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Tagrid Yousef Die Nationen-Netzwerkerin

Tagrid Yousef

Unser gesamtes Leben basiert auf Netzwerken. Wir profitieren vom Netzwerk der Flora und Fauna, um an Rohstoffe für Lebensmittel zu gelangen. Wir tragen einen kleinen Computer mit uns herum, der mit einem weltweiten Datennetzwerk verbunden ist. Und in unserem Hirn sorgt ein hochkomplexes Geflecht aus Nerven und Neurotransmittern für jeden einzelnen Gedanken und jede Handlung, die wir ausführen. Eigentlich würde Dr. Tagrid Yousef heute an genau diesem komplexen System unseres Körpers arbeiten, wäre die studierte Neurowissenschaftlerin bei dem Fachbereich geblieben, in dem sie Anfang der 90er Jahre promoviert hat. Aber sie hat sich ein anderes Netzwerk ausgesucht, dem sie sich tagtäglich mit Hingabe widmet: Als Integrationsbeauftragte Krefelds pflegt sie die interkulturellen Verbindungsstränge der Bürgerinnen und Bürger. Wir wollen erzählen, wie sie vom Labor in die Stadtverwaltung kam. Denn eigentlich hat Tagrid Yousef schon immer Kulturen vernetzt.

Ankommen: Sprache und Kommunikation

Geboren in Palästina, kommt das älteste von fünf Kindern als Anderthalbjährige auf dem Arm ihrer Mutter dem Vater nach Deutschland hinterhergereist. In Altenessen, einem nördlichen Stadtteil der Ruhrpott-Metropole, wächst das kleine Mädchen als Gastarbeiterkind auf und geht in den katholischen Hort St. Hedwig. Hier lernt sie Deutsch und erfährt christliche Einflüsse, während die Familie zu Hause sie muslimisch erzieht. Große Gegensätze erlebt sie nicht. „Sei freundlich, sei ehrlich und sowas. Mein Papa hat früher immer gesagt: ‚Nehmt euch aus jeder Kultur immer das, was ihr für gut und wichtig haltet‘“, erinnert sich die heute 54-Jährige. Ein Satz, der sie stark beeinflusst.

Tagrid Yousef wird schon früh damit konfrontiert, nicht nur selbst die Eindrücke unterschiedlicher Kulturen einordnen, sondern auch anderen dabei helfen zu müssen. Das kleine Mädchen mit den langen Zöpfen, das schon vor Grundschuleintritt Deutsch lesen und schreiben kann, füllt bald Anträge für ihre Eltern aus und übernimmt bürokratische Aufgaben für viele andere Familien aus dem Viertel. „Deswegen habe ich heute auch keine Probleme, Formulare zu bearbeiten. Das kann ich im Schlaf. Außer die Steuererklärung. Das hasse ich wie die Pest“, lacht sie in ihrem Büro im Stadthaus, von dem aus sie gemeinsam mit ihren rund 60 Mitarbeitenden bald an die Hansastraße umziehen wird.

Wachsen: Glaube und Wissenschaft

Ende der Siebziger wird Yousefs Vater arbeitslos und sucht eine neue Aufgabe, die er im Glauben findet. Damit beginnt eine prägende Zeit für die ganze Familie. „In einer Garage hat er mit ein paar anderen Männern nach und nach die erste große Moschee der Stadt entwickelt“, blickt die Tochter in die Vergangenheit zurück. Während ihr Vater sich als Imam dem Auf- und Ausbau der muslimischen Gemeinde in Essen widmet, muss sie darum kämpfen, den Bildungsgrad zu erreichen, den sie sich wünscht. Nach der Grundschule bekommt Tagrid nur eine Hauptschulempfehlung. „Das Schicksal vieler Migrantenkinder, auch heute noch“, bemerkt die Integrationsbeauftragte kopfschüttelnd. Eine Lehrerin sorgt schließlich dafür, dass sie nach dem 10. Schuljahr aufs Steinmetzgymnasium wechseln kann. Hier verändert sich die vorher schüchterne Schülerin, schneidet sich die Haare kurz, kleidet sich selbstbewusster und tritt auch so auf. Als ihr Vater sagt, sie solle ein Kopftuch tragen, weigert sie sich. Tagrids große Wissbegier, die sie früher vom Vater gelernt hat, wird zum Konfliktpunkt. Denn während die junge Frau sich für Evolutionstheorie begeistert, für alles Erklärungen und Ursachen sucht, lehnt ihr Vater die Wissenschaft ab. Wenn er sagt, „Haram“, fragt Tagrid, „Warum?“. Dass es keine Antworten gibt, frustriert sie – motiviert sie aber auch, ihre eigenen zu suchen.

