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Sichtbarkeit durch die Teilhabe an kultureller Identität: VHS Krefeld nimmt Frauen in den Fokus

Advertorial

Gabriele Vegelahn ist 83 Jahre alt. Geboren in Ostpreußen, begab sich ihre Mutter 1945 gemeinsam mit ihr auf die Flucht. Aus Angst vor Vergeltung der Wehrmacht waren sie Teil von unzähligen Familien, die versuchten, sich aus Ostpreußen auf kilometerlangen Märschen fußläufig in Sicherheit zu bringen. Ihre Mutter ließ nicht nur die eigene Heimat hinter sich, sondern sie kämpfte auch hart, um diesen Weg alleine mit drei Kindern zu bewältigen. Auch wenn Gabriele Vegelahn damals noch zu klein war, um all das zu verstehen, sind es doch die Erzählungen ihrer so wichtigen Mutter, die auch ihr gesamtes Leben prägten.

Regina Jacob Gburuhe stammt aus einer anderen Generation. In Nigeria geboren, wurde die Stadt, in der sie aufwuchs, vor wenigen Jahren angegriffen. Dabei ermordete die islamistische terroristische Gruppierung Boko Haram ihren Mann, ihre Schwiegereltern und ihre eigenen Eltern. Regina Jacob Gburuhe gelang mit ihren drei Kindern die Flucht. Auf sich allein gestellt, kam sie im Jahr 2015 nach Deutschland. Das, was sie in ihrer Heimat und auf dem so langen Weg nach Deutschland erlebte, beschäftigt sie jeden Tag. Ihre Erzählungen wird sie an ihre Kinder weitergeben, die, wenn sie erwachsen sind, häufig daran zurückdenken werden.

Gemeinsamkeiten in den Unterschieden: Zusammenhalt trotz unterschiedlicher Herkunft

Es sind Biografien zweier ganz unterschiedlicher Frauen und doch erzählen beide eine ähnliche Geschichte und sind wie durch ein unsichtbares Band miteinander verwoben. Dieses Band macht die neue Ausstellung der VHS Krefeld in Kooperation mit der Gleichstellungsstelle und dem Fachbereich Migration und Integration jetzt sichtbar. Unter dem Slogan „Krefelder Mütter und Töchter“ haben sich im Rahmen einer internationalen Kulturwerkstatt 14 Frauen aus VHS-Integrationskursen ein Jahr lang kennengelernt und miteinander gearbeitet. Dabei sind Audiomitschnitte und Tafeln entstanden, mit denen jede Frau ihre eigene Biografie erzählt. Diese Tafeln stellen die Gemeinsamkeiten von Frauen, die aus unterschiedlichsten Kulturkreisen stammen und zu unterschiedlichen Zeiten geboren wurden, dar. Sie befassen sich aber auch mit Spannungsfeldern, mit politischen Entwicklungen und der Stellung der Frau weltweit. Die Rolle der Mutter und Großmutter rückt dabei in den Vordergrund.

Der Beginn des Projekts liegt rund zwei Jahre zurück

Um die Idee zum Projekt nachvollziehen zu können, bedarf es eines großen Schritts zurück. Im März 2019 war Professor Ourghi mit seinem Buch „Ihr müsst kein Kopftuch tragen“ in der VHS Krefeld zu Besuch. Der Islamwissenschaftler stellt die These auf, dass das Kopftuch in konservativen muslimischen Kreisen als politisches Instrument eingesetzt werde, um die Rechte von Frauen zu beschneiden. Es entstand eine rege Diskussion; einige Tage später wandte sich der Vorstand der Türkischen Union an Dr. Inge Röhnelt. Taibe Akdenzi, stellvertretende Vorsitzende der Türkischen Union, lud die VHS-Leiterin ein, selbst einmal mit muslimischen Frauen über die Bedeutung des Kopftuchs zu sprechen. Bei einem „Mädelstreffen“ in der Moschee, zu dem Inge Röhnelt auch Gleichstellungsbeauftragte Heike Hinsen begleitete, kamen die Frauen ins Gespräch.

Die Ausstellung Kulturwerkstatt international: Krefelder Mütter und Töchter läuft vom 13.9.-29.10.2021

„Unsere Begegnung war zu Beginn sehr verhalten und distanziert“, erinnert sich die VHS-Leiterin. „Bis zu dem Moment, als wir begannen, über unsere Mütter und Großmütter ins Gespräch zu kommen.“ Röhnelt erzählte die Geschichte ihrer Großmutter. Ihr war es nicht gestattet, sich eigenständig einen Ehemann auszusuchen; ein Zugang zu Bildung erfolgte nur reduziert. Einige der muslimischen Frauen waren verwundert. Sie hatten nicht gewusst, dass es auch in Deutschland eine Zeit gab, in der Frauen eine andere gesellschaftliche Position besetzten. „Auf einmal fühlten wir uns verbunden und entdeckten Parallelen, denn es sind immer die gleichen Themenfelder, in denen Frauen Benachteiligung erleben“, erklärt Röhnelt weiter. „Menschenrechte, Bildung und Vernetzung, Arbeit, Besitz und Armut sowie Macht.“

Anderthalb Jahre arbeiteten die Frauen in einer internationalen Kulturwerkstatt

Aus dieser Begegnung entstand die Idee zu einer internationalen Kulturwerkstatt. Die Teilnehmerinnen führten Interviews miteinander, nahmen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Blick und beschäftigten sich mit der Stellung der Frau in ihrem Herkunftsland. Dafür untersuchten sie auch den Global Gender Gap Index von 2006 bis 2020. Dieser beschreibt anhand unterschiedlicher Indikatoren wie zum Beispiel wirtschaftliche Teilhabe, Zugang zu Bildung oder politische Verantwortung, wie sich die Stellung der Frau in den einzelnen Ländern in den letzten Jahren verändert hat. Er bildet zum Beispiel ab, dass sich, seit 2015 eine Frau zur Staatspräsidentin wurde, in Nepal die Rechte für Mädchen und Frauen langsam verbessern.

„Die Ausstellung soll das Leben der Frauen sichtbar machen. Dabei wird deutlich: Integration beginnt in der persönlichen Begegnung und der Wertschätzung der kulturellen Identität der vermeintlich anderen Frau“, schließt Inge Röhnelt ab. „Zur Integration in Deutschland gehört auch eine demokratische Debattenkultur – gerade dann, wenn kulturelle Traditionen die Grundrechte einer Frau verletzen.“

Die VHS lädt alle Interessierten herzlich ein, sich die Ausstellung anzuschauen – und vielleicht sogar eigene Erfahrungen in den Berichten der Teilnehmerinnen wiederzuentdecken.


Ausstellungseröffnung „Kulturwerkstatt international: Krefelder Mütter und Töchter“ am Sonntag, 12. September, 11-13 Uhr, im Foyer des VHS-Hauses.
Die Ausstellung läuft vom 13.9.-29.10.2021. Individualführungen zu weiteren Terminen sind buchbar per Mail vhs@krefeld.de oder telefonisch unter 02151-3660-2664. Zur Kursinfo der VHS geht es HIER entlang!