highlightkoeppe

Die Fensteröffnerin Angelika Wolff

Angelika Wolff öffnet Fenster: früher als Journalistin für Weltthemen, als Reiseleiterin für fremde Kulturen, und heute, als Coach, zur eigenen Persönlichkeit.

Manchmal drehen wir den Fenstergriff nach oben oder zur Seite, machen halb oder ganz auf, manchmal brauchen wir dafür Kraft, und manchmal schieben wir die Scheibe einfach geschmeidig von rechts nach links. Was wir hinter dem geöffneten Fenster finden können, ist sehr unterschiedlich. Mal ist es bunt und fröhlich, es riecht nach Frühling und Dingen, die wir mögen. Mal ist es aber auch dunkel und weht kalt zu uns hinein – dann möchten wir am liebsten das Fenster direkt wieder zuknallen.

Angelika Wolff öffnet Fenster – im übertragenen Sinne. Das tut sie schon ihr ganzes Leben, aber immer auf unterschiedliche Art und Weise. Lange hat sie beim Fernsehen als Autorin gearbeitet und Menschen Fenster zu Informationen und Geschichten geöffnet. Dann hat sie einige Jahre in Afrika gelebt und als Reiseleiterin Touristen durch die Fenster des traditionellen, einheimischen Lebens blicken lassen. Und heute ist Angelika Wolff Coach und hilft anderen Menschen, die eigenen, inneren Scheiben vorsichtig aufzuschieben und mit dem umgehen zu lernen, was sich dahinter verbirgt.

Das Fenster zu Weltthemen

Angelika Wolff öffnet Fenster: früher als Journalistin für Weltthemen, als Reiseleiterin für fremde Kulturen, und heute, als Coach, zur eigenen Persönlichkeit.

Es gibt Momente, in denen wir Leidenschaften ganz unvorhergesehen entdecken. Eigentlich stand für die Krefelderin fest, dass sie nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften in München an einem Theater arbeiten würde. Ein Studentenjob beim Fernsehen änderte ihren Berufswunsch aber schlagartig. „Das Vermitteln von Inhalten hat mich total fasziniert“, erinnert sie sich an ihre ersten Schritte in der TV-Redaktion. „Irgendwie ist der Bildschirm ja auch eine Art Bühne. Beim Fernsehen hast du aber die Chance, selbst daran mitzuarbeiten, welchen Schwerpunkt du bei der Informationsvermittlung legst. Du schreibst das Stück.“ Wolff arbeitete sich von der Aushilfe zur Autorin und anschließend zur Redaktionsleiterin einer kleinen Produktionsfirma in München und Berlin hoch. Schon hier produzierte sie Beiträge für RTL, Sat 1, Pro Sieben, ARD, ZDF und den MDR. 1997, mit 33 Jahren, warb sie das Wochenmagazin RTL Extra ab. „Abwerbungen waren zu dieser Zeit untypisch, und die Anfrage ehrte mich sehr“, erinnert sie sich. „Auf einmal hatte ich die Chance, längere Stücke für ein Format zu drehen, das Einfluss hatte. Ich konnte aufklären.“
Wolff zog von Berlin nach Köln und produzierte vor allem Beiträge im Bereich Medizin, Kriminologie und Psychologie. Akribisch ging sie auf die Suche nach Themen, und gleichzeitig gelangten die Themen zu ihr. Sie recherchierte gründlich, steuerte, welche Bilder entstehen sollten, und schloss die O-Ton-Geber mit ihrer empathischen, klugen Art auf. „Ich habe damals schon gemerkt, dass ich eine besondere Fähigkeit besitze“, beschreibt sie. „Manchmal dachte ich, dass den Protagonisten gar nicht bewusst ist, dass eine Kamera mitläuft, die das Gesagte quasi in die ganze Welt transportiert. Einige haben mir intimste Dinge anvertraut.“

2001 stieß sie auf ein Thema, das zu einem ihrer wichtigsten journalistischen Projekte werden sollte. Bei Kollegen in einem anderen TV-Format sah sie eine Mutter, die sich weinend und schreiend darüber beklagte, dass das Jugendamt ihr das Kind entzogen hätte – so ganz ohne Grund, war sie sich sicher. Wolffs Spürsinn setzte sich in Gang; immer wieder sah sie sich den Clip an und verband die Eindrücke mit Erinnerungen. „Ich hatte im Spiegel einen Beitrag gelesen, der ein wenig bekanntes Krankheitsbild beschrieb“, erklärt sie. „Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom machen Mütter Kinder absichtlich krank, um sie anschließend mit ihrer Fürsorge zu überschütten. Damals gab es in Deutschland außer diesem einen Spiegel-Artikel und einem kleinen Aufsatz in einem Fachmagazin keinerlei Informationen darüber.“ Wolff sprach bei ihrem Chefredakteur vor und überzeugte ihn davon, eine Berichterstattung von RTL Extra abzukoppeln, um mehr als nur die übliche, kurze Beitragslänge zu Verfügung zu haben. Am Ende gab ihr Spiegel TV den Zuschlag, und die damals 38-Jährige wurde abgestellt, um ein Jahr lang zu recherchieren. Mit ihrem Team reiste sie durch die Weltgeschichte, besuchte Experten in fernen Ländern und fand Opfer und Täter, die zu einem Interview bereit waren. „Wir waren als erstes Kamerateam in einem amerikanischen Gefängnis, um mit einer Frau zu sprechen, die eines ihrer Kinder getötet und bei ihrem zweiten Kind verursacht hatte, dass dieses schwerbehindert war“, erinnert sich Wolff. „Diese O-Töne in die Medien zu bringen, war bahnbrechend.“ Ihr Beitrag fand bundesweit Beachtung, anschließend sprangen diverse Medien auf den Zug auf. „Das, was ich mit diesem Film tat, hatte Relevanz“, schildert Wolff. „Durch das Öffnen von Fenstern konnte ich verändern.“

