kultur

Oder: Ein Wächter im Künstlerhaus Krefelder Underdog Hellmut Seegers

Der Verein Kunst und Krefeld kümmert sich um die Nachlässe bekannter und unbekannterer Krefelder Künstler wie Hellmut Seegers.

Wenn Ralf morgens die Augen aufschlägt, wird er von einem farbenfrohen Gemälde begrüßt. Schwingt er die Beine aus dem Bett und läuft durch den mit Holz ausgeschlagenen Flur in die Küche zur Kaffeemaschine, passiert er im Esszimmer zwei große Aquarelle, die besondere Metamorphosen aus der griechischen Mythologie zeigen, ebenso wie drei kleine Radierungen, die auf eine besondere Weise die Natur darstellen. Mit beiden Händen um die Kaffeetasse geschlungen genießt er anschließend den Ausblick auf ein wunderschönes Naturschauspiel. Von seinen bodentiefen Fenstern aus hat er nicht nur einen herrlichen Blick über das große, gut gepflegte Grundstück, sondern kann auch das Wasser der Niepkuhlen sehen, das direkt an seinen Garten grenzt und auf das ein kleines Gartenhaus hinunterblickt. Ob Hellmut Seegers seinen Kaffee einst wohl genauso trank wie Ralf heute?

Wir können ihn nicht mehr fragen, denn 2005 starb der Krefelder Künstler, der hier vor Ralf lebte. Gemeinsam mit seiner Witwe, inzwischen ebenfalls nicht mehr am Leben, entschloss er vor seinem Tod, sein Vermächtnis dem Verein „Kunst und Krefeld“ in Form einer unselbstständigen Stiftung zu übertragen. Heute lebt Ralf in dem Haus der Seegers, sorgt mit seiner Miete nicht nur dafür, dass das umfangreiche Werk des Künstlers gepflegt wird, sondern versteht sich auch als Wächter der vielen Werke und Möbel, die noch heute in diesem besonderen Haus an den Niepkuhlen an das Leben des Malers erinnern. Über die Jahre hat sich Ralf mit der Biografie seines Vorgängers auseinandergesetzt und sich damit in außergewöhnlicher Weise mit einem Menschen beschäftigt, der zu Lebzeiten eigentlich lieber unsichtbar bleiben wollte. Unsere neue Reihe „Kreative Underdogs“ in Zusammenarbeit mit dem Verein „Kunst und Krefeld“ beginnen wir mit dem Porträt des Künstlers Hellmut Seegers.

Hel(l)mut Seegers – Die Anfänge

Iris Kleinheisterkamp-Shore und Christoph Tölke vom Verein „Kunst und Krefeld“ betreuen die Hellmut-Seegers-Stiftung

„Irgendwann in seinem Leben hat sich Seegers ein L im Namen dazugegeben“, erklärt Christoph Tölke als Vorsitzender des Vereines und schmunzelt. „Er fand das irgendwie schick.“ Als er 1922 geboren wurde, trug er diese namentliche Kunst noch nicht. Und auch nicht, als er 1941 den Militärdienst antrat und ein Jahr später in Afrika in Gefangenschaft kam. Ein großes Kunstinteresse aber wurde ihm in seiner anschließenden Lagerzeit in Amerika bereits zugeschrieben. Vier Jahre verbrachte er hier und sah die „POW Camps“ als Gefangenenlager nicht etwa als verschenkte Zeit, sondern nutzte sie zum Studieren und Malen. Schon damals soll Seegers hier erste kleine Ausstellungen veranstaltet haben. Und als er 1947 mit 25 Jahren nach Krefeld zurückkehrte, wusste er bereits, dass er seinem Leben der Kunst widmen wollte.
Über eine Zwischenstation an der Kunstingenieursschule in Krefeld wurde er 1948 an der Kunstakademie in Düsseldorf zugelassen und besuchte gemeinsam mit Toni Berning und Joseph Beuys, Zeit seines Lebens gute Freunde des Künstlers, die Bildhauerkurse von Ewald Mataré. Seine Meisterschule schloss er letztendlich bei Richard Schreiber ab. 1953 zog er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ingeborg in das alte, traumhaft gelegene Kullhaus ins heutige Traar. Ingeborg, eine Bildhauerin, hatte er beim Karnevalfeiern kennengelernt und sie einen Job am Krefelder Ricarda-Huch-Gymnasium ergattert, der den beiden Künstlern den Lebensunterhalt finanzieren sollte.

Das Haus am See

Im alten Gartenhaus direkt am Ufer der Niepkuhlen muss Hellmut Seegers häufig gemalt haben

Das Haus am See wurde zum Reich des Künstlers. Jeden Tag zog er sich zurück, um in seinem kleinen Atelier im Wohnzimmer mit Blick auf den Garten, oder aber im Gartenhaus direkt oberhalb des Wassers Skizzen anzufertigen, Techniken auszuprobieren, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und seiner unbändigen Leidenschaft nachzugehen. Dabei war es dem Künstler nicht wichtig, mit seiner Kunst gesehen zu werden. Er hatte auch keinen Anspruch, sie zu verkaufen. „Es lag nicht daran, dass Hellmut Seegers nicht gut vernetzt war“, weiß auch Iris Kleinheisterkamp-Shore, die heute als Mitglied von „Kunst und Krefeld“ die Stiftung begleitet. „Es war ihm einfach nicht wichtig.“ Auch deshalb gibt es heute nur wenige Aufzeichnungen über Ausstellungen, an denen der Künstler Zeit seines Lebens teilgenommen haben soll. Stelle er aus, folgte er fast immer Bitten von Freunden.

