fbpx
zeitgeist

Der freischwimmer e.V. hat das „Go“ für eine langfristige Geländenutzung des alten Stadtbads Vom kaiserlichen Schwimmpalast zum urbanen Utopia

Der freischwimmer e.V. gestaltet ein Areal des alten Stadtbads zum urbanen Gemeinschaftsraum um

Die ersten Schwimmzüge, der erste Tauchgang, für einige vielleicht der erste Kuss oder das erste Date – mit dem „alten Stadtbad“ an der Neusser Straße sind viele Erinnerungen verbunden. Das prunkvolle Jugendstilgebäude, das zu seiner Erbauungszeit als das schönste seiner Art in Deutschland  galt, sah Generationen kleiner und großer Krefelder trocken kommen und mit feuchtem Haar und roten Wangen wieder gehen. Es war ein Ort der Gemeinschaft – konnten sich in zwei großen Hallenbädern, mehreren Nasszellen und einem großen Außenbereich mit Doppel-Freibad problemlos hunderte Menschen gleichzeitig aufhalten. Davon zeugen heute noch alte Fotos, die dutzende Krefelder, dicht an dicht im prallen Sonnenlicht, mit Schirmen, Eiscreme und Badetüchern, zeigen. Das waren die Sommer im Stadtbad der 60er – und ähnlich belebt soll es hier auch künftig wieder zugehen.

Dass der freischwimmer e.V. sich des verfallenden Stadtbads angenommen hat, ist inzwischen gemeinhin bekannt. Seit fast drei Jahren sind die rund rund 250 Freunde und Förderer und unzählige Aktive hier bereits tätig. Als die Arbeiten am Bad 2019, nach fast 20 Jahren Dornröschenschlaf, begannen, mussten erst ein verwucherter Rankenwald gerodet und massive Erhaltungsmaßnahmen angestoßen werden, um das Freibad wieder sicht- und das gesamte Areal nach und nach wieder nutzbar zu machen. Von Beginn an stand fest, dass dieser Ort wieder für die Bürgerinnen und Bürger zugänglich sein muss – und sie selbst mitentscheiden sollten, in welcher Form. Der Verein startete zu diesem Zweck eine groß angelegte Badideenumfrage, an der mehr als 400 Krefelderinnen und Krefelder aller Altersgruppen teilnahmen. Gleichzeitig ging der Vorstand in Verhandlungen mit der Stadt, um ein Teilareal für das Projekt gewinnen zu können. Heute ist sicher, dass die freischwimmer den gesamten Außenbereich des Bades inklusive mehrerer Nebengebäude umfunktionieren und langfristig zugänglich machen dürfen.

freischwimmer der ersten Stunde: Marcel Beging und Katrin Mevissen gehören zu den Initiatorinnen und Initiatoren des urbanen Großprojekts
freischwimmer der ersten Stunde: Marcel Beging und Katrin Mevissen gehören zu den Initiatorinnen und Initiatoren des urbanen Großprojekts

Abgesehen von eher ungewöhnlichen Vorschlägen wie dem Ausbau des gigantischen Gebäudes zum Laufhaus, zur Bibliothek oder zum „Dungeon“ kristallisierte sich im Rahmen der Badumfrage ein klares Meinungsbild heraus, das fünf „Wunschnutzungscluster“ anführen: Kultur (darin eingeschlossen Konzerte, Theater, Kunst und Literatur), Gastronomie & öffentlicher Treffpunkt, Arbeit & Coworking, (Weiter-)Bildung sowie Urban Gardening. Diese wurden vom freischwimmer e.V. auf die verschiedenen zur Verfügung stehenden Bereiche des Bades übertragen, sodass dort nun fünf multifunktionale Orte entstehen können.

Werk.Stadt

Die alte Werkstatt des Bades mit kleiner Kaffee-Bar wurde bereits im November 2019 als Vereins-Basis eingeweiht und dürfte Besuchern der Stadtbadführungen schon als Start- oder Endpunkt der geleiteten Erkundungsgänge bekannt sein. Sie steht den Bürgerinnen und Bürgern für unterschiedliche Nutzungen im kleineren Rahmen zur Verfügung.

Ideen.Filter

Die großen Filtersilos gegenüber der Werk.Stadt, die einst zur Säuberung des Badewassers dienten, werden derzeit zu echten „Think Tanks“ mit Treppenzugang, Fenstern und Sitzgelegenheiten ausgebaut. Voraussichtlich Ende 2021/ Anfang 2022 können die Ideen.Filter als Rückzugraum zum Entspannen, für Seminare und Gruppenarbeiten genutzt werden und bleiben solange, bis sie aufgrund denkmalschutzrelevanter Eingriffe entfernt werden.