Sie macht Abitur, heiratet und beginnt ein Biologiestudium an der Ruhr-Universität Bochum. Hier fokussiert sie sich auf den Bereich Hirnforschung. Während des Vordiploms bekommt sie ihre erste Tochter – ein Geschenk, aber auch eine Herausforderung für die leistungsstarke Frau. Als sie ihr Studium nach einer verpatzten Klausur abbrechen will, hält ihr damaliger Professor Klaus-Peter Hoffmann sie davon ab: „‚Talente geben wir nicht auf‘, sagte er damals zu mir. Das werde ich ihm niemals vergessen“, erinnert sich Yousef an einen weiteren Satz, der ihre Zukunft geprägt hat. Nach dem Diplom will ihr Professor, dass sie promoviert. Sie nimmt eine Doktorandenstelle in der medizinischen Fakultät an, forscht, führt Operationen durch. Zu Hause ist sie Mutter und Ehefrau. Nach ihrem zweiten Kind, das pünktlich zu ihrer Doktorprüfung auf die Welt kommt, machte sie ein knappes Jahr „Pause“ und gründet den Verein Bochumer Unizwerge zur Kinderbetreuung für Student:innen – ein Netzwerk, das bis heute Bestand hat.

Nach dem Studium unterrichtet Tagrid Yousef zunächst Bio und Physik an einer Düsseldorfer Berufsschule. Ein paar Jahre später wechselt sie an ein Berufskolleg in Duisburg. Die Arbeit mit Jugendlichen macht ihr Freude; neben ihren Hauptfächern lehrt sie ihre Schüler:innen Gesundheitswissenschaften und Psychologie. Hier ist sie diejenige, die keine Talente aufgibt und fast all ihre Schützlinge durchs Abitur bringt. Auch das Thema Integration begegnet ihr als Lehrerin immer wieder, Fragen und Konflikte werden ihr vorgetragen – und sie gibt Antworten. Für ihr Engagement erhält sie 2012 den Deutschen Lehrerpreis für den innovativsten Unterricht. Heute steht er in ihrem Wohnzimmer, gut sichtbar auf dem Bücherregal.

Tagrid Yousef
Als Integrationsbeauftragte der Stadt vermittelt Tagrid Yousef zwischen den verschiedenen in Krefeld lebenden Kulturen.

Neuanfang: Integrationsbeauftragte in Krefeld

2014 wird Tagrid Yousef auf die Leitungsstelle des Kommunalen Integrationszentrums in Krefeld aufmerksam gemacht. Der Gedanke, das Vernetzen der Kulturen zum Hauptberuf zu machen, liegt ohnehin nahe. Damals, noch unter Gregor Kathstede, beginnt sie eine neue Mission, in der sie alle ihre bisher erlernten Kompetenzen bündeln kann: „Ich habe angefangen aufzuräumen und dem Thema Integration ein Gesicht zu geben. Als 2015 eine hohe Zuwanderung einsetzte, fing die Arbeit so richtig an“, erinnert sie sich. „Das Thema war überall. Genau wie in den vergangenen Monaten Corona. Die Menschen fühlten sich in ihrem Gewohnten zurückgeworfen. Wenn Dinge durcheinandergeraten, entsteht Angst – Chaos im Gehirn. Und das bekomme ich nur in den Griff, wenn ich Begegnungen schaffe.“

