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Auf den eigenen Spuren Autorin Liesel Willems

Kalte Rauchschleier durchziehen das leichtgelbe Licht des Speichers im Hinterhaus kurz vor Ende der Dreikönigenstraße, während die tiefschwarze Nacht schon vor den Fenstern Einzug gehalten hat. Weinflaschen stehen neben vollen Aschenbechern und einige Zigarettenstummel glimmen rot auf, als sich die Augenpaare auf die Lippen einer Frau richten, die ein handbeschriebenes Blattpapier in den Händen hält. Liesel Willems beginnt mit zurückgenommener Stimme zu lesen und eine besondere Atmosphäre übernimmt den Raum. Nachdem ihre Worte wieder verstummen, bleibt es noch eine Weile still, bevor sich langsam Gespräche entfachen. 

Was heute in seiner Anmutung einer Filmszene aus vergangenen Zeiten ähnelt, war in den 80er Jahren die Talentschmiede Krefelder Autoren. Der Buchdruckermeister Klaus Ulrich Düsselberg, dessen Familie noch heute die gleichnamige Druckerei auf der Dreikönigenstraße besitzt, rief eine lokale Zelle ins Leben, die an die Gruppe 47 erinnerte. Auch Liesel Willems als vierfache Mutter, gelernte Erzieherin und zur damaligen Zeit Hausfrau wurde durch eine Annonce auf die Literaturwerkstatt aufmerksam. „Das Schreiben war neben Haushalt und Kindern mein ganz persönlicher Ausgleich im geheimen Stübchen“, erinnert sich die heute 70-Jährige. „Ich weiß gar nicht, was mich damals ritt, mich bei Herrn Düsselberg zu melden, aber irgendwie landete ich doch auf diesem besagten Speicher.“ Zu dieser Zeit allesamt als Anfänger gestartet, gingen später etliche Berufsautoren aus der Literaturwerkstatt hervor. Neben Willems tauschten sich Thomas Hoeps, Hakkı Çimen, Viktoria Lösche oder Matthias Schamp hier miteinander aus. „Wir sahen uns damals noch nicht als ernstzunehmende Autoren an, aber merkten, wie uns das Feedback der anderen bereicherte“, erklärt die Hülserin. „Das nahm irgendwann durch die Anleitung von Herr Düsselberg eine eigene Dynamik auf.“ Der Verleger war damals gut vernetzt und pflegte Kontakte zu Autoren in ganz Deutschland. Im Herbst Pitt und im Kaiser Wilhelm Museum veranstaltete er Formate, die über die Grenzen der Seidenstadt hinaus Bekanntheit genossen, und brachte dort Nachwuchsautoren und niedergelassene Schreiber zusammen. Während Helmut Heißenbüttel genau zwischen Willems und Viktoria Lösche saß, trugen sie auf gleicher Höhe mit dem Autor zum ersten Mal ihre Texte vor. Ungefähr zur gleichen Zeit brachte Düsselberg auch im Print die ersten Werke seiner Nachwuchsautoren heraus. Ein entscheidender Moment für die junge Mutter, erklärt sie: „Bislang war das Schreiben nur meine egoistische Art, Dinge zu verarbeiten. Auf einmal hatte ich nun den Gedanken, dass das, was ich schreibe, auch für andere Menschen Hilfestellung sein kann. Ich freundete mich damit an, Literatur zu veröffentlichen.“

In ihren Gedichten und später auch in Kinderbüchern und Romanen greift Willems Themen auf, denen sie im Alltag begegnet und die sie berühren. Alle ihre Werke haben dabei einen wahren Kern oder beschäftigen sich mit etwas, das die Autorin selbst erlebt oder beobachtet hat.

Lange arbeitete sie beispielsweise als Erzieherin mit Gastarbeiterkindern. Das Buch „Gülgin sagte es leise“ schenkt einigen dieser Kinder mit ihren besonderen, oft schlimmen Hintergründen einzelne Kapitel. „Ich möchte über die Literatur diese so wichtige Thematik Kindern und Erwachsenen näherbringen, die zum Beispiel mit Flüchtlingen sonst nicht in Kontakt gekommen wären“, erklärt sie. Als Erzieherin sind die Geschichten der Kinder für Willems ein besonderes Anliegen. Oft nutzt sie ihre Bücher, um auch für diese Spenden zu sammeln. Den Erlös von „Anna ist stark – Nachdenkgeschichten“, einem Buch, das Kindern Perspektive bei Ängsten und Sorgen schaffen soll, gibt sie zum Beispiel an die Kinderhilfsorganisation „terre des hommes“, die sich für Kinderrechte in Entwicklungsländern einsetzt.

Autorin Liesel Willems hat sich auf eine Reise in die Vergangenheit des eigenen Vaters begeben - und ihn ganz neu kennengelernt.

Buchvorstellung: Nachsicht – Fragen an den Vater

Hat sich die Autorin mit den feinen Gesichtszügen und der zurückgenommenen Art viele Jahre ausschließlich der Lyrik und den Kinderbüchern gewidmet, sind es seit einiger Zeit auch die autobiographischen Geschichten, die sie antreiben. Mit dem Buch „Hutgesicht – Briefe an die Mutter“ blätterte sie ihre Beziehung zur eigenen Mutter auf. Ihr neues Buch „Nachsicht – Fragen an den Vater“ beschäftigt sich mit dem anderen Teil des Elternpaares.

