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Anne und Johannes Furth haben mit der Schlüffken-Brauerei ein neues Kapitel im Buch ihrer Familiengeschichte aufgeschlagen Heimatliebe schmeckt nach Hopfen

Krefeld, Ende der 1990er Jahre. Es ist warm und riecht nach Rotkohl. Über den dunklen Dielenboden knarzen die Schuhe flinker Kellner mit schwer beladenen Biertabletts, während gut anderthalb Meter über den vollbesetzten Tischen eine prächtige Modelleisenbahn ihre Runden entlang der Gastraumwände dreht. Hinterm Tresen amüsieren Anne und Johannes Furth sich köstlich. Die beiden Schulkinder sind zu Besuch im beliebten Gasthaus ihrer Eltern und nutzen diesen besonderen Ausflug zum Schabernack-Treiben. „Na warte, freche Kinder schmeißen wir in die Suppe“, droht Oberkellner Axel scherzhaft und setzt eine strenge Miene auf. Die beiden kichern nur noch lauter. Ihre seltenen Besuche im Nordbahnhof entführen die Geschwister in eine Kontrastwelt zum behüteten Wohnhaus auf dem St. Töniser Land. Inzwischen sind mehr als 20 Jahre vergangen – und der Abenteuerspielplatz zwischen Bahnsteig und Zapfanlage ist zum Arbeitsplatz der beiden geworden.

„Trauriger wäre das Leben und trister ohne die Liebe und Treue der Geschwister“, sagt der deutsche Volksmund. Da würde sicher nicht jeder zustimmen – schließlich kann die geteilte Liebe der Eltern zwischen Kindern auch ernste Rivalität hervorrufen. Anne und Johannes Furth jedoch gehören zur anderen Sorte. Gemeinsam haben die beiden Anfang-Dreißiger ihre Begeisterung für das traditionelle Brauwesen entdeckt und die elterliche Gastronomie um eine eigene Brauerei erweitert. „Wir hatten immer schon ein super Verhältnis, vielleicht auch, weil wir nur anderthalb Jahre Altersunterschied haben. Als Kinder waren wir nur selten im Nordbahnhof bei unseren Eltern, da haben wir immer die Kellner geärgert. So richtig miterlebt haben wir den Gastro-Alltag dann ab 15, 16, als wir angefangen haben, an den Wochenenden intensiv zu helfen“, beschreibt Anne Furth heute und betont: „Die Liebe zu unserem Zuhause und die Verbundenheit zum Nordbahnhof waren seitdem immer da. Trotzdem war es erst nicht klar, dass wir das hier übernehmen. Es hat drei, vier Jahre Fernarbeit gebraucht, bis wir sicher waren, dass wir es machen wollen – aber dann nur zusammen.“ Während Anne ein Jahr lang eine Kochschule in Paris besuchte und anschließend Lebensmitteltechnologie studierte, widmete sich Johannes der Betriebswirtschaftslehre und absolvierte anschließend eine einjährige Kochausbildung in Florenz. „Neben dem Nordbahnhof wollten wir aber auch was Eigenes haben“, erklärt der 33-Jährige.

Mit Bier verbinden die Geschwister, was sie schon als Kinder in der gut besuchten Gastronomie der Eltern miterleben durften: Lebensfreude, Genuss und Einfachheit. Die Idee, ein eigenes Bier zu produzieren, begleitete Anne und Johannes deshalb viele Jahre. „Was uns verbunden hat, war die Begeisterung dafür, ein Produkt herzustellen und eine Marke zu kreieren“, sind sich die beiden einig. Nach langer gedanklicher Gärung ging es mit der neuen Brauerei dann ganz schnell: Als der Entschluss gefasst war, trennten sich die Geschwister, um das nötige Knowhow aufzubauen. Anne absolvierte ein mehrmonatiges Praktikum bei der renommierten Brauerei Giesinger in München. Wenig später besuchte Johannes einen Biersommelierkurs. „Eine schöne Zeit“, schmunzelt er und erntet einen amüsierten Blick von seiner Schwester. „Die beste seines Lebens“, ergänzt Anne augenzwinkernd. Während des Kurses lernte Johannes auch den Mann kennen, der heute für die Produktion und Qualitätssicherung des Schlüffken verantwortlich ist. „Ohne Mario, unseren Braumeister, geht gar nichts. Wir sind hier ein Dreiergespann“, hebt er hervor.

„Offenheit war uns von Anfang an sehr wichtig, die spiegelt sich auch in der Architektur unserer Brauerei wider. Man hat einen direkten Blick ins Kesselhaus, und wir sind immer offen für Gäste und Besucher, die sich das Ganze mal anschauen oder sich mit uns austauschen möchten.“

Johannes Furth

Wenn sich die antike Eisenbahn „Schluff“ langsam von St. Tönis Richtung Hülser Berg schiebt, erinnert sie unweigerlich an eine dampfende rot-beige Riesenraupe. Ein Schluff ist eben kein D-Zug. Genauso wenig ist das nach ihm benannte Schlüffken ein „schnelles Bier“ – im Gegenteil: Die Brauerei ist Träger des Slow Brewing-Qualitätssiegels und stellt ihre Biere im langsamen, rohstoffschonenden Verfahren her. „Wir betreiben echtes, traditionelles Brauhandwerk unter Einsatz modernster Technologie. Besonders bei uns ist die offene Gärung und dass wir nicht nach dem High-Gravity-Verfahren brauen, das heißt: Wir brauen nicht stärker ein, um im Nachgang das Bier wieder zu verdünnen. Offenheit war uns von Anfang an sehr wichtig, die spiegelt sich auch in der Architektur unserer Brauerei wider. Man hat einen direkten Blick ins Kesselhaus“, erläutert Johannes stolz. Die Arbeit zahlt sich aus. Ursprünglich sei Schlüffken vor allem als Fassbier für den Gastronomiebetrieb gedacht gewesen und nur in kleinen Mengen manuell in Literflaschen abgefüllt worden. Aufgrund der großen Nachfrage hat sich das inzwischen geändert.

Mit ihrem Bier haben die beiden Geschwister einen Trend losgetreten: Viele jüngere Leute besuchen wieder vermehrt die Traditionsgaststätte Nordbahnhof, und das Interesse an Brauprozess und Biersorten sei merklich gestiegen, freut sich Anne: „Das finden wir toll! Gerade bei den offenen Brauereien sieht man, dass da ein ganz neues Publikum dazugekommen ist. Wir konnten aber auch die Alteingesessenen vom Schlüffken überzeugen. Es ist uns wichtig, ein breites Publikum anzusprechen. Hier soll es sein wie im Brauhaus – jung, alt, alles gemischt!“ Immer zwischen Brauerei und Gaststätte hin- und herwechselnd verbringen Anne und Johannes heute einen Großteil ihrer Zeit am alten Bahnsteig „Crefeld-Nord“. Die Kellner werden jetzt tatkräftig unterstützt – für den Schabernack hinterm Tresen wird irgendwann vielleicht die dritte Furth-Generation im Nordbahnhof sorgen.

Brauerei Schlüffken GmbH
Preußenring 130, 47798 Krefeld
Tel.: 02151-67444, www.schlueffken.de

Das Slow Brewing-Siegel garantiert einen herausragenden Biergeschmack und eine schonende Herstellung nach höchstem Anspruch. Überprüft werden die Biere jeden Monat vom renommierten Forschungszentrum Weihenstephan für Brau- und Lebensmittelqualität (TU München).