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Campendonk im Detail Viel mehr als nur Kunst in der Villa Merländer

Es ist fast nicht vorstellbar, aber genau deswegen so faszinierend – während große Museen seine Werke schon seit vielen Jahren ausstellen und sie bei Liebhabern teuer verkauft werden, sind fast 60 Jahre lang zwei bedeutende Bilder des Krefelder Künstlers Heinrich Campendonk verschwunden. Das Skurrile: Niemand erinnert sich an die Werke des deutsch-niederländischen Malers und Grafikers, sie werden nicht vermisst. Erst, als die Kunstmuseen Krefeld 1989 zu seinem 100-jährigen Gedenken eine retroperspektive Ausstellung organisieren, fällt der damaligen Museumsleitung auf, dass es irgendwo am Niederrhein noch unentdeckte Kunstwerke geben muss.

„Das Kunstmuseum sammelte damals Unterlagen zu Campendonk und bekam über eine Uni Fotos von alten Exponaten des Künstlers zugespielt. Wir vermuten, dass diese Fotos zu seiner Bewerbung für die Professur an der ‚Rijksakademie van beeldende kunsten‘ Mitte der 30er Jahre in Amsterdam gehörten“, erklärt Historikerin Sandra Franz. „Diesen Bildern lag eine Fotografie von zwei Kunstwerken bei, die niemand zu Campendonk in Erinnerung hatte. Die große Suche begann.“
In feinen Bleistiftlinien steht ein Wort auf der Rückseite der Fotografie: „Merländer“. Im Stadtarchiv stoßen die Museumsmitarbeiter auf einen einzigen Eintrag: Auf der heutigen Friedrich-Ebert-Straße lebte bis kurz nach den Novemberpogromen 1938 der jüdische und homosexuelle Seiden- und Samtwarenfabrikant Richard Merländer.

„Als Merländer in Folge der Reichskristallnacht seine Villa verkaufte, zog eine Pension, das Haus Miramar, hier in die Räumlichkeiten ein“, erklärt die Leiterin der heutigen NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld. „Anschließend mietete die Stadt die Räume an und hier waren unter anderem Kontingenzflüchtlinge untergebracht.“ Die städtischen Mitarbeiter besichtigen das Gebäude, können die Gemälde aber nicht finden. Also starten sie einen Aufruf in der Bevölkerung: Wer hat eine Ahnung, wo sich die Bilder befinden könnten?

Darauf meldet sich ein betagter Mann, der schildert, als Auszubildender Handwerksarbeiten in der Villa durchgeführt zu haben. Er führt die Suchenden in den kleinsten Raum des Gebäudes, das ehemalige Zimmer des Fahrers Merländers, ein späteres Gästezimmer der Pension, und deutet auf eine Wand. „Und hinter etlichen Tapetenschichten und einer feinen, weißen Schutzschicht kamen die Kunstwerke zum Vorschein“, erklärt Franz.

Campendonk im Detail; Kunst in der Villa Merländer

Merländer, so wisse man heute, sei ein großer Kunstliebhaber gewesen. Er selbst habe die Bilder bei Campendonk in Auftrag gegeben. Und er selbst habe sie auch, lange bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wieder verdecken lassen. Der Grund dafür sei bis heute unklar. Aber – das zeigen die Bilder – Merländer und Campendonk müssen sich gut gekannt haben. „Merländer starb in Theresienstadt und noch heute wissen wir nur wenig über ihn“, erklärt die Leiterin der NS-Dokumentationsstätte. „Über sein Leben und auch über das Leben Campendonks geben die Bilder bei genauer Betrachtung aber viele Details frei. Die meisten Informationen stammen dabei von Ruth Sanders, der Tochter des Fahrers. Als junges Mädchen ist sie hier aufgewachsen, als alte Frau hat sie sich mit den Bildern erinnert.“

Das Auto
Richard Merländer liebte schicke Autos. Fast jedes Jahr, so schildert Ruth Sanders, soll er sich einen neuen Wagen gekauft und ihn in seiner Garage, direkt neben dem Haus, abgestellt haben. Eines Jahres, so erinnert sich die Fahrertochter, sei sie gemeinsam mit Richard Merländer, seinem Freund Ludwig und ihrem Vater, dem Fahrer, mit einem der Autos sogar nach Italien gefahren. „Eine sehr romantische Vorstellung zur damaligen Zeit“, sagt Franz schmunzelnd. Gleichzeitig, so glaubt die Historikerin, könnte der Wagen für Merländer Freiheit symbolisiert haben: Gab es in Krefeld zur damaligen Zeit fast keine homosexuelle Szene, nutzte Merländer das Auto, um nach Köln oder Düsseldorf zu gelangen.

