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Straßen und ihre Geschichten Die Stahlwerkstraße

Den Namensursprung der Stahlwerkstraße, die direkt am Stahlwerk vorbeiführt, müssen wir nicht erklären. Es lohnt sich aber auf die Geschichten zu blicken, die rund um die Stahlwerkstraßen passierten.

Als 1927 die Deutschen Edelstahlwerke AG von der Vereinigten Stahlwerke AG gegründet wurde, hatten diese ihren Unternehmenssitz zuerst in Bochum. Ende 1929, also rund zwei Jahre später, entschlossen sich aber die Verantwortlichen, den Unternehmenssitz nach Krefeld zu verlegen – hier hatte August Thyssen bereits 1900 die Krefelder Stahlwerke AG gegründet. Mit Thyssen begann eine Ära, die bis heute Krefeld prägt. Denn sein Engagement hinterlässt mit Stahldorf einen ganzen Krefelder Bezirk. Dieser liegt an der Seite des Stahlwerkes, an die das „Tor 2“ grenzt, während die gegenüberliegende Seite des Stahlwerks zu Fischeln-Süd gehört. Den Namensursprung des Weges, der direkt am Stahlwerk vorbeiführt, müssen wir in unserer monatlichen Reihe über Straßennamen nicht erklären, denn wohl jeder kann ableiten, wie die Straße zu ihrem Namen kam. Es lohnt sich aber auf die Geschichten zu blicken, die rund um die Stahlwerkstraßen passierten:

Den Namensursprung der Stahlwerkstraße, die direkt am Stahlwerk vorbeiführt, müssen wir nicht erklären. Es lohnt sich aber auf die Geschichten zu blicken, die rund um die Stahlwerkstraßen passierten.

Holger Carow lebt seit 20 Jahren auf der Stahlwerkstraße. 40 Jahre hat er, wie viele andere der Anwohner hier, im Stahlwerk gearbeitet. Aber schon lange vorher entstand ein Bezug zum Industriegelände, denn bereits sein Opa und seine Mutter waren als Beschäftige in dem Werk aktiv. Lebte die Familie in der Kindheit des heute 60-Jährigen ebenfalls in der Nachbarschaft des Arbeitsplatzes an der Oberschlesienstraße, liebte Carow es schon damals, am Dachfenster den Hals lang zu machen und die Industrieschornsteine des Werks zu beobachten. Sein ganzes nachfolgendes Leben lang orientierte sich Carows Wohnort an dem Bild, das er als Junge gesehen hatte: Seine erste eigene Wohnung bezog er an der Limburgstraße und im Laufe der Jahre trieb es ihn an die Vulkanstraße – immer blieb er in Stahldorf.

Den Namensursprung der Stahlwerkstraße, die direkt am Stahlwerk vorbeiführt, müssen wir nicht erklären. Es lohnt sich aber auf die Geschichten zu blicken, die rund um die Stahlwerkstraßen passierten.

Der Umzug in eine Doppelhaushälfte auf die Stahlwerkstraße vor rund 20 Jahren war dann aber doch irgendwie ein bisschen so, als würde er endgültig nach Hause finden. „Die Häuser hier waren schon immer für Beschäftigte des Werkes gedacht und so tickten wir hier irgendwie alle gleich“, erklärt er schmunzelnd. „Auch wenn wir untereinander nicht verwandt waren, war es ganz normal, dass es die Nenntante Liesel gab oder die Kinder in den Häusern ein und aus gingen. Ich fand hier eine besondere Gemeinschaft.“

Und in Gemeinschaften wird getratscht, und es werden Geschichten erzählt. Einer der ersten Storys, die Carow nach seinem Umzug hörte, war die über den Besuch eines chinesischen Ministerpräsidenten. Es war in den 80er-Jahren, als der damalige, neue Ministerpräsident aus China sich ankündigte, die Samt- und Seidenstadt zu besuchen. Der damalige Bürgermeister wollte ihm natürlich die schönsten Seiten der Rheinstadt zeigen und so plante man eine aufwendige Route, die unter anderem über die damals gerade fertiggestellte neue Brücke der Gladbacher Straße führen sollte. Natürlich sicherten die Akteure die Strecke besonders, sie fuhren sie aber auch immer wieder ab, um vor dem Besuch mögliche Ausblicke zu beseitigen, die den Ministerpräsidenten in seiner Meinung über die Stadt negativ beeinflussen könnten. „Dabei fielen wohl einige Häuser auf der Stahlwerkstraße in den Blick“, weiß Carow aus Erzählungen. „Und man entschloss kurzerhand, diese auf die Schnelle mit einer neuen Fassade zu versehen.“ Im Ausblick der Brücke aber lag nicht etwa der gesamte Straßenzug, sondern nur die ersten Häuser und so kam es dazu, dass sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen neuen Glanz erhielten, die anderen aber so blieben wie sie waren. „Wenn ein Teil der Straße hübsch und neu wirkt, wirkt der andere natürlich umso hässlicher“, sagt Carow lachend. „Dieser Unterschied ist bis heute zu sehen und wird jedem, der die Straße einmal besucht, auffallen.“

Den Namensursprung der Stahlwerkstraße, die direkt am Stahlwerk vorbeiführt, müssen wir nicht erklären. Es lohnt sich aber auf die Geschichten zu blicken, die rund um die Stahlwerkstraßen passierten.

Erst auf den zweiten Blick auffallend, aber wahrscheinlich durch das Rattern des Autos schon viel früher erkennbar, ist auch der unterschiedliche Straßenbelag des Weges. Denn irgendwann endet der Asphalt und geht in eine Schotterstraße über. Auch hierzu gibt es eine Geschichte. Eigentlich grenzten an den unbefestigten Teil der Straße früher Schrebergärten, die durch die Arbeiter des Stahlwerks bewirtschaftet wurden. Irgendwann aber verkaufte das Stahlwerk die Gärten, sodass die Fläche bebaut werden konnte. Bis heute ist der Straßenzustand geblieben und die Häuser nicht wirklich erfasst. Wer der provisorischen Straße folgt und ganz genau hinschaut, wird außerdem unter Büschen und Sträuchern einen klitzekleinen Bunker entdecken. Von den sogenannten „Splitterschutzzellen“ sind heute nur noch wenige in Krefeld geblieben. Carow als Hobbyhistoriker weiß, dass diese bei Luftangriffen von denjenigen genutzt wurden, die keinen kurzfristigen Zugang zu einem „richtigen“ Bunker hatten. In die Iglu-artigen Gebilde passte nur eine Person hinein. In diesem Fall, so glaubt ein weiterer Nachbar, war der Bunker von der Familie gebaut worden, die damals ein Herrenhaus auf dem Gelände der benachbarten Ziegelei besaß. 1924 wurde das Gelände an der Hückelsmay genutzt, um rund zehn bis zwölf Meter tief Sand abzutragen und an die Bauwirtschaft zu verkaufen. Noch heute liegt dieses Gelände tiefer als das Umland.