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Sprache als Werkzeug Geschichte(n) mit Herbert Genzmer

Herbert Genzmer lebt seine Liebe zur Sprache seit dem Studium in fernen Ländern als Autor von Sprachbüchern und Romanen aus.

Obwohl es 2010 abgerissen wurde und die Wohnstätte inzwischen vier Neubauten auf das Gelände gesetzt hat, muss Herbert Genzmer bei seinen Besuchen in der Seidenstadt schmunzeln, wenn er heute am alten Standort des Nappowerks an der Hardenbergstraße vorbeikommt. Erinnerungen werden lebendig, wie er sich als Kind heimlich durch die schweren Tore schlich. Wenn der Hausmeister gerade nicht hinschaute, rannte er bis zu den großen Müllcontainern, um mit beiden Händen kräftig in die B-Ware zu langen, die hier durch die Mitarbeiter entsorgt wurde. „Mal hatten wir Glück, und mal hatten wir Pech“, beschreibt der sympathische 68-Jährige und lacht. „Meistens wurden wir bei unserem Abenteuer entdeckt; der Hausmeister hatte aber ein Holzbein und war nicht sonderlich schnell. War er aber in guter Form, gab es manchmal auch Schläge, war er in schlechter Form, entwischten wir unter seinem Geschrei mit den Taschen voller Nappos.“

Es ist leicht, mit dem belesenen und erfahrenen Mann ins Gespräch zu kommen, denn Genzmer hat unzählige Abenteuer erlebt und kann gut erzählen. In Krefeld großgeworden, ist er heute in der Welt zuhause. Der Autor wuchs im Nachkriegs-Krefeld auf, wo noch etliche Trümmergrundstücke darauf warteten, aufgeräumt und neu bebaut zu werden. Während sich mit dem Abitur viele seiner Freunde entschieden, in der Nähe von Krefeld zu bleiben, war für den Absolventen schon damals klar, dass er die Heimat so weit wie möglich hinter sich lassen wollte. Berlin wurde sein Wahlstudienort. „Ich schrieb mich vorerst für Anglistik und Kunstgeschichte ein, stellte aber schnell fest, dass mir die Beschäftigung mit Literatur zu wahllos war“, sagt er. „Also nahm ich Linguistik dazu und merkte, dass ich mit meiner Wahl richtig lag.“ Genzmers Zugang zu Sprache veränderte sich: Hatte er vor dem Studium das Gefühl, Literatur zwar zu verstehen, aber nicht vollständig erfassen zu können, lernte er an der Universität, kritisch mit Sprache umzugehen und sprachliche mit soziologischen und psychologischen Aspekten zu verknüpfen. Dabei faszinierte ihn schon damals, Sprachen zu vergleichen. „Sprache dient der Kommunikation, aber auch der Selbstdarstellung“, beschreibt er. „Sprechen wir in einer anderen Sprache, schrumpft unser Wortschatz quasi zusammen. Ich habe das Gefühl, dass dadurch immer irgendwie ein Teil von uns verloren geht.“

Herbert Genzmer lebt seine Liebe zur Sprache seit dem Studium in fernen Ländern als Autor von Sprachbüchern und Romanen aus.

Und dennoch waren es Fremdsprachen, die Genzmer – fast so wie einst die Nappofabrik in Krefeld – anzogen. Schon während des Studiums keimte in ihm erneut der Wunsch auf, neue Welten zu entdecken. Er verbrachte ein Semester in Mexiko und reiste mit dem Rucksack quer durch Asien, blieb über ein Jahr in Singapur hängen, entschied sich aber schlussendlich, seinen Lebensmittelpunkt in die USA zu verlegen. Genzmer hatte Glück und bekam einen Promotionsplatz an seiner Wahlhochschule, der „University of California, Berkeley“, wo damals alle arbeiteten, „die in der Linguistik Rang und Namen hatten“.


Der Doktorand knüpfte schnell Kontakte und widmete sich neben dem Universitätsleben vor allem seinen Recherchen rund um Methoden zur Vermittlung von Zweitsprachen. Eines Tages erhielt er den Auftrag, gemeinsam mit einem Kommilitonen ein amerikanisches Spanischlehrbuch ins Deutsche zu übertragen. „Das war natürlich Unsinn, denn Aufbau und Struktur der Sprachen, vor allem aber die Reihenfolge ihres Erlernens sind vollkommen verschieden“, erzählt er. „Wir konnten den Verlag überzeugen, auf der Basis des vorhanden Spanischbuchs ein eigenständiges Lehrbuch für Deutsch als Fremdsprache zu konzeptionieren.“ Das Ergebnis erschien 1988 und wurde umgehend zum Bestseller, der Genzmer fast zehn Jahre lang finanziell unabhängig machte. „Sachbücher zu schreiben, Übersetzungen zu machen, das war nie meine große Liebe“, erklärt er, „aber es ermöglicht mir, das zu tun, wofür ich wirklich brenne.“

Und das sind, wie soll es anders sein, Geschichten. Schon damals in Berkeley arbeitete Genzmer an seinem ersten Buch „Cockroach Hotel“. Heute ist die Liste der von ihm veröffentlichten Bücher lang und die Genres breitgefächert. Genzmer lässt in seinen klug konstruierten Storys den Leser in fremde Welten eintauchen – immer spielen die Geschichten an Orten, an denen er selbst einige Zeit gelebt hat: USA, Spanien, Türkei, Portugal, Deutschland oder Frankreich. Die Liste wächst. Obwohl Genzmer aktuell in Berlin lebt, erwischten wir ihn zum Interviewtermin auf Gran Canaria.


Buchvorstellung: Das perfekte Spiel

Herbert Genzmers neustes Buch: Das perfekte Spiel.

Die letzte Geschichte, die Herbert Genzmer veröffentlichte, ist die des kleinen Bluffers Felix Gidden. „Das perfekte Spiel“ beginnt 1955 in Düsseldorf. Hier wird der junge Mann von Schlägern brutal zusammengeschlagen. Offensichtlich liegt eine Verwechslung vor, denn eigentlich wollten die Männer Johannes Gidden, einen Industriellen, treffen. Seine Frau Barbara hatte in Istanbul hohe Spielschulden gemacht und war anschließend einfach abgerauscht. Felix bangt nun aber um sein Leben und willigt ein, für den „echten“ Gidden nach Istanbul zu reisen, die Verwechslung aufzuklären und die Schulden zu tilgen. Auf seiner Reise lernt er Selim Bay kennen, einen berühmten Spieler, der ihn tief in die Regeln des spielerischen Betrugs einführt. Barbara allerdings kann Felix nicht finden und beauftragt schlussendlich einen Privatdetektiv. Das perfekte Spiel nimmt Fahrt auf.

Die Idee zu dem Buch begann mit einer Kurzgeschichte. „Ich hatte eine vage Handlung im Kopf, und daraus wurde immer mehr“, erklärt Genzmer. „Beim Schreiben gibt es irgendwann diesen Punkt, an dem alles übersprudelt – das ist besser als Sex.“ Dass der Schriftsteller Istanbul für dieses Buch aussuchte, ist kein Zufall; er selbst hat über ein halbes Jahr in der Metropole am Bosporus verbracht. „In Istanbul hat einer der berühmtesten Betrüger gelebt“, erklärt er. „Außerdem passt die Stimmung. Die engen Gassen, die vielen Menschen, die orientalische Kultur.“ Arbeitet Genzmer an einer Geschichte, stürzt er sich mit allen Sinnen hinein, um die Kulisse schriftlich für den Leser herbeizuzaubern. „Beim perfekten Spiel war das nicht schwer“, führt er aus. „Istanbul hat einen besonderen Geruch, eine außergewöhnliche Geräuschkulisse und eine ganz eigene Kultur.“ Am Ende, denkt sich der Leser, ist es fast so wie im Handwerk: Ein Werkzeug zu besitzen, ist nicht schwer. Ein Werkzeug aber zu benutzen, hoch anspruchsvoll. Herbert Genzmers Werkzeug ist die Sprache.