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Der Zoo Krefeld wird zum Regionalzentrum für nachhaltige Entwicklung Ohne Zeigefinger, aber mit Weitblick

Der Zoo Krefeld wird zum Regionalzentrum für nachhaltige Entwicklung

Fast 40 Plastikteile hat ein Eissturmvogel im Durschnitt im Magen. Auf unseren Körper umgerechnet, würde diese Menge einer sehr großen Brotdose entsprechen. Dass im Meer ein enormes Müllproblem herrscht, war dem elfjährigen Tobias bewusst, dass es sich aber so stark auf die Tiere auswirkt, hat der Schüler nicht geahnt. Ungläubig steht er vor Gaby Borg aus dem Forscherhaus des Krefelder Zoos und betrachtet immer wieder die Nahrungskette der Meerestiere, die die Biologin anschaulich zusammengestellt hat. „Strohhalme möchte ich auf jeden Fall nicht mehr benutzen“, erklärt Tobias und schüttelt den Kopf: „Darüber muss ich mal mit Mama und Papa sprechen.“

Es ist ein besonderes Konzept, das die Grundlage dafür legt, dass sich der Krefelder Zoo als einziger Zoo in Nordrhein-Westfalen seit wenigen Wochen „Regionalzentrum für nachhaltige Entwicklung“ nennen darf und damit zu einem besonderen Förderprogramm des Landes gehört. „Bildungsarbeit war schon immer eine wichtige Aufgabe für uns als Zoo“, erklärt Borg. „Aber wir zeigen nicht mit dem Finger, sondern wir vermitteln Wissen, das den Kindern und Jugendlichen selbst die Basis dafür gibt, ihr Handeln zu bewerten. Das Förderprogramm stellt uns jetzt noch mehr Möglichkeiten zur Verfügung.“

Gaby Borg ist das Gesicht des Forscherhauses im Krefelder Zoo

Unter dem Leitgedanken, die Zukunft gerecht zu gestalten, wurden landesweit 25 Regionalzentren geschaffen, die als außerschulische Lernorte der Umweltbildung dienen. Zu den Projektstätten gehören zum Beispiel Naturschutzhöfe, Biologische Bildungszentren, Ämter für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit oder Schulbauernhöfe. Im Zeitraum vom 1. April 2020 bis zum 31. März 2021 bekommen die Einrichtungen durch das Land zusätzliche Gelder zur Verfügung gestellt. „Uns gibt das die Möglichkeit, eine noch intensivere Zusammenarbeit mit Schulen zu initiieren und darüber hinaus kostenfreie Führungen für Schulen und Kinder- und Jugendgruppen, aber auch für Erwachsene, rund um relevante Themen des Programms ,Bildung für nachhaltige Entwicklung‘, kurz BNE, anzubieten“, schildert Zoolehrerin Katrin Peters. Die Zoopädagogik setzt sich dabei schon seit vielen Jahren zweigleisig zusammen: Gaby Borg bietet im Forscherhaus spannende Einblicke in Miniaturwelten und hilft, unsere Welt zu entdecken, und Zoolehrer wie Katrin Peters und Claudia Heiermann schaffen in der Zooschule vielfältige Unterrichtsangebote.

„Wenn die Kinder zum Beispiel hören, dass der Lebensraum der wilden Artgenossen unseres Gorilla-Silberrückens Kidogo durch die Produktion von Handys beeinflusst wird, dann berührt es sie anders, als wenn sie einfach nur von uns hören: Die Gewinnung von Rohstoffen, unter anderem für den Bau von Handys, zerstört Lebensräume“