Seine Kunst als Zeugnis einer besonderen Zeit
Denn Fürsprecher hatte Hellmut Seegers in Krefeld viele. Die Nachlassverwalter des Vereins Kunst und Krefeld fanden in den privaten Unterlagen Nachweise über einige Kunstverkäufe an wohlgesonnene Freunde. „Das, was er damals für seine Kunst bekam, war viel zu hoch für einen klassischen Verkauf“, erklärt Ralf. „Durch seine Zurückgezogenheit hatte er ja eigentlich keinen Marktwert. Wir vermuten, dass ihm Freunde mit Käufen unter die Arme griffen, wenn eine große Anschaffung, zum Beispiel ein Auto, anstand.“ Ein ganz typisches Vorgehen für die damalige Zeit, weiß auch Christoph Tölke: „Für mich macht auch das Hellmut Seegers zu einem Underdog. Er verkörpert die Strukturen, die damals herrschten, sehr gut.“ Denn es gab viele Künstler, die auf großes Geld verzichteten, um ihre Kunst ganz abseits von Kommerz und fremden Einflüssen verwirklichen zu können, die aber dennoch so eng vernetzt waren, dass die finanziell Besseraufgestellten den anderen unter die Arme griffen.

Der Verein Kunst und Krefeld kümmert sich um die Nachlässe bekannter und unbekannterer Krefelder Künstler wie Hellmut Seegers.

Einen Fürsprecher fand Hellmut Seegers auch in Paul Wember, von 1947 bis 1975 Leiter des Kaiser-Wilhelm-Museums. Wember war es schon damals ein großes Anliegen, trotz diverser Vorurteile aus der hochpreisigen Kunstszene, regionale Künstler des Niederrheins durch Ausstellungen zu fördern. In den 50er Jahren kaufte er sechs Bilder des Krefelder Künstlers an, um seine Werke für die Ewigkeit festhalten zu können. „Hellmut Seegers liebte es, zu experimentieren“, beschreibt Tölke. „Er arbeitete sich durch etliche Stile und Techniken und veränderte so immer wieder seine Kunst. Da er diese im Wesentlichen für sich selber tat, gab es keinen Anlass seitens seiner Kollegen, daran Anstoß zu nehmen.“ Heute ist Seegers deswegen nicht nur ein Abbild der sozialen Kunstszene, sondern zeigt in seinen Werken auch, wie sich die Einflüsse der damaligen Szene mit den Jahren veränderten. Und dennoch, als Seegers im November 2005, schwer gezeichnet von einer Alzheimererkrankung, starb, kannten in Krefeld nur noch wenige seinen Namen.

Der Wächter der Kunst

Als neuer Mieter in einem Künstlerhaus bleibt Ralf für immer der Wächter des Seegers-Vermächtnisses
Als neuer Mieter in einem Künstlerhaus bleibt Ralf für immer der Wächter des Seegers-Vermächtnisses

Für seine Witwe Ingeborg Seegers war es wohl auch deswegen eine Erleichterung zu wissen, dass die Werke ihres Mannes sich auch über das Ableben der beiden hinaus in sicheren Händen befinden würden. Schon in den letzten Jahren ihres Lebens hatte sie miterlebt, wie „Kunst und Krefeld“ auf ihren Wunsch den Kunsthistoriker Günter Schwabe einstellte, der das Gesamtwerk ihres verstorbenen Mannes erfasste. Erst aber mit der Entrümpelung und Teilsanierung des Hauses nach ihrem Tod, offenbarte sich der gesamte Schatz. „Wir entdeckten zum Beispiel Briefe, die nach dem tragischen Tod des Sohnes des Ehepaares entstanden sein müssen“, erklärt Ralf. „Auch diverse Skizzenblöcke fanden wir in den Unterlagen. Mit der Zeit konnten wir so den Lebensweg des Künstlers und auch seine Einflüsse nachvollziehen.“ Heute erinnert vor allem das alte Atelier von Seegers, das nun unabhängig vom Wohnhaus als Depot für sein Gesamtwerk dient, an die Kunst zu Lebzeiten. Aber auch im Haus hat der neue Mieter viele Bilder an ihren ursprünglichen Orten gelassen und einige der Möbel übernommen. „Das Haus war stark sanierungsbedürftig, als ich es übernahm“, erinnert sich Ralf, der von der Stiftung ein Wohnrecht auf Lebenszeit eingeräumt bekommen hat. „Natürlich ist es mein Lebensraum und ich werde in den nächsten Jahren auch noch Werke von anderen Künstlern hier ausstellen, aber irgendwie bleibt es eben auch der Wirkungsraum von Hellmut Seegers.“ Und damit bleibt Ralf als neuer Mieter für den Rest seines Lebens auch immer ein Wächter der Kunst.

Kunst und Krefeld bietet einmal im Quartal eine Führung durch das besondere Künstlerhaus an. Weitere Informationen gibt es online auf www.kunstundkrefeld.de, per Mail an info@kunstundkrefeld.de oder telefonisch unter 02151-3698637.