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Kolumne übers Waldbaden Kopfsprung ins Grüne

Waldbaden

„Nicht vom Wegesrand ins Grüne springen!“ – so oder ähnlich lautete die wichtigste Regel eines Bademeisters, der in diesem Fall korrekterweise ein „Waldmeister“ wäre. Schließlich gilt es, den stetig wachsenden Fluss an sogenannten Waldbadern rechtzeitig zu bändigen, um größeren Flurschäden vorzubeugen. Man könnte schon fast altgedientes Liedgut umformulieren und inbrünstig intonieren: „Das Waldbaden ist des Müllers Lust“. Wogegen das ebenfalls populäre Liedgut à la Conny Froboess, „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein…“, nicht so recht passen will. Schließlich ist eine Badehose beim klassischen Waldbaden völlig überflüssig. Sie würde zudem falsche Erwartungen wecken – spätestens beim beherzten Arschbomben-Sprung vom 5-Meter-Aussichtsturm des Jägers könnte nicht nur Astbruch die Folge sein.

Nein, Waldbaden ist viel unkomplizierter und einfach gesagt das neue Spazierengehen. Nur viel bewusster. Lange Zeit war der Sehnsuchtsort der deutschen Romantik lediglich ein Holzwirtschaftsraum und ein Refugium für betagtere Generationen, die ihr abschließendes Lebensglück durch die Nähe zur Natur noch mal vertiefen wollten. Dass der Wald uns guttut, wissen wir nicht erst seit gestern.  

Die Japaner untersuchen bereits seit den 80er-Jahren dieses Phänomen. Daran beteiligt sind Ärzte, Landschafts- und Umweltmediziner, Ökopsychosomatiker und Wildnispädagogen. Die fernöstliche Tradition prägte daher schon früh den Begriff „Shinrin-yoku“ und bedeutet so viel wie Wald(luft)bad. Vor rund 15 Jahren eröffnete in Japan bereits ein Zentrum für „Waldtherapie“, und Universitäten bieten inzwischen eine fachärztliche Spezialisierung in „Waldmedizin“ an. Der sogenannte „Biophilia-Effekt – also die Interaktion zwischen Mensch und Natur – ist sogar messbar. Dabei dreht es sich um Botenstoffe, sogenannte Terpene. Sie zählen zu den sogenannten Phytonziden, die den Pflanzen zur Kommunikation und Feindabwehr dienen. Die Waldluft, angereichert mit Terpenen, atmen wir ein und nehmen sie sogar über unsere Haut auf. „Wer einen Tag im Wald verbringt, hat sieben Tage lang mehr natürliche Killerzellen im Blut“, so der japanische Waldforscher Qing Li.

Entspannende Waldsparziergänge schützen auch unser Herz-Kreislauf-System. Halten wir uns im Grünen auf, schüttet unser Körper vermehrt das Hormon DHEA aus. In der Nebennierenrinde wird es gebildet und stärkt unser Herz und unsere Gefäße. Grade bei Stress und mit zunehmenden „Jahresringen“ lässt die körpereigene DHEA-Produktion deutlich nach. Neben Seelenbalsam ist die Zeit unter Bäumen daher in gewisser Weise auch Jungbrunnen und Lebenselixier. Sprichwörtlich sympathisch reagiert unser Parasympathikus, der sogenannte Ruhenerv. Verantwortlich für Stoffwechsel, Erholung und Aufbau körpereigener Reserven sorgt er im Wald dafür, dass die Stresshormone zurückgefahren werden und der Blutdruck sinkt.

Schon die Baderegeln im Wald lesen sich viel einladender als die im Schwimmbad – fast romantisch: „Halte inne. Erlebe, was dich umgibt, aber ohne Leistungsdruck. Staune, genieße die Formen, Farben, Gerüche und feinen Geräusche des Waldes. Lege dich ins Laub, sonne dich. Berühre eine Rinde, lehne dich an einen Stamm, setze dich auf einen Baumstumpf. Probiere junge Blätter, die du kennst. Entdeckst du einen Bach, schau aufs Wasser, kühle deine Füße. Schau in die Ferne: Genieße das Grün des Waldes, entlaste deine monitormüden Augen.“

„Im Wald, da sind die Räuber“, war gestern (denn die sind heute eher in der Stadt). Folgen wir also der Einladung zum wohltuenden Abtauchen ins Grüne und gönnen uns einen frischen Terpen-Cocktail. Waldbaden ist ganzjährig rund um die Uhr möglich – und im Blätterbecken riecht es auch nicht nach Chlor.


Lust auf noch mehr Grün? Impressionen der Niederrheinlandschaft findet ihr in unserem Beitrag über den Landschaftsfotografen Gereon Roemer!