Der Tennisschläger
Wir wissen nicht, wie gut Merländer wirklich auf dem Platz war, aber dass er in einen Krefelder Tennisclub aufgenommen wurde, zeigen die Unterlagen des Vereines. Schon vor 1933 war das für jüdische Mitbürger eine große Anerkennung und sprach für eine hohe Stellung in der Gesellschaft.

Billardtisch, Schachspiel, Spielkarten, Wurfbecher und Würfel – und ein Seidentuch
Als Richard Merländer zu seinem 50. Geburtstag im damaligen Neubaugebiet die Villa Merländer bauen ließ, richtete er im Erdgeschoss einen kleinen Spieleraum, später das Zimmer des Fahrers, ein. Zwar soll es keinen Billardtisch gegeben haben, dafür aber einen großen runden Tisch, an dem alle Gäste Platz fanden. Vor allem das Kartenspiel war sehr beliebt.  Campendonk bildet unter den Spielutensilien ein Seidentuch ab, denn, so glauben die Experten, der Seidenfabrikant habe beim Spiel mit Kunden attraktive Geschäfte eingefädelt.
Dem genauen Beobachter fällt übrigens der Würfel ins Auge, der nicht realistisch abgebildet wird: Die einpunktige liegt direkt neben der sechspunktigen Seite, eine Würfelseite ist frei. Campendonk-Kenner können sich die Darstellung bis heute nicht erklären, glauben aber, dass es der Vorliebe des Künstlers entspricht, Details innerhalb seiner Kunstwerke zu verfremden.

Die Zigarrenschachtel
Egal wann und wo: Wer Richard Merländer traf, sah den Mann mit einer Zigarre im Mund. Auch im Haus muss es dauerhaft nach kaltem Rauch gerochen haben.

Die Gans
Die Gans ist ein Detail, das ein Stück aus der Lebensgeschichte Campendonks erzählt. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebte der Künstler, bis seine Kunst 1934 von Hitler als entartet verboten wurde, auf einem Hof in Hüls. Die Familie hielt sich viele Tiere, auch Gänse, die Campendonk zu seinen Lieblingstieren zählte. Damals zog eine bekannte Nummer durch die Varietés: Gänse wurden auf heiße Stahlplatten gestellt und unter dem Motto „Gänsetanz“ vorgeführt. Campendonk verurteilte das Spektakel. Darauf können die Flammen hinweisen, die wir auf dem Kunstwerk an den Füßen der Gans wiederfinden.

Pierrot mit Sonnenblume
Der französische Clown ist das Markenzeichen Campendonks – immer wieder taucht die melancholische Gestalt in seinen Werken auf. Kunsthistoriker glauben, dass Campendonk damit sich selbst beschreibt.  Egal, welches Foto wir vom Künstler betrachten, er wirkt traurig, wirklich lächelnd sieht man ihn nie. Vielleicht, so vermuten die Experten weiter, ist das durch seine gesellschaftliche Stellung begründet. Campendonk konnte viele bekannte Künstler zu seinem Freundeskreis zählen, Kandinsky gehörte beispielsweise dazu, der ihn auch zur bekannten Künstlervereinigung „Blauer Reiter“ holte. Dennoch aber stand der Krefelder Künstler immer im Schatten seiner Kollegen: Man warf ihm vor, ihren Stil zu kopieren und selbst ideenlos zu sein.

Die Campendonk-Bilder können jeden Mittwoch von 9 bis 13 Uhr und jeden vierten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr kostenfrei besichtigt werden. Auch die Vereinbarung eines individuellen Termins bei der Villa Merländer ist möglich. Vereinbarung bei Sandra Franz unter Telefon 02151 / 86 19 64 oder per Mail an ns-doku@krefeld.de