Das Fenster zu einer anderen Kultur

Einige Monate zogen ins Land, und um sich vom stressigen Fernsehalltag zu erholen, der oft Ressourcen über die klassische Arbeitszeit hinaus fraß, reiste Wolff für einen Urlaub nach Afrika. Hier buchte sie eine Tour mit einem kleinen Reiseanbieter, Kuvona Cultural Tours. „Und dann passierte es“, erinnert sich die heute 57-Jährige. „Es klingt total klischeehaft, aber ich verliebte mich in den Reiseführer.“ Zurück in Deutschland, kündigte Wolff ihren Job beim Fernsehen, zog aus ihrem Apartment in Köln und packte alle ihre Möbel, um sie nach Afrika zu verschiffen. Für sie stand außer Frage: Mit Paul, Urenkel eines Schweizer Missionar-Arztes, wollte sie ihre Zukunft verbringen.

Aber mit der Zeit verzog sich das beflügelnde Gefühl der ersten Verliebtheit, und Wolff befand sich mit beiden Füßen in einem Land, das doch so unterschiedlich zu dem war, was sie kannte. „Es fehlt dir viel, von dem du vorher nicht dachtest, dass es dir fehlen wird“, beschreibt sie. „Vor allem aber die Omnipräsenz von Gefahr verändert dich. Das kann sich hier niemand vorstellen.“ Mit Paul und seiner Familie lebte Wolff, damals verheiratete Angelika Girardin, mitten im Nirgendwo in einem Haus am See in der Gemeinde Elim. Wenn die Dunkelheit, oft schon um fünf Uhr nachmittags, über das Land zog, kamen hochgiftige Schlangen aus ihren Verstecken, aber auch Einbrecher und Räuber. Vier Mal wurde das Ehepaar überfallen, einmal sogar gekidnappt. Diese Erlebnisse veränderten die Ehe des Paares, und gleichzeitig nahm Angelika Wolff ihr neuer Beruf als Reiseleiterin immer mehr ein. Kuvona Cultural Tours war ein besonderes Unternehmen. In kleinen Reisegruppen tauchten die Gäste tief in die afrikanische Welt ein – gesteuert durch Pauls landesweite Kontakte. Es öffneten sich Fenster, die klassischen Touristen verborgen blieben. Gleichzeitig förderte das nachhaltige Reiseunternehmen soziale Projekte und zeigte Einheimischen, wie sie sich selbst besser versorgen können. 2005 wurde Kuvona Cultural Tours sogar in Deutschland mit dem „ToDo!-Award“ ausgezeichnet. „Mit nachhaltigem Reisen kann man aber leider nicht viel verdienen, und irgendwann überschatteten finanzielle Probleme und der daraus resultierende Druck unsere Ehe“, beschreibt sie. „Dann kam noch die Nachricht aus Deutschland, dass es meinen Eltern zunehmend schlechter ging. Ich zog die Reißleine.“ Mit Schulden, mit einem verletzten Herzen und völlig eingenommen von einer anderen Kultur und ihren intensiven Erlebnissen, kam Angelika Wolff 2008 zurück nach Deutschland.

Das Fenster zu sich selbst

Reiseführerin zu sich selbst – Afrika und Fernsehen hat Angelika Wolff hinter sich gelassen
Reiseführerin zu sich selbst – Afrika und Fernsehen hat Angelika Wolff hinter sich gelassen

Sie begann damals wieder beim Fernsehen, produzierte Geschichten für Stern TV. Auch wenn die Storys auf dem Bildschirm gut funktionierten, fühlte sie sich in dieser Welt nicht mehr wohl. „Das alles war überhaupt nicht mehr wichtig, wenn man gesehen hatte, was in einem Entwicklungsland passiert“, erinnerte sie sich. Und auch der Sender beobachtete, dass sich die Journalistin verändert hatte. Nach fast neun Jahren kündigte er von heute auf morgen ihre Anstellung. Kurze Zeit später folgte der nächste Schicksalsschlag: Ihre Eltern starben. „2009 war wirklich das schlimmste Jahr meines Lebens“, sagt Wolff und lächelt rückblickend. „Heute weiß ich, dass das wohl Bestimmung war.“ Denn die Journalistin blieb nicht lange liegen. Nur eine Woche später begann sie eine Ausbildung zum systemischen Coach und ließ sich außerdem als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache ausbilden. Sie zog zurück in ihre Heimatstadt, in das Haus ihrer Eltern.

Heute unterstützt Angelika Wolff Führungskräfte und Angestellte dabei, ihre Rolle zu finden, begleitet Frauen und Männer im Umbruch und hilft bei der Neuorientierung. Wolff öffnet die inneren Fenster der Menschen. „Als Coach bin ich quasi eine Reiseleiterin nach innen“, sagt sie und schmunzelt. „Im Nachhinein weiß ich, dass mein ganzes Leben mich genau hierhin geführt hat.“


www.lifecoach-niederrhein.de/