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Führungsduo beim Krefelder Kinderschutzbund „Wovon träumen wir?"

Kinderschutzbund Krefeld

„Wovon träumen wir?“ – Es ist eine kurze, bedeutungsschwere Frage, die das Deckblatt der neuen Broschüre des Krefelder Kinderschutzbundes ziert und die auch Dietmar Siegert und Paula Schindler antreibt. Ist Siegert in diesem Jahr 30 Jahre als Geschäftsführer beim Kinderschutzbund beschäftigt, hat der Kinderschutzbund vor Kurzem seine Struktur umgestellt und mit der Ergänzung durch Schindler eine zweiköpfige Spitze geschaffen. Offiziell seit Mai hat sich der ehemals ehrenamtliche Vorstand nun in ein ehrenamtliches Präsidium mit hauptamtlichem Vorstand verwandelt. Ein großer Schritt: Denn zum ersten Mal in der Geschichte des Ortsverbandes sind es keine Ehrenamtler mehr, die am Ende die Entscheidungen für die inzwischen mehr als 250 Mitarbeiter des Kinderschutzbundes in der Seidenstadt treffen.

Gemeinsam mit Dietmar Siegert und Paula Schindler haben wir die Umstellung der Struktur genutzt, um unter dem Slogan „Wovon träumen wir?“ auf die individuellen Geschichten der beiden innerhalb des Verbandes zurückzuschauen und einen Ausblick für die Zukunft zu schaffen.

Traum von der beruflichen Verwirklichung in der eigenen Stadt

Es war das Geburtsjahr von Paula Schindler, als Dietmar Siegert irgendwo in einem Krefelder Wohnzimmer seinen ersten Arbeitsvertrag beim Kinderschutzbund unterschrieb. Zuvor hatte der Sozialarbeiter im Jugendamt Düsseldorf gearbeitet, träumte aber davon, auch in seiner eigenen Heimatstadt, in Krefeld, eine berufliche Perspektive zur Selbstverwirklichung zu finden. Als an den Kinderschutzbund, damals komplett ehrenamtlich betrieben, die ersten Fälle von sexualisierter Gewalt in Krefeld herangetragen wurden, entschied der Verein, eine Stelle für eine hauptamtliche Fachkraft auszuschreiben. „Der Kinderschutzbund hatte schon damals einen guten Ruf rund um die Lobbyarbeit für Kinder und Jugendliche“, erinnert sich der Krefelder. „Allerdings wurde das pädagogische Engagement von den Fachkreisen eher belächelt. Hier arbeiteten sehr engagierte Ehrenamtler, die aber ausschließlich Laien waren.“ Auch der Kinderschutzbund sah den Bedarf, die eigenen Reihen zu professionalisieren und stellte mit Siegert den ersten Mitarbeiter in der Geschichte des Ortsverbandes ein. In einem kleinen, ehemaligen Milchladen an der Ecke Dionysius-Straße/ Prinz-Ferdinand-Straße begann für den 34-Jährigen an einem Kinderschreibtisch mit provisorischer Ausstattung das Abenteuer Kinderschutzbund.

Traum von der Stärkung von Kinder- und Jugendrechten

Das erste Jahr seiner Tätigkeit war vor allem davon geprägt, die Beratungsstelle Wendepunkt bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder sowie Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern zu etablieren. Siegert putzte regelrecht Klinken, stellte sich in diversen Institutionen und Beratungsstellen vor, um ganz nach dem Motto „gemeinsam sind wir mehr“ Verbündete für sein Anliegen, die Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlichen, zu finden. Damals gab es noch keine professionelle Lobby für minderjährige Opfer von sexualisierter Gewalt. Siegert hatte sich im Rahmen seiner Diplomarbeit intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und knüpfte in vielen Gesprächen mit Hilfe von anderen Verbänden, Vereinen und städtischen Einrichtungen ein immer größer werdendes Netzwerk für Krefeld.

„Wovon träumen wir?“ lautet die wichtige Frage, die das Deckblatt der neuen Broschüre des Krefelder Kinderschutzbundes ziert

Traum von der Modernisierung freier Jugendhilfeangebote

Während die Stadt Krefeld damals traurige Schlagzeilen rund um spektakuläre Fälle im Rahmen des Kindesmissbrauches sammelte – ein Pfarrer und ein Erzieher wurden beispielsweise des Missbrauches überführt – kämpften auch die Ehrenamtler des Kinderschutzbundes an vielen Fronten. Nur wenige Monate nach Siegert konnte durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine weitere Sozialpädagogin eingestellt und die Beratungsstelle damit vergrößert werden. Vor allem aber Siegert und der damalige Vorsitzende des Vereins, Olaf Heimendahl, trieben mit ihrem Wunsch, die Strukturen innerhalb der freien Jugendhilfeangebote zu modernisieren, die Entwicklung des Ortsverbands voran. 1994 erreichte der Kinderschutzbund mit der Gründung der Sozialpädagogischen Familienhilfe einen Meilenstein. „Es gab zur damaligen Zeit nur einen einzigen Träger, der ambulante Hilfe anbot, die stationäre Jugendhilfe war weitverbreitet“, erinnert sich Siegert. „Ich wollte in der Beratungsstelle nicht nur die klassische Einzelfallberatung anbieten, sondern mich auch darüber hinaus für die Kinder und Jugendlichen einsetzen. Das ermöglichte dieser Schritt.“ Auch eine Sozialpädagogische Tagesgruppe speziell für Jungen griff diesen Wunsch auf: 1999 integrierte der Kinderschutzbund so ein Angebot, das die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, mit Eltern und mit Schulen vereinte.