Auch als Integrationsbeauftragte Tagrid Yousef weiterhin wissbegierig, auf der Suche nach Antworten und zwischenmenschlichen Schnittstellen. Für ihre neue Aufgabe hat sie sich zur Interkulturellen Systemdesign-Konfliktmanagerin ausbilden lassen. Das bedeutet, nach „Systemfehlern“ in unserer Gesellschaftsstruktur zu forschen, die interkulturelle Konflikte begünstigen, und davon ausgehend zwischen den betroffenen Parteien zu vermitteln. „Ein Systemfehler ist beispielsweise, dass viele nicht wissen, an wen sie sich mit einem interkulturellen Konflikt wenden können. Wenn Frau Müller ein Problem mit ihrem Nachbarn Herrn Achmed hat, dann kann Sie natürlich die Polizei anrufen oder einen Anwalt einschalten. Aber meistens gibt es ja eine Ursache für den Konflikt; da nützt es nichts, das Symptom temporär einzudämmen. Hierfür braucht es eine eigene Anlaufstelle“, erläutert sie energisch. Oft seien Vorurteile ein Problem, bemerkt sie und führt augenzwinkernd aus: „Wenn Sie mich auf der Straße blöd angucken, dann kommen die automatisch erst mal in mir hoch: Die hat einen Nasenring, die ist tätowiert – solche Dinge. Ich packe Sie in eine Schublade. Und damit Sie aus dieser Schublade rauskommen, muss zwischen uns etwas passieren. Diesen Schritt initiieren die meisten Menschen aber nicht selbst. Dabei brauchen sie unter Umständen unsere Hilfe.“

Blick nach vorn: Dialoge fördern

Besonders, wenn es um den Glauben geht, scheiden sich buchstäblich die Geister. Dabei existieren – wie Tagrid Yousef selbst früh lernen durfte – zwischen vielen Religionen Überschneidungen in essenziellen Bereichen, zum Beispiel, was soziale Belange betrifft. Als zweitgrößter Gemeinde in Krefeld widmet sie der muslimischen Community derzeit besondere Aufmerksamkeit – denn diese errichtet an der Gladbacher Straße gerade eine Moschee. Für die Integrationsbeauftragte ist das ein besonders wichtiger Schritt, denn so wird der Glaube tausender Krefelderinnen und Krefelder, der bisher fast nur in Garagen und Hinterhöfen ausgeübt wurde, sichtbarer. Und Vorurteilen kann öffentlich entgegengewirkt werden. „Wir bekommen vorwiegend positive Rückmeldungen“, freut sie sich. „Und nun möchten wir mit den Leuten, die drumherum wohnen, schauen, wie wir die Moschee am besten an die Nachbarschaft anbinden können.“ Doch auch wer nicht zum direkten Umfeld gehöre, sei eingeladen, über die Abteilung Integration einen Besuch wahrzunehmen – denn jede Begegnung stärkt das große interkulturelle Netzwerk, das Yousef in der Stadt aufbauen möchte.

Tagrid Yousef ist eine hochmoderne und doch traditionell verwurzelte Frau, eine selbstständige und selbstbewusste Macherin, die gleichzeitig liebevolle Mutter und Großmutter sein kann. So verbindet sie, während sie tagtäglich andere Menschen miteinander vernetzt, auch in sich selbst ein beeindruckendes Geflecht aller prägenden Einflüsse ihrer Vergangenheit: die eigenen muslimischen Wurzeln, das offene Ohr für Fragen, den Willen, menschliche Potenziale zu fördern und die Fähigkeit, Kommunikation zu stiften. In einem Radiointerview mit dem WDR hat sie kürzlich gesagt: „Ich fange nichts an, was ich nicht beende.“ Und so möchte sie sich als nächstes dafür einsetzen, einen stärkeren Dialog der verschiedenen Ämter herzustellen, mit denen Migranten zu tun haben, um so weitere Systemfehler aufzudecken und diese gemeinschaftlich zu beheben. Das wird sie schaffen – wie alles, dem sie sich mit Herzblut widmet.