten als Hobby-Psychologin, provisorische Gesangslehrerin und Gesprächspartnerin sind gefragt. „Ich fühle mich hier schon sehr wohl, kann aber trotzdem nicht garantieren, dass ich für immer bleiben werde“, beschreibt sie im ruhigeren, ernsteren Ton. „Weißt Du, wenn wir Pläne schmieden und diese dann wieder über Bord schmeißen, dann sind wir enttäuscht. Wenn wir aber mit voller Motivation in den Tag starten und die Chancen auf uns zukommen lassen, dann sind wir am Ende positiv überrascht und stolz auf uns selbst.“ Dass Jill hier, inzwischen mit einem charmanten, kanadischen Akzent, keine typisch-deutsche Aussage mehr trifft, ist ihr selbst vielleicht nicht bewusst. Aber der aufmerksame Zuhörer merkt: Dort, wo vor sechseinhalb Jahren noch die deutsche Vorstellung von Planbarkeit und festen Zielen war, hat heute eine Leichtigkeit eingesetzt, die von einer ganz besonderen, kanadischen Freundlichkeit und Positivität begleitet wird.

www.jillzimmermann.com