Traum von Prävention

Und ab jetzt wurden die Folgeschritte zunehmend größer. Immer wieder schaffte es Siegert, neue Projekte zu realisieren. Mit dem Wunsch, präventiv zu arbeiten, Kinder schon in frühen Jahren stark zu machen und Missstände in Familien früher erkennen zu können, integrierte der Kinderschutzbund die erste Ganztagsbetreuung im Café Oje. Später ging daraus der erste von acht offenen Ganztagen des Kinderschutzbundes hervor. Der Kinderschutzbund übernahm außerdem die Trägerschaft von drei Kindertagesstätten. Begann Siegert 1991 als erste hauptamtliche Fachkraft, waren fünf Jahre später schon 30 Mitarbeiter für den Verein tätig.

Der Kinderschutzbund hilft Kindern, die unter Gewalt, mangelnder Bildung, Armut und familiären Problemen leiden

Traum von Kontinuität  

Weiterer Meilenstein war für den Kinderschutzbund die Eröffnung des Zentrums für Frühe Hilfen im Jahr 2010. Erst zwei Jahre später wurde durch das Bundeskinderschutzgesetz auch rechtlich geregelt, dass Eltern ab der Schwangerschaft und Familien mit Säuglingen eine Betreuung durch Familienhebammen zusteht. Siegert verankerte die Leistung schon deutlich früher in den Vereinsstrukturen. „Jedes Kind hat das Recht auf ein gesundes und gewaltfreies Aufwachsen“, sagt der Sozialarbeiter. „Wir hatten jede Altersstruktur im Kinderschutzbund abgedeckt. Aber die ganz jungen Kinder fehlten noch. Das konnten wir dadurch nachholen.“ Über Spenden finanziert der Kinderschutzbund seitdem einen Willkommensbesuch bei Familien mit Neugeborenen. Über denHausbesuch können offene Fragen geklärt, aber auch auf weitere Angebote der Frühen Hilfen, wie zum Beispiel die Schreibaby-Beratung, Familiengruppen, ehrenamtliche Familienfeen oder den Väter-Treff des Kinderschutzbundes, aufmerksam gemacht werden. Heute nutzen mehr als 80 Prozent der Eltern dieses Angebot. Alleine im letzten Jahr sind dadurch 1.500 Besuche zustande gekommen. Noch immer ist der Kinderschutzbund der einzige Träger in Deutschland, der ohne Refinanzierung der Stadt die Neugeborenenbesuche ermöglicht. „Darauf sind wir stolz“, erklärt Siegert. „Denn es zeigt, wie wichtig uns schon immer das Kindeswohl war.“

Traum von sicheren Strukturen für Kinder

Für das Kindeswohl trat auch Paula Schindler, ein Jahr nach der Eröffnung des Zentrums für Frühe Hilfen, beim Kinderschutzbund an. Nach ihrem Abitur am Gymnasium Fabritianum in Krefeld-Uerdingen entschied sie sich zu einem Studium der Sozialen Arbeit. Dual organisiert absolvierte sie ihren Praxisteil beim Kinderschutzbund. Damals noch im Orientierungsmodus, durchlief sie wie zufällig die Stationen, die Siegert in den Jahren zuvor als Meilensteine geschaffen hatte. „Ich begann in der Tagesgruppe für Jungen und erlebte durch die Kombination von Kinder-, Eltern- und Schularbeit hier eine umfassende Einführung in die Arbeit des Vereins“, erinnert sie sich. „Das führte dazu, dass ich mir schnell sicher war, dass ich genau an dieser Stelle richtig bin. Ich wollte nicht nur für Kinder da sein, sondern ich wollte Strukturen schaffen, in denen Kinder dauerhaft sicher aufwachsen können.“ Von der Tagesgruppe wechselte die junge Frau nach einiger Zeit in die sozialpädagogische Familienhilfe, anschließend in die Schulsozialarbeit sowie als Teamleitung in die Fachberatung Kindertagespflege in die Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes.

Kinderschutzbund Krefeld
Dietmar Siegert und Paula Schindler leben für die Träume von Kindern und Jugendlichen in Krefeld

Traum von Generationsverbindung

Wusste Schindler bei Beginn ihrer Tätigkeit selbstverständlich noch nicht, dass sie irgendwann einmal gemeinsam mit Siegert die Spitze des Kinderschutzbundes in Krefeld bilden würde, galt ihr besonderer Weg heute rückblickend fast schon als Vorbestimmung. „Wenn ich mir die zufälligen Schnittmengen unserer Biografie anschaue, dann muss ich tatsächlich schmunzeln“, ist sich auch Dietmar Siegert sicher. „Für uns kann es nichts Besseres geben, als eine Mitarbeiterin, die bereits ihre Ausbildung hier durchlaufen hat und genau weiß, wie der Kinderschutzbund tickt.“ Und dennoch setzt der Verein mit der Kombination aus Jung und Alt an der Spitze des Kinderschutzbundes nun ein besonderes Zeichen. „Wir leben in einer Generation, in der es nicht mehr aufs Alter ankommt, denn es ist ganz normal, dass wir mit den Lebensjahren immer wieder dazulernen“, beschreibt Siegert. „Wichtig ist uns stattdessen, dass wir die gleiche Profession teilen.“ Und diese ist sowohl bei Siegert als auch bei Schindler dieselbe: Beide leben für die Träume von Kindern und Jugendlichen in Krefeld.

Mehr über den Kinderschutzbund Krefeld unter www.kinderschutzbund-krefeld.de