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Zeitgeist

Eine neue Generation in der Krefelder Südstadt Carla und das intuitive Leben

„Es ist eine Erkenntnis ohne wissenschaftliche Einsicht“ oder „eine durch Schauen, nicht nur durch das Denken, erworbene Kenntnis“, schreibt das Lexikon über den Begriff „Intuition“ und verleiht ihm einen vorerst theoretischen Charakter. Wenn Carla Osebold allerdings dasselbe Wort erklärt, bekommt es auf einmal sehr lebendige Facetten. „Was habe ich für Qualitäten? Was brauche ich gerade, um für mich glücklich zu sein? Und was für Chancen fallen mir vielleicht einfach so vor die Füße?“, fragt die 26-jährige in den Raum und knotet ihre mit Ringen geschmückten schmalen Finger, die trotz ihrer Zartheit Stärke und Schnelligkeit vermitteln. „Für mich bedeutet, intuitiv zu leben, auf mich selbst zu hören“, erklärt die junge Frau. „Und das ist manchmal schwieriger als zu denken, aber am Ende glaube ich, ein guter Weg.“

Carla ist einer der wertvollen Importe, die uns der Designstudiengang der Hochschule Niederrhein geschenkt hat. Für das Studium in die Seidenstadt gezogen, sah sie schon bei der ersten Begehung der Stadt ein Potenzial, das vielen zuerst verborgen bleibt. „,Das ist hier wie ein kleines, dreckiges Berlin‘, habe ich gedacht“, erinnert sie sich und lacht.

Carlas Linoleumschnitte sind auch im Kochbuch „Geschmacksache“ der Stadt Krefeld zu sehen.

Eher zufällig stieß Carla auf die Hochschule Niederrhein

Schon immer interessierte sich Carla für das, was sie selbst entstehen lassen kann. In der Kindheit begann sie, Ballett zu tanzen, erforschte, wie es ist, dem Takt der Musik mit dem eigenen Körper einen neuen Ausdruck zu verleihen und entschied sich auch auf ihrem schulischen Weg für die musische Schiene. „Ich interessierte mich für Holzobjekte, für dreidimensionale Objekte in Räumen oder für Einrichtung“, beschreibt sie und fügt hinzu: „Mein Kunstlehrer legte mir nahe, dieses Interesse auch beruflich zu verfolgen.“ Eher zufällig stieß Carla anschließend auf die Hochschule Niederrhein, und ohne genau zu wissen, warum und wieso, schrieb sie sich fast gleichzeitig mit dem Semesterstart ein. „Ich hatte das Gefühl, dass das passen könnte“, erinnert sie sich. Und beim ersten Gang in das Gebäude sollte sich ihr intuitives Bauchgefühl bestätigen.

Die Möglichkeiten, die sich der Studentin hier auf einmal boten, zogen die Kreative in ihren Bann: In der Holzwerkstatt wartete eine riesige Kreissäge darauf, benutzt zu werden. In der Metallwerkstatt lagen Werkzeuge, die die junge Frau bis dahin noch nie gesehen hatte. Und in der Kunststoffwerkstatt sah sie Studenten, die unscheinbares Plastik in dreidimensionale Formen verwandelten. „Wir sollten unsere Hände nutzen, um uns selbst Ausdruck zu verleihen“, untermalt sie ihre Begeisterung. „Da war ich im Paradies.“ Gleichzeitig eröffnete sich durch die Theorieanteile des Studiums auf einmal eine für die Studentin ganz neue Welt: Durch das Büffeln von Design- und Kunsttheorie begann sie, moralische und ethische Gedanken mit in das kreative Arbeiten zu tragen. „Ich tauchte auf einmal tief in die Materie ein“, schildert die junge Frau. „Alles fühlte sich intensiver an.“

Carla zieht auf „Die Wittenburg“, ein besonderes Kommunenprojekt
Zur gleichen Zeit veränderte sich auch das private Leben der Studentin. Erst in einer Wohngemeinschaft in der Krefelder Südstadt gestrandet, entschied sie sich im Bachelorstudium, gemeinsam mit Partner Maxi in ein besonderes Kommunenprojekt nach Kempen zu ziehen. „Ich habe schnell gemerkt, dass mich andere Wohnformen ansprechen“, erklärt sie. „Ich glaube fest daran, dass wir uns als Menschen viel mehr bereichern sollten.“ Auf einem großen Hof, den die Gemeinschaft liebevoll „Die Wittenburg“ nennt, wohnten Carla und Maxi zuerst mit Carola, ebenfalls ehemalige Designstudentin, und deren Sohn zusammen. Immer mehr Kreative zog das Projekt an, denn 1.000 Quadratmeter bieten viel Platz für allerhand Ideen: Während Maxi sich dem Möbelbau widmete, begeisterte sich Carla immer mehr für die Selbstversorgung. „Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, jeden Tag für alle zu kochen“, erklärt sie. „Ich fand es wunderschön, wenn abends alle nach Hause kamen und wir zusammen am großen Tisch aßen und über unseren Tag erzählten.“ Carla entdeckte dabei zum ersten Mal das intuitive Kochen für sich. Aus Lebensmitteln, die aus dem Garten stammten, vom Foodsharing übergeblieben oder vom Vortag noch im Kühlschrank waren, zauberte die Studentin leckere Mahlzeiten. „Das Kochen ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir unserem Bauchgefühl vertrauen sollten“, schildert Carla. „Oft machen wir uns Druck. Wir möchten in allen Lebensbereichen Rezepte oder Vorgaben befolgen und vergessen dabei, wonach uns eigentlich ist. Lassen wir Regeln los, kann etwas Großes entstehen.“ Carla nennt dieses Vorgehen „sich selbst in kaltes Wasser schmeißen“. Lebhaft probierte sie es in ihren 26 Jahren immer wieder aus.