Start.Bad

Die Renderings auf dem Gelände zeigen Besucherinnen und Besuchern jetzt schon, wie die einzelnen Bereiche aussehen werden

Die geräumige alte Freibad-Umkleide und Sammeldusche wird bis Ende 2021 zu einem multifunktionalen, zweietagigen Veranstaltungsraum ausgebaut. Hier soll Platz sein für Workshops, Ausstellungen, Bühne, Bar und Werkstattarbeiten, wobei die offene Raumgestaltung Zusammenarbeit und Austausch fördern soll. Eine begehbare Pergola als Balkon mit Ausblick auf den gesamten Freibadbereich samt Seebühne verbindet das Start.Bad mit dem Frei.Bad. Die Fassade ober- und unterhalb der Pergola wird außerdem mit einem vertikalen Kräutergarten versehen.

Die Renderings auf dem Gelände zeigen Besucherinnen und Besuchern jetzt schon, wie die einzelnen Bereiche aussehen werden

Frei.Bad

Im Herzstück des Geländes, dem alten Freibad, entsteht ein öffentlicher Erholungs-, Erlebnis- und Wirtschaftsraum mit Veranstaltungsfläche, Seebühne und einer kleinen Abkühlungsmöglichkeit im alten Wettkampfbecken. Im rückwärtig gelegenen Waldstück werden zudem bereits Nutzgärten angelegt. Dazu kommt ein großes Baumhaus in einer alten Platane, von dem aus Groß und Klein eine ganz neue Perspektive aufs Freibad genießen können. In Betrieb genommen wird das Frei.Bad, wenn möglich, Mitte/Ende 2021.

Arkadien

Das alte Arkadenhaus seitlich der Schwimmbecken wird zur überwiegend ehrenamtlich genutzten Gastronomie inklusive Biergarten umgestaltet. Abwechslung ist hier oberstes Gebot: Die Bürgerinnen und Bürger probieren und entscheiden selbst mit, welches kulinarische Angebot den Gaumen erfreuen darf.

Lediglich ein größeres Anliegen der Umfrageteilnehmer konnten die freischwimmer nicht in ihren Revitalisierungsplänen abbilden: Ob in den zwei großen Hallen des Stadtbads künftig wieder Schwimmer empfangen werden können, wird derzeit von der Stadt geprüft. Dieser Bereich fällt nicht in die Verantwortung des bürgerschaftlichen Vereins. Aber ob der Innenteil des Stadtbads nun wieder zurück zu seinem Ursprungszweck findet, oder nicht: Hier wird ein Gemeinschaftsort nach 20 Jahren wieder öffentlich gemacht und neu gedacht. Und das ist ein großer Entwicklungsschritt für das urbane Krefeld.

Für den Marktverkauf wird schon fleißig Pflanzgut gezüchtet

Der freischwimmer e.V. hofft, mit seinem Anteil an der Revitalisierung des Stadtbads verkrustete Strukturen aufgebrochen und vielleicht sogar den ein oder anderen Krefelder motiviert zu haben, selbst die Stadt mitzugestalten. „Das soll nicht das letzte derartige Projekt gewesen sein. Wir möchten andere dazu zu ermutigen, öffentliche Räume zu entwickeln. Und wir sind auch immer ansprechbar, um dabei zu helfen, solche Ideen in Gang zu setzen, denn wir können unsere kooperative Arbeit mit der Stadt gut vermitteln“, erklärt Initiator Marcel Beging. Immerhin habe man nach drei Jahren ausreichend Erfahrung damit. „Es wäre auch schön, wenn die Stadt – falls mal wieder Flächen zur Verfügung stehen, wie diese – in Zukunft an die Bürger denken würde, um sich anregen zu lassen“, fügt Initiatorin Katrin Mevissen augenzwinkernd hinzu.

Wer weiß, wie wir in 30 Jahren mit Erinnerungsfotos umgehen – ob Instagram oder ein Nachfolger das gute alte Album gänzlich ersetzt oder wir umgekehrt wieder zur analogen Fotografie zurückkehren? Sicherlich werden wir Kindern und Enkeln begeistert zeigen wollen, wie wir nach durchgestandener Coronapandemie glückselig auf den bunten Liegestühlen des Freibads gelegen und Longdrinks geschlürft haben. Und wenn alles noch besser läuft, trifft sich der Nachwuchs 2051 sogar selber zum Wohlfühlen in der versteckten Oase zwischen Neusser und Gerberstraße, um eigene Erinnerungen zu schaffen.



Aktuelle Informationen unter:
www.freischwimmer-krefeld.de