Katrin Peters

„Die Kooperationen mit Schulen können dabei sehr unterschiedlich sein“, beschreibt Heiermann. „Unseren Bildungsauftrag verfolgen wir auch dadurch, dass wir jedem, der anfragt, versuchen, durch eine individuelle Zusammenarbeit gerecht zu werden.“ Feste Kooperationen bestehen zum Beispiel mit dem Ricarda-Huch-Gymnasium in Krefeld. Auch die Schüler der Gesamtschule Kaiserplatz besuchen regelmäßig den Zoo, und sogar vom Gustav-Heinemann-Gymnasium aus Dinslaken sind oft Gruppen zu Besuch. „Ob Projektwochen, einzelne Projekttage oder sogar wöchentliche Besuche – unsere Formate sind immer individuell abgesprochen“, erklärt Heiermann weiter. Die Schulen können zum Beispiel aus festen Einheiten wie „Anpassung von Lebensräumen“, „Ethik in der Zootierhaltung“ oder „Zoo und Klimazonen“ wählen. Es ist aber auch möglich, Themen individuell mit den Zoolehrern und Gaby Borg vom Forscherzentrum abzusprechen. „Uns ist dabei wichtig, dass jedes Unterrichtsfach bei uns willkommen ist“, ergänzt Borg. „Bildung für nachhaltige Entwicklung ist kein reines Biologiefach. Erdkunde, Philosophie oder Sozialkunde finden hier genauso Raum.“ Die Bildung für Nachhaltige Entwicklung stützt sich dabei auf vier Säulen: Alle Themen werden aus ökologischer Perspektive, aus ökonomischer Sicht und sozial sowie kulturell behandelt. Das erlebt auch Tobias. Denn er erfährt nicht nur, wieviel Müll im Ozean schwimmt, sondern auch, warum der Müll überhaupt ins Meer gelangt. „Wir erklären zum Beispiel, warum es nicht so einfach ist, den Menschen in beispielsweise Asien zu zeigen, wie sie mit Müll wirtschaften“, erklärt Zoolehrerin Katrin Peters. „Dabei nehmen wir ihr Wertesystem in den Blick, beschreiben die Arbeitsbedingungen und erklären daran, wie sich ihre Lebenssituation darstellt.“ In unmittelbarer Nachbarschaft zur Zooschule liegt das Gehege der Humboldtpinguine, die durch das Müllproblem in den Ozeanen direkt betroffen sind. Ähnlich wie die Seelöwen oder die Pelikane ist ihr natürlicher Lebensraum in Gefahr. Tobias hilft die Verbildlichung der Thematik, um die unterschiedlichen Verbindungen der einzelnen Themenschwerpunkte herzustellen. „Wenn die Kinder zum Beispiel hören, dass der Lebensraum der wilden Artgenossen unseres Gorilla-Silberrückens Kidogo durch die Produktion von Handys beeinflusst wird, dann berührt es sie anders, als wenn sie einfach nur von uns hören, dass die Gewinnung von Rohstoffen, unter anderem für den Bau von Handys, Lebensräume zerstört“, führt Peters aus. „Die Eindrücke der Tiere nehmen sie mit nach Hause. Kidogo wirkt als Freund, den man beschützen möchte.“


Und das färbe häufig auch auf die Erwachsenen ab, schildert die Zoolehrerin. Die Nussnougat-Creme, in der Palmöl verarbeitet wird, sei zum Beispiel aus vielen Küchenschränken der kleinen Zoobesucher verschwunden. Und auch Alternativprodukte für Wegwerfartikel werden von den Kids inzwischen zuhause vorgestellt. „Grundsätzlich gehört zu unserem Bildungsangebot auch, dass wir Erwachsenen die Möglichkeit geben, Schwerpunkt-Führungen bei uns zu buchen“, erzählt Gaby Borg. „Ob von der Frauengemeinschaft, dem Nachbarschaftsclub oder einfach nur von Familien, die sich zusammenschließen: Wir sind für alle buchbar.“

Durch die Ernennung zum Regionalzentrum für Nachhaltige Entwicklung vom Förderzentrum NRW kann der Krefelder Zoo sein Bildungsangebot für Schulen, Kinder und Jugendliche und Erwachsene ausbauen. Bis zu 90 Einheiten im Jahr sind durch das Land kostenfrei möglich. Darüber hinaus wird ein kleiner finanzielle Obolus abgerufen. Weitere Informationen bekommen Sie bei Gaby Borg vom Regionalzentrum des Zoos telefonisch unter 02151-955 213 oder per Mail zoofuehrungen@zookrefeld.de