1950 in Krefeld geboren erlebte Willems ihre Eltern geprägt von der Nachkriegszeit. Ihre Mutter redete häufig über ihre schweren Kriegserlebnisse. Der Vater schwieg über seine Vergangenheit. „Er starb, als ich zwölf Jahre alt war“, erklärt die vierfache Mutter. „Ich kenne ihn nur aus der Sicht eines naiven Kindes. Damals war er mein Anker. Ich habe oft überlegt, wie es wäre, ihn als Erwachsener zu treffen.“

Willems Vater arbeitete als Polizist und Soldat. Er erlebte mit, wie die Nationalsozialisten langsam in die Reihen der Polizei kamen und musste später unter ihrem Befehl arbeiten. „Ich wusste, dass, wenn ich mich auf die Suche nach seiner Geschichte begebe, ich auch Fakten finden kann, die den Blick auf ihn völlig verändern könnten“, beschreibt sie. Und dennoch war es fast wie ein innerlicher Drang, die Biographie des Vaters nachfassen zu wollen, den die eigene Mutter noch verstärkte. Kurz vor ihrem Tod übergab sie ihrer Tochter eine kleine, mit einer Schleife verschlossenen Truhe. Hier bewahrte sie über 100 Briefe auf, die ihr Mann aus der Gefangenschaft nach Hause schickte. „Ich verstand das als unausgesprochene Aufforderung“, erinnert sich die 70-Jährige. Lesen aber konnte die Hinterbliebene die Schriftstücke auf Anhieb nicht, denn in Sütterlin geschrieben, benötigte Willems eine Alphabethilfe, um die Worte zu entziffern. Immer wieder setzte sie sich daran und machte Stück für Stück gemeinsam mit ihrem Partner die Briefe lesbar.

Dann, auf einer Urlaubsreise vor rund drei Jahren – das Paar hatte ebenfalls einige Briefe zur Übersetzung im Gepäck – brachte ein Autobahnschild plötzlich einen neuen Prozess in Gang. „Gedenkstätte Esterwegen“ stand hier in großen Lettern und wie ein Blitz schossen die Worte durch Willems Gedächtnis. „Ich erinnerte mich auf einmal an schon fast vergessene Erzählungen meiner Mutter“, schildert die Autorin. „Sie sagte irgendwann, dass der Vater aus Esterwegen völlig verändert zurückgekehrt war. Wir fuhren sofort von der Autobahn ab.“

Autorin Liesel Willems hat sich auf eine Reise in die Vergangenheit des eigenen Vaters begeben - und ihn ganz neu kennengelernt.

Esterwegen im Emsland ist eines der frühen Konzentrationslager unter den Nationalsozialisten. 1933 gebaut wurden hier zuerst rund 2.000 politische „Schützhäftlinge“ eingepfercht. Es ist der Ort, an dem ungefähr zur gleichen Zeit das Lied „Die Moorsoldaten“ entstand.

Aufgeregt führte Willems Gang direkt ins Museum. Ungeplant stieg sie hier auf einmal in die Vergangenheit ihres Vaters ein. „Ich war besorgt darüber, was ich bei diesem Besuch herausfinden würde“, erklärt sie. „Und dennoch musste ich mich einfach damit auseinandersetzen.“ Im Gespräch mitdem Museumsleiter wurde klar, warum Willems Vater als Polizist nach Esterwegen befohlen worden war. Die Auslandspresse hatte von den Morden und Folterungen an den Gefangenen erfahren. Deshalb sollte die Polizei die Lagerleitung der SS, die nicht freiwillig abzog, mit Gewalt aus dem Lager jagen. Während die Polizei einige Wochen nur korrekt das Lager bewacht hatte, wurde sie danach wieder abgezogen. Der Schein war gewahrt und das Grauen ging nahtlos weiter.

Für Willems brachte der Besuch in Esterwegen einen Stein ins Rollen. Über Monate besuchte sie anschließend Archive, machte sich zu den Orten auf, von denen sie wusste, dass der Vater dort gewesen sein muss, und arbeitete so seinen Lebensweg nach. Dabei tauchte sie tief in die Welt des Nationalsozialismus ein, stieß auf die Zeugnisse der Liebesgeschichte ihrer Eltern unter schwierigsten Bedingungen. Besonders viel Raum gab Willems dabei der Recherche rund um die Veränderung der Demokratie – immer wieder fasste sie für sich nach, wie sich die Situation in Deutschland politisch veränderte und auch, welche Rolle dabei die Polizei spielte. „Ich sehe dabei viele Parallelen zur heutigen Zeit“, sagt die Autorin. „Mir ist es wichtig, mit dem Buch zu vermitteln, wie wichtig unsere Wachsamkeit ist, angesichts der Zunahme radikaler Tendenzen und der Infragestellung demokratischer Strukturen.“
In ihrem neuen Buch „Nachsicht – Fragen an den Vater“ werden all diese Gedanken deutlich: Willems nimmt die Leser mit in ihre eigene Sprachlosigkeit, in ihre Verzweiflung genauso wie in ihr Hoffen, in ihre Fragen und in ihre Ängste.

„Nachsicht – Fragen an den Vater“ von Liesel Willems ist ab sofort online und im Buchhandel erhältlich.