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Heiner Fischer setzt sich als Coach für Gleichberechtigung und aktive Vaterschaft ein Das kann doch auch der Papa!

Papacoach

Es ist Frühling. Heiner Fischer ist mit seinen beiden Kindern auf dem Spielplatz – das tolle Wetter will der junge Vater mit den Kleinen zum Spielen nutzen. Seine viereinhalbjährige Tochter buddelt zielstrebig nach Sand zum Burgen Bauen, während sein knapp zweijähriger Sohn sich eifrig mit dem knallvioletten Plastiksieb befasst. „Das ist ja toll, wie Sie sich mit ihren Kindern beschäftigen“, sagt eine Dame bewundernd im Vorbeigehen und lächelt Heiner wohlwollend zu. Das hört er oft, denn als Vater in Elternzeit ist er ein seltenes Exemplar. Doch das möchte Heiner ändern.

„Als Mann wirst du als Superheld gefeiert, wenn du mit deinen Kindern interagierst“, erzählt der große, schlanke Brillenträger mit aufgewecktem Blick wenige Tage später in der Sonne vor einem Café sitzend. „Das macht mich inzwischen etwas sauer, denn meine Frau macht diese Arbeit ja auch. Mütter werden aber eher kritisch beäugt.“ Hauptberuflich als klinischer Sozialarbeiter tätig, beschloss Heiner vor wenigen Monaten, sich als Botschafter für ein zeitgemäßes Vaterschaftsverständnis einzusetzen. Seit Anfang des Jahres nennt er sich ‚Papacoach‘ und führt eine eigene Website namens „Vaterwelten“. Hier appelliert er, es brauche „eine neue Generation moderner Väter, die aktive Vaterschaft sichtbar machen“. In seinem Blog schreibt er regelmäßig über seinen Alltag als Vater und Sozialarbeiter, bespricht im eigenen Podcast Familienthemen mit anderen Vätern und Müttern und bietet Online-Kurse sowie Coachings für Väter an, die noch ihre Rolle im Konstrukt „Familie-Gesellschaft-Ich“ finden müssen. Zudem hält er im Rahmen von betrieblichem Gesundheitsmanagement firmeninterne Seminare zum Thema „Vereinbarkeit Beruf und Familie“. Ein monatlicher Papa-Treff in Krefeld ist in Planung.

„Mir geht es darum, wie Elternschaft gesehen wird und wie Männer motiviert werden können, eine aktive Vaterschaft einzugehen. Damit meine ich, dass die bestehenden Rollenbilder unserer Gesellschaft hinterfragt werden“, erklärt Heiner. Laut Statistischem Bundesamt gehen 91 Prozent aller Väter zwischen 18 und 64 Jahren arbeiten, 94 Prozent davon in Vollzeit. Der Anteil der in Vollzeit arbeitenden Frauen ist mit 35 Prozent hingegen deutlich geringer. „Das ist ein sehr großes Ungleichgewicht – und das macht sich zu Hause bemerkbar“, betont der 36-Jährige und verweist auf die Problematik des sogenannten Mental Load: „Mental Load beschreibt die Summe aller sichtbaren und unsichtbaren Arbeiten im Familienalltag. Ersteres beschreibt die täglichen Aufgaben, wie das Kind zum Kindergarten zu bringen, zu kochen und aufzuräumen, zweiteres all diese und weitere Dinge auch im Kopf zu haben und zu planen – nicht nur für sich selbst, sondern auch für einen zweiten, kleinen Menschen und manchmal auch für den Partner. Ein wichtiger Punkt, der noch zu unsichtbarer Arbeit gehört, ist die ,emotionale Arbeit‘, also die Begleitung der Gefühle von Kindern und Partnern im Alltag. Das Kind weint, schreit, möchte seine Bedürfnisse umgesetzt haben. Das ist anstrengend und nervenaufreibend. Und wenn der Mann von der Arbeit nach Hause kommt, möchte er auch seinen emotionalen Ballast abwerfen. Da fordere ich: Das muss neu verhandelt werden. Und dazu sind viele Männer nicht bereit, weil ihnen die Privilegien, die sie haben, noch zu sehr schmecken.“ Daraus resultiere eine fehlende Motivation – oder gar das Unvermögen, sich zur Vaterrolle zu bekennen und aktiv Raum für sie einzuräumen.

Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) besagt, dass jeder dritte Vater seine Zeit für die eigenen Kinder nicht ausreichend findet und 79 Prozent der Väter sich mehr Freiraum für ihre Familie wünschen. „Das gelingt aber nur rund einem Viertel. Die Elternzeit hat darauf einen positiven Effekt, sie ist für Väter aber total unüblich. Standard sind beim Mann nur circa zwei arbeitsfreie Monate, während die Mutter zwei Jahre Elternzeit macht“, stellt Heiner fest.

Von Herzen Vater sein: Die eigene Persönlichkeit verstehen
Heiner Fischer beschloss früh, dass neben der Arbeit mehr als genug Raum für die Familie sein soll – mehr noch: Sein beruflicher Werdegang vom Werbefachmann für Printprodukte über ein Studium der Sozialen Arbeit mit anschließender Beschäftigung als Bildungsreferent bis zu seinem heutigen Teilzeitjob als Sozialarbeiter in einem Krankenhaus spiegelt die innere Suche des Wahlkrefelders nach einer besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Derzeit ist Heiner in Elternzeit, um ganz und gar „aktiver Vater“ sein zu können. „Das heißt,präsent, sichtbar und ansprechbar zu sein“, erklärt er und schmunzelt. „Das bedeutet vor allem erstmal Arbeit an einem selbst. Auch neben einem 40-Stunden-Job ist es möglich, ein aktiver Vater zu sein. Die Männer, die zu mir kommen, haben meist ein konkretes Anliegen, das mit ihrer Vaterschaft zu tun hat, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist oft Thema.“
In Heiners Arbeit als Papacoach geht es um die individuellen Bedürfnisse von Vater, Mutter und Kind – denn Vaterschaft müsse in Beziehung zum Gesamtsystem Familie gesetzt werden, findet der Sozialarbeiter. Hierfür sei es zunächst wichtig, dass der Mann sich mit Emotion und Kommunikation auseinandersetze – zwei Themen, die Heiners Erfahrung nach viele seiner Klienten vor erste Herausforderungen stellen. „Männer neigen oft dazu, Pseudogefühle zu nennen: ‚Da hab ich mich richtig scheiße gefühlt.‘ Dann versuche ich herauszufinden: Welches Gefühl verbirgt sich denn hinter ‚scheiße‘?“, erläutert er. „Denn nur so kann man herausfinden, was in akuten Situationen der genaue Auslöser für Probleme ist. Geschlechter-Stereotypen müssen da auch mal verlassen werden. Aus jedem Anliegen, das an mich herangetragen wird, ziehe ich gemeinsam mit dem Vater eine Analyse. Oft machen wir dazu erstmal einen Perspektivwechsel, versetzen uns gemeinsam in die Lage der Frau, dann in die des Kindes, um ein gegenseitiges Verständnis zu bekommen. Dann gibt es verschiedene Reflexionsmethoden, zum Beispiel Biografiearbeit.“ Hierbei werde zunächst eine Bilanz aus vergangenen Lebenserfahrungen gezogen, die anschließend reflektiert in Gegenwartsbewältigungs- und Zukunftsplanungsmethoden einfließen kann.

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Elternschaft heißt Teamplay: Die Partnerschaft
Häufig zeigt sich im Rahmen der Gespräche, die Heiner führt, dass ursächlich gar nicht die Auseinandersetzung mit der Vaterschaft an sich eine Belastung darstellt, sondern vielmehr die Beziehung der Eltern untereinander. Und eine ausgeglichene Partnerschaft hat direkte Auswirkungen auf die Vater- und Mutterrolle. Das fängt bei scheinbar selbstverständlichen Gesten an, die in vielen langjährigen Partnerschaften nach und nach abhandenkommen. Ein besonders wichtiges Thema in Heiners Arbeitsalltag ist die gegenseitige Wertschätzung zwischen Mann und Frau. „Für unsere Kinder machen wir das ganz automatisch, zum Beispiel, wenn wir sie ins Bett bringen und noch etwas vorlesen. Dann fