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Wie Plakate Erinnerungen schaffen Marmeladenglas-Momente mit Rolf Brandt

Rolf Brandt hält besondere Momente seines 76-jährigen Lebens auf besondere Weise fest: in Plakaten, die ihn berühren. Jetzt stellt er erstmalig öffentlich im An-Go-Lo aus.

Es ist der Tag, an dem ein Schuss die wohl bislang schlimmste Ära der deutschen Geschichte endgültig beendete. Als sich am 30. April 1945 Adolf Hitler in seinem Berliner Führerbunker erschoss, erblickte im rund 180 Kilometer entfernten Seehausen in der Altmark ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt. Rolf Brandt wurde ins Nachkriegsdeutschland geboren. „Der größte Verbrecher ist gestorben, und ich kam auf die Welt“, schildert der heute 76-Jährige. „Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, ob dieser Zufall mein Leben irgendwie beeinflusste.“ Ein offensichtlicher Zusammenhang lässt sich natürlich nicht erkennen, der Abergläubige allerdings könnte vermuten, dass Rolf seinem besonderen Geburtsdatum eine außergewöhnliche Eigenschaft verdankt.

Läutete das Ende von Hitlers Regime eine neue, schönere Zeit ein, besaß Rolf schon immer die Fähigkeit, Schönheit – selbst an schwarzen Tagen – zu erkennen. Denn, obwohl Deutschland in Schutt und Asche lag, Millionen Menschen um Angehörige trauerten und die Versorgungsstruktur unterirdisch war, gelang es ihm schon als Kind, zwischen Sorgen und Nöten unvergessliche Marmeladenglas-Momente zu finden. Als er 1950 mit seiner Familie zum Beispiel an die Uerdinger Straße zog, ging er in den Trümmerfeldern auf Entdeckungsreise und ließ über den Ruinen selbstgebastelte Drachen steigen. „Das war wie eine Zauberwelt, einfach wunderschön“, schwärmt Rolf mit leicht belegter Stimme, die Spuren seines Alters preisgibt. „Ich war eben schon immer ein Augenmensch. Ich kann mich in solchen Bildern verlieren.“

Rolf Brandt hat eine besondere Leidenschaft: Er sammelt Plakate, die ihn besonders berühren und schafft so seine ganz eigene Chronologie des Lebens
Rolf Brandt hat eine besondere Leidenschaft: Er sammelt Plakate, die ihn besonders berühren und schafft so seine ganz eigene Chronologie des Lebens

Das war auch so, als Rolf viele Jahre später über den Ostwall flanierte. Begann er nach seinen Lehrjahren im Bereich Sanitär und Heizung sowie einer erweiterten Ausbildung rund um Klimatechnik seine Karriere bei den Krefelder Stadtwerken, war damals die Zentrale noch an der Hansastraße. Egal, ob in der Mittagpause oder nach der Arbeit: Rolf liebte es schon immer, gemütlich über die Straßen zu spazieren und sich dabei den Eindrücken der Stadtkulisse und den Schaufenstern hinzugeben. „Das waren Zeiten, als Krefeld noch Heimat der Galerie Denise René Hans Mayer war, als im Einrichtungshaus Schröer moderne Designer-Möbel und im Entree Geschenkideen und Wohnzubehör gezeigt wurden oder Prinzenberg auf dem Ostwall zum Stöbern einlud“, erinnert er sich. „Ich wusste überhaupt nicht, wo ich meine Augen lassen sollte. Farben, Formen, Typographie – alles zog mich an.“

Einen persönlichen Hochmoment erlebte der junge Mann auch, als er mit Ende 30 zum ersten Mal beruflich bei der Textilveredlungsfirma Voss-Biermann, Lawaczeck zu Besuch war. Völlig ahnungslos begriff er auf einmal, dass das eindrucksvolle, ehemalige Verseidag HE-Gebäude von Mies van der Rohe, dem Bauhaus-Direktor überhaupt, entworfen worden war und stellte Schritt für Schritt die Verbindungen her. „Als ich begriff, was Krefeld auch mit dem Haus Lange und dem Haus Esters für eine Bedeutung in der Entwicklung des Bauhauses hatte, habe ich mich so gefreut“, schildert Rolf schmunzelnd. „Das sind so kleine Erlebnisse, die ich nur mit mir ausmachte, die mir aber unheimlich viel bedeuteten.“

Für die Bauhausschule hegt Brandt eine besondere Begeisterung
Für die Bauhausschule hegt Brandt eine besondere Begeisterung

Es war ungefähr zur gleichen Zeit, als Rolf begann, diese kleinen Erlebnisse für sich festhalten zu wollen. Scheint sein Kopf wie eine riesige Videothek zu funktionieren, aus der er per Knopfdruck alte Erinnerungen und Bilder abspielen kann, entschloss er sich, auch materiell Andenken zu schaffen. Wann immer der Kunstliebhaber mit Schönem in Kontakt kam, versuchte er, den Marmeladenglas-Moment durch den Kauf eines Plakats zu konservieren. Dabei verfolgte er unkomplizierte Regeln: Das Plakat musste einfach gefallen. „Ich bin ein Dilettant im guten Sinne. Ich verstehe überhaupt nichts von Kunst,“, schildert er lachend. „Aber auf jedem einzelnen Plakat ist irgendetwas zu sehen, was ich mag.“ Mal ist es eine außergewöhnliche Typographie, mal ist es ein ausdrucksstarkes Foto, mal Kunst eines Künstlers, den er gut findet, mal hat es Bezug zu einer Lokalität, die Rolf besuchte, mal ist es eine politische Botschaft oder mal einfach nur ein Farbspiel, das den Krefelder begeistert.

