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Martin Kramer ist Social Media Manager der Stadt Krefeld Kommunikation als Identitätsstifter

Schon als kleines Kind hörte Martin Kramer am liebsten den Flugzeugen bei der Landung zu. Kerosin war für den heute 42-Jährigen schon immer eher ein Duft als ein Gestank. Und als der Duisburger im Alter von fünf Jahren endlich formulieren konnte, was er später einmal werden möchte, kamen die Worte wie das Aufheulen des Motors beim Durchstarten der Turbinen über seinen Mund: Pilot!
Ernüchternd für Martin, aber gut für uns, dass am Ende zwei Zentimeter den jungen Mann von seinem Berufswunsch trennten. Denn heute hält der Wahlkrefelder nicht etwa die Steuerknüppel eines Jets in der Hand, sondern gibt auf Facebook, Instagram und Co. den Kurs vor: Seit November 2019 ist Martin Kramer der erste offizielle Social Media Manager der Stadt Krefeld und zeigt mit Empathie, Humor und Scharfsinn, wie wichtig die Online-Kommunikation zwischen Rathaus und Bürgern ist.

Nachdem der Bundeswehrarzt Martin die schlechte Botschaft ins Gesicht schleuderte, mussten zügig Perspektiven gefunden werden. Ein Praktikum als Finanzbuchhalter bei seinem Vater nach zwei Tagen abgebrochen, wusste der junge Mann schon damals: Ein typischer Bürojob soll es nicht werden. Zur gleichen Zeit schoss im Bibliotheksbereich aber eine neue, reizvolle Ausbildung aus dem Boden. Mit Interesse für Technik, Kommunikation und Information entschied sich der Duisburger dazu, Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste in der Fachrichtung Bibliothek zu werden. „Der typische Bibliotheksmitarbeiter ist irgendwie ein bisschen nerdig“, beschreibt Martin lachend. „Er riecht vielleicht an Büchern, wenn sie frisch aus dem Druck kommen. Er mag es, die Werke haargenau einzusortieren und verliert sich nach Feierabend selbst in Romanen. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich Bücher hasse, aber ich war trotzdem ganz anders.“

Das Digitale begeisterte Martin schon immer

Martin begann schon früh, im Rahmen seines Jobs die Idee der digitalen Bibliothek umzusetzen. Während seiner Anstellung in der Stadtbücherei Erkrath, nutzte er zum Beispiel die digitalen Medien, um im „Sommerclub“, einem speziellen Ferienprogramm für Kinder, die Protagonisten über das Web besser einzubeziehen. „Auch wenn die Resonanz noch nicht so groß war, war das für die damalige Zeit revolutionär“, erklärt er. „Sogar die Tagespresse berichtete über uns.“ Auch privat setzte sich der Technikbegeisterte mit der Digitalisierung seines Fachbereichs auseinander: Im eigenen Blog postet er bis heute Abhandlungen von Dingen, die ihn bewegen – damals war es die Utopie einer Zukunftsbibliothek.

Der erste Kontakt zur Mediothek

Fast zur gleichen Zeit, nämlich 2008, eröffnete in Krefeld die Stadtbücherei nach zweijährigem Umbau als „Mediothek“ im neuen Gewand. Als diese vom Interesse der Krefelder überrollt wurde, stoß auch Martin auf das innovative Projekt und bewarb sich auf eine Vollzeitstelle in Krefeld. Beim Vorstellungsgespräch fand er einen Ausdruck seines Blogbeitrages sowie einen irritierten Mediotheksleiter vor. „Helmut Schroers fragte mich damals trocken: ‚Meinen Sie das ernst, Herr Kramer?‘ und als ich den Job bekam, wussten wir beide, dass ich die Mediothek medial nach vornebringen kann“, erinnert sich Martin. Zwölf Jahre ist das inzwischen her. Während seiner Zeit in der Mediothek hat der Wahlkrefelder den digitalen Auftritt der Stadtbibliothek stark geprägt. Vor allem auf Facebook ist eine Kommunikation mit den Usern entstanden: Die Mediothek berichtet nicht nur über literarische Themen, sondern bildet Stimmungen in der Stadt ab, gibt Freizeittipps, begeistert mit Humor und Witz und positioniert sich zu Weltthemen. „Ich hatte mir vorgenommen, das furchtbar verstaubte Image von Bibliotheken aufzubrechen und unsere Institution digital zu vermenschlichen“, erklärt Martin. „Dafür verknüpfte ich Digitales und Analoges und so entstand eine feste Community.“ Die Mediothek initiierte damals Online-Events mit Take-TV, rief im Rahmen vom „Stadtradeln“ User auf, ihre Aktivitäten zu tracken, oder gewann ein humorvolles Klick-Battle gegen eine ostdeutsche Stadtbibliothek. „Die Krefelder schreien immer, dass sie unsere Stadt hassen, aber im Ernstfall stehen sie dann doch fest zusammen“, beschreibt der Social Media Manager schmunzelnd. „Das ist mir damals schon aufgefallen.“ Auch über die Grenzen der Seidenstadt hinaus wurde das besondere digitale Auftreten der Stadtbibliothek wertgeschätzt: Auf einmal war der junge Mann eingeladen, Vorträge über Social Media in der deutschen Nationalbibliothek zu halten oder wurde gebeten, Fachbeiträge für Magazine zu verfassen. Das, was in Krefeld fruchtete, galt als Inspiration für andere Bibliotheken.