Als der Buchstabe „J“ vom ehemaligen „Joh Ramrath“ das Zeitliche segnete, hatte Carla den Namen für ihren Laden gefunden.

Auch, als sie 2017 kurz vor ihrem Bachelor entschied, für fünf Monate nach Nepal zu gehen. Angeschlossen an ein Hotel, kümmerte sie sich hier nicht nur um Video- und Fotomaterial für die Lodge, sondern rief Recyclingprojekte ins Leben oder erklärte nepalesischen Frauen, wie sie mit eigenem Handwerk etwas Geld verdienen können. „Die Selbstwahrnehmung der Frauen schockte mich dabei wirklich“, erklärt Carla. „In ihrer Kultur sind die Nepalesinnen dafür da, die Familie zu versorgen. Sie folgen dieser Gesellschaftsvorgabe stringent, ohne darauf zu achten, wonach ihnen ist.“ Carla wollte eine junge Frau mit auf eine mehrtägige Wandertour durch den Himalaya nehmen, um ihr das eigene Land zu zeigen. Aber schon nach kurzer Zeit brach diese ab. „Noch nie hatte sich die Nepalesin mit sich selbst auseinandergesetzt“, erinnert sich die 26-Jährige. „Das überforderte sie völlig. Das hat mich sehr traurig gemacht.“

Es sind genau diese Erfahrungen, gepaart mit der eigenen Reflexion, die Carla das Fundament für ihr eigenes Handeln erschaffen lassen. Und als ihr, zurück in Deutschland und nach abgeschlossenem Bachelor-Studiengang, das Haus Ramrath am Westwall quasi vor die Füße fällt, weiß sie, dass sie auch hier ihrer Intuition vertrauen muss. „Ich träume von einer Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig zeigen, was in uns schlummert“, beschreibt sie. „Ramrath war wie ein Hauptgewinn.“

Die alte Plisseewerkstatt Ramrath ist zum Hauptquartier des Kollektivs geworden

Heute hat die Kreative gemeinsam mit fünf anderen jungen Leuten die alte Krefelder Plisseewerkstatt am Westwall gemietet. Auf vier Etagen hat das „Kunstmassiv“ der ehemaligen Wittenburg ein neues Zuhause gefunden und konnte sich darüber hinaus als Kollektiv erweitern. Hier stützt es sich nicht nur gegenseitig mit Ideen und Ressourcen und lebt in einer häuslichen Gemeinschaft zusammen, sondern Carla hat in einem eigenen Ladenlokal und in einer großen Werkstatt Platz, sich selbst zu verwirklichen. Ihre charakteristischen Linoleumdrucke, die auch im Kochbuch „Geschmacksache“ der Stadt Krefeld abgebildet sind und in ihrer Bachelorarbeit, einem Buch über das intuitive Kochen, Platz finden, zieren die Wände. Eine wunderschöne alte Ladentheke ist gefüllt mit Arbeiten anderer Künstler aus dem Viertel, und in einem Hinterzimmer warten große Fenster vor einem verwunschenen Garten und ein einladender Raum darauf, bespielt zu werden.

„Die Pläne sind groß“, beschreibt die junge Frau. Carla möchte dem Laden regelmäßig einen neuen Themenschwerpunkt geben und – wie sie es im Studium erfahren hatte – Kunst und Ethik miteinander verschmelzen lassen. „Ich stelle mir vor, dass ich zum Beispiel ein paar Monate Kunst und Design rund um Feminismus ausstelle und wir in der Werkstatt dazu Vorträge oder Diskussionsrunden machen“, erklärt sie. „Gleichzeitig ist mir der Viertelcharakter wichtig.“ Carla engagiert sich nicht nur beim Krefelder „Südgang“, sondern sie wünscht sich auch, dass der Laden „Oh Ramrath“, wie der charmante Altbau heißt, Treffpunkt für Ähnlichdenkende ist. „Hier ist jeder willkommen, der Interesse an Kunst oder bewusstem Design hat, aber auch Menschen, die Teil einer kreativen Vernetzung sein möchten und so, wie das Kollektiv, achtsamer und nachhaltiger durch das Leben gehen wollen“, beschreibt die 26-Jährige, und wieder bewegen sich ihre flinken, mit Ringen geschmückten Finger. „Krefeld hat so viel Potenzial. Wenn wir es bündeln und uns gegenseitig supporten, können wir am Ende Großes schaffen.“

Auf Instagram und Facebook posten Carla Osebold und ihr Kollektiv unter dem Titel „Kunstmassiv“.

Infos zum Laden gibt es unter dem Stichwort oh_ramrath

Oh Ramrath
Westwall 54, 47798 Krefeld
Öffnungszeiten: Mo 14-19 Uhr, Di – Fr 9-12 Uhr & 14-19 Uhr sowie Sa 9-12 Uhr. Oder einfach unter 0163-8187569 anrufen oder an der Tür klingeln!