Da ist zum Beispiel ein tiefschwarzes Plakat der Galerie Meißner in Hamburg, das 1983 eine Ausstellung von Mavignier ankündigt. Kleine, weiße Pünktchen durchziehen das Bild. Die geschriebenen Lettern werden nur beim genauen Hinsehen sichtbar. „Das ist für mich ein Wahnsinnsding“, beschreibt Rolf. „Ich freue mich einfach so sehr, dass ich dieses Plakat besitze.“

Auch zur Sammlung gehören Ausstellungsplakate von Jean Tinguely. Der Schweizer Maler und Bildhauer wurde vor allem durch seine beweglichen, maschinenähnlichen Skulpturen bekannt. „Wie er einfach irgendwelche Maschinen künstlerisch erschuf, fasziniert mich vollkommen“, schwärmt er. „Auch hier kann ich einfach nicht genug kriegen.“

Und dann gibt es natürlich noch diverse Zeitzeugnisse vom Haus Lange und Haus Esters, die bis in die 70er Jahre zurückreichen. Für Rolf Brandt ist es nicht nur ihre offensichtliche Schönheit, die ihn berührt, sondern vor allem die Geschichte, die dahintersteht, die ihn begeistert. „Ich habe Krefeld miterlebt, als es eine Glamourstadt für Kunst war“, erinnert er sich. „Kunst war immer schon ein kluges Mittel, um gegen alte Strukturen vorzugehen. Das ist auch hier geschehen. Wir haben Kunst in den 68ern in Krefeld gelebt.“

Lässt Rolf Brandt seine inzwischen mehr als 700-teilige Sammlung durch die Finger gleiten, wirkt er wie in einer anderen Welt. Die Hände blättern vorsichtig durch die Seiten, die Augen liegen ruhig auf den Motiven, und immer wieder muss er eine Geschichte zum unter dem Stapel erscheinenden, nächsten Plakat erzählen. Die Plakate wirken dadurch nicht einfach nur wie Farben auf Papier, sondern der Kunstliebhaber lässt sie zu lebendiger Zeitgeschichte werden.

Rolf genießt diese Momente offensichtlich. Denn zwischen Job und Verpflichtungen hatte er nicht immer die Zeit, sich so intensiv seiner Sammlung zu widmen. Lange Zeit lebte er mit seiner Frau in einem Haus in Grefrath; vor drei Jahren dann fand er eine außergewöhnliche Wohnung in der 21. Etage des Mississippidampfers inmitten der Krefelder Innenstadt. Erst den Umzug nahm er zum Anlass, um jedes einzelne Plakat noch einmal anzuschauen. Die Wände seines neuen Zuhauses strich er in dunklem Anthrazit und erschuf mit den Lieblingswerken seiner Sammlung eine kleine, eigene Galerie auf zwei Etagen der Maisonettewohnung. Eindrucksvoll hängen heute Zeugen der Zeit nebeneinander, und mit dem Blick auf die Dächer der Stadt könnte Rolfs Wohnung locker einem Interiormagazin entspringen.

Die Wohnung des 76-Jährigen könnte glatt in einem Interiormagazin abgebildet werden und liegt im bekannten Mississippidamfer am Bleichpfad

Kann er das besondere Flair zwar nicht für alle zugänglich machen, hat er sich entschieden, wenigstens seine Lieblingskunst mit Publikum zu teilen. Anfang November wird er sein Wohnzimmer ins An-Go-Lo, sein Lieblingslokal, verschieben und hier die schönsten Schätze seiner Sammlung zeigen. Dafür streicht er sogar eine Wand in der Lokalität Grau. Ein zugehöriger Katalog mit 250 Plakaten aus den 60ern bis zum Ende der 80er Jahre, der bei der Ausstellung verkauft wird, gibt einen zusätzlichen Einblick in seine außergewöhnliche Sammlung. „Und natürlich wird es auch bei uns ein Ausstellungsplakat zu kaufen geben“, erklärt er und schmunzelt erneut. „Ich glaube fest daran, dass viele Krefelder genau wie ich in den Plakaten eine besondere Schönheit erkennen und ihre eigenen Geschichten damit assoziieren werden.“ Jeder einzelne wird dann, so ist sich der Kunstliebhaber sicher, sein eigenes Marmeladenglas öffnen und in Erinnerungen schwelgen.

Die Eröffnung zu Rolf Brandts Ausstellung „Kunst Plakat Kunst“ findet am 6. November im An-Go-Lo an der Angerhausenstraße 11 bis 13 statt. Sie ist anschließend bis Ende Dezember während der Öffnungszeiten hier zu sehen.