Aus Martin wird der erste Social Media Manager der Stadt Krefeld

Auch die Vertreter der Stadt Krefeld werden damals auf den kecken Wahlkrefelder aufmerksam und irgendwann erreicht ein Anruf aus dem Bürgermeister-Büro den Mediotheksmitarbeiter. „Sie boten mir einen Job an“, sagt Martin. „Und das bereitete mir wirklich schlaflose Nächte.“ Denn eigentlich, so war sich doch Martin schon immer sicher, möchte er nicht in einer klassischen Verwaltung arbeiten. Auf der anderen Seite aber, reizt ihn die Perspektive, ähnlich wie damals bei der Mediothek, etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Und am Ende entscheidet sich Martin für die Herausforderung. Am 1. November 2019 sitzt er als offizieller Social Media Manager im elfköpfigen Team der Pressestelle der Stadt Krefeld zum ersten Mal im Rathaus.

Seit November 2019 ist Martin Kramer der erste Social Media Manager der Stadt Krefeld

Anders als in der Mediothek, die Martin mit all ihren Fachbereichen wie seine Westentasche kennt, fällt er in ein kompliziertes Konstrukt aus Politik, Historik und Gesellschaft. Ohne auch nur ein Bruchteil davon zu überblicken, hält er dennoch beim Einstellungsgespräch fest: Social Media muss für die Stadt Krefeld ein Kanal für Kommunikation und Austausch sein und darf nicht nur ausschließlich dafür genutzt werden, um Krefelder über ihre Stadt zu informieren. Vom Presseteam und vom Bürgermeister bekommt Martin dafür die Legitimation. Schnelle Antworten, gute Informationsbeiträge, aber auch transparente Eingeständnisse und Stimmungsbilder sollen zukünftig den Social Media-Kanal der Stadt prägen und damit eine Community erschaffen. „Das sorgt natürlich dafür, dass ich ständig über möglichst alles informiert sein muss“, schildert Martin. „Ich besuche nicht nur diverse Pressekonferenzen der Stadt, sondern auch der Austausch im Teams hat sich seitdem verändert.“ Über den Messenger tauschen sich Kramer und seine Kollegen täglich aus. Kommt eine Frage bei Facebook auf, die der Social Media Manager nicht beantworten kann, springen Kollegen wie Pressesprecher Timo Bauermeister oder Co-Pressestellenleiterin Angelika Peters als Informationsspender ein. „Hier findet der User geballte Information“, erklärt Martin. „Ich versuche, wenn möglich, alle Anfragen zu beantworten. Das vermittelt Verbindlichkeit. Die User sollen sich durch uns als Verwaltung gesehen fühlen.“

Auch Morddrohungen gehören zum Alltag dazu

Nicht immer ist der Job leicht, mit Corona kam eine Morddrohung

Immer wieder aber bringt Martin das auch an seine Grenzen. Als in der Neujahrnacht 2020, nur zwei Monate nach seinem Antritt, das Affenhaus im Krefelder Zoo brennt, wird er zum ersten Mal auch mit den dunklen Seiten des schnellen Kommunikationssystems konfrontiert. „Man müsse die Verursacherinnen des Brandes doch wenigstens anzünden, forderten viele User“, erinnert sich Martin. „Der Hass, der da auf einmal sichtbar wurde, hat mich tief getroffen.“ Auch den Umgang mit rassistischen Kommentaren muss der Social Media Manager auf einmal lernen. „Dann machst du Screenshots und überlegst teilweise, den Staatsschutz zu kontaktieren“, beschreibt er weiter. „Sowas kannte ich aus der Mediothek nicht. Hier ging es ja nur um heitere Themen.“ Mit der Corona-Pandemie senkt sich Anfang letzten Jahres noch einmal die Kommentarqualität in eine neue, viel tiefere Grube. Erst nur unter dem Stadtprofil und dann auch auf persönlichen Kanälen wird der Angestellte mit dem Tode bedroht. „Auf dem Profil der Stadt Krefeld agiere ich natürlich für die Stadt“, erklärt Martin. „Manche User schaffen die Unterscheidung nicht, sie glauben dann, dass ich hier meine persönliche Meinung vertrete. Einen Leser triggerte das so sehr, dass er dazu aufrief, mich zu töten.“ Die Pressestelle reagiert mit der Einschaltung der Rechtabteilung und holt sich Rat bei der Polizei. „Ich hatte schon einige Wochen ein mulmiges Gefühl und habe mich ständig umgedreht“, erinnert sich der 41-Jährige. „Aber auf der anderen Seite sind das ja auch die Geister, die ich rief, dadurch, dass ich forderte, eine Community aufzubauen. Ich möchte Meinungen hören und glaube auch immer noch, dass Dialog Social Media ausmacht.“

Die Verbindung zur Basis: Kommunikation als Identitätsstifter

Auch wenn Kramer zum 1000 Mal in diesen Zeiten digital erklärt, was ein Inzidenzwert ist, warum es wichtig ist, eine Maske zu tragen oder aber, dass nicht etwa die Stadt, sondern ein privater Investor plant, einen Surfpark am Elfrather See zu bauen, ist es genau diese Art von Kommunikation, die deutlich über ein typisches Frage-Antwort-Spiel hinaus geht, die den Social Media-Manager jeden Tag begeistert. „Die digitale Welt gibt einer Stadt die Möglichkeit, zu zeigen, dass sie direkter Dienstleister für den Bürger ist“, erklärt er. „Kommunikation ist dabei identitätsstiftend – für die Stadt selbst und für jeden einzelnen Bürger.“


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