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Kultur

Ideen aus dem Stadt-Labor wirstadt

„So wie die Stadt selbst ein Ort des Zusammenkommens ist, soll wirstadt ein Ort für Stadtideen sein – für einen aufgeklärten und optimistischen Blick auf die Ressource Stadt.“

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Außen hui – innen pfui?

Donuts – diese süßen amerikanischen Krapfen – sind oft mit Schokolade überzogen, manchmal auch mit Pudding gefüllt oder mit bunten Zuckerperlen bestreut. Gemeinsam haben alle das Loch in der Mitte. Spricht man in der Stadtplanung vom Donut-Effekt, meint man allerdings keine leckere Süßigkeit, sondern ein handfestes Problem: Denn leider gähnt auch in der Mitte vieler Städte ein „dunkles Loch“, während sich drumherum reichlich Zuckerstückchen gruppieren. „Traurigerweise hat sich Krefeld in den letzten Jahrzehnten ebenfalls derart ungünstig verändert“, sagt Barbara Schweikart von der Initiative „wirstadt“. Während sich die Krefelder Vororte gut entwickeln, wirkt die Innenstadt an vielen Stellen vernachlässigt. In Traar, Verberg oder Fischeln lassen sich wohlhabende Zuzügler nieder. Das Zentrum innerhalb der Wälle leidet unter Einwohnerschwund. Schade, dass die Stadt Krefeld diesen Trend noch verstärkt, indem sie ‚auf der grünen Wiese‘ weitere Neubaugebiete ausweist“, bedauert Schweikart.

Think-Tank für die Stadtentwicklung

Neue Ideen für ein urbanes und lebenswertes Krefeld zu entwickeln, hat sich die Initiative „wirstadt – Labor für Stadtkultur“ auf die Fahne geschrieben. Gegründet wurde die Gruppe 2018 von den Architekten Claudia Schmidt und Rainer Lucas, dem Innenarchitekten Jochen Usinger, dem Kommunikationsdesigner Florian Funke sowie dem Juristen Robert Reichling. Später kam die Betriebswirtin Barbara Schweikart dazu. wirstadt versteht sich als interdisziplinärer „Think-Tank“ für eine zukunftsweisende Stadtentwicklung. „Unsere Leitidee ist eine ganzheitliche Betrachtung stadtrelevanter Aspekte von Wohnen, Mobilität und Umwelt über Baukultur und Industriekultur bis Handel“, erklärt Florian Funke. Dabei ist die gelungene Gestaltung städtischer Räume ein wichtiger Schwerpunkt für die Gruppe. Denn nur eine baulich attraktive Innenstadt entwickelt genügend Anziehungskraft auf Menschen, hier zu wohnen, zu arbeiten, einzukaufen oder die Freizeit zu verbringen.

Sich selbst ähnlicher werden

Mit Stadtgestaltung befassen sich Rainer Lucas und Jochen Usinger bereits seit Jahren im Rahmen des Krefelder Gestaltungsbeirats, den Lucas leitet. Dessen Mitglieder haben nach deutschem Baurecht allerdings nur beratende Funktion und daher selten aktiven Einfluss auf Baumaßnahmen. „Das ist hier leider anders als zum Beispiel in den Niederlanden“, weiß Claudia Schmidt, die als gebürtige Krefelderin in Amsterdam ein Architekturbüro betreibt. „Bei niederländischen Neubauten wird sehr viel mehr Wert daraufgelegt, sich in das Vorhandene einzufügen. Das sieht man auch, wenn man die Stadtbilder vergleicht.“ Und Rainer Lucas ergänzt: „Wir empfinden Stadtbilder als gelungen, in denen – wie in historischen Altstädten – Materialien, Bauformen und Maßstäbe harmonieren. Daher sollte jede Baumaßnahme dazu beitragen, dass ein Quartier sich selbst ähnlicher wird – und nicht das Gegenteil. Dabei bezieht sich Stadtgestaltung nicht nur auf historische und neue Häuser. Man muss auch die öffentlichen und halböffentlichen Zonen – Straßen und Plätze – im Blick haben.“

Foto: Frederik Künzel

100 Stadthäuser für Krefeld

Da rechtliche Änderungen, wie zum Beispiel das Erlassen einer Gestaltungssatzung, für die Krefelder Innenstadt, nicht kurzfristig zu realisieren sind, haben die Städtebau-Aktivisten konkret Projekte angestoßen, um mehr Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Das Wohnen in der Innenstadt sieht die Gruppe hierbei als Kernthema der nächsten Jahre. Viel Aufmerksamkeit und Zuspruch hat 2020 das Projekt „100 Stadthäuser für Krefeld“ bekommen. Zusammen mit Architekturstudenten der Hochschule München zeigte wirstadt, welche ungenutzten Wohnpotenziale die Krefelder Innenstadt auch viele Jahrzehnte nach den Kriegszerstörungen immer noch aufweist. In einem temporären Stadtlabor an der Königstraße wurden beispielhafte Entwürfe für Neubauten in innerstädtischen Baulücken präsentiert. Die Stadt Krefeld würdigte die Impulse von wirstadt als einen der Träger des „Heimat-Preis des Landes Nordrhein-Westfalen 2020“.

Straßen als Orte der Begegnung

Aber es geht wirstadt nicht nur um Baukultur. Eine lebenswerte Innenstadt benötigt ebenso ein stadtgerechtes Mobilitätskonzept und Ideen für mehr Grün in der Stadt. Daher unterstützt die Gruppe unter anderem die Initiative „FahrRad Aktionskreis“ und die Idee, die Hauptverkehrsachse Sankt-Anton-Straße auf Tempo 30 zu reduzieren und schrittweise verkehrstechnisch zurückzubauen. „Eine Entschleunigung des Verkehrs ist eine Voraussetzung dafür, Straßen wieder zu Orten der Begegnung zu machen – wirklicher Stadtkulturraum, in dem sich Menschen gerne aufhalten“, heißt es in der programmatischen Aussage „mobile.stadt“. Auf eine Steigerung der innerstädtischen Aufenthaltsqualität zielt auch das Projekt „Grüne Wälle für Krefeld“. „Die vier Wälle sollen wieder die wichtigste öffentliche Grünanlage der Innenstadt werden: grüne Lunge, Orientierungsrahmen und nicht zuletzt das identitätsstiftende Merkmal und Erbe Krefelds“, so die wirstadt-Position zum Thema Stadtgrün. Eine Innenstadt mit derart gestärkter Aufenthaltsqualität ist dann auch wieder ein attraktiver Wohnstandort – und der Donut-Effekt würde der Geschichte angehören.


Dialog erwünscht!

Als Labor für Stadtkultur will wirstadt zu einer lebendigen und kooperativen Stadtentwicklung beitragen. Nur wenn Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Vereine und Bürgerschaft miteinander agieren, kann sich wirklich etwas bewegen. Das war 2020 Anlass für die „Stadtkulturgespräche“ mit Krefelder OB-Kandidaten. Dieser Dialog soll 2021 auf breiterer Basis fortgeführt werden. Kontakt aufnehmen kann man am unter info@wirstadt.org. Umfangreiche Informationen über Projekte und Positionen bekommt man auf der Website www.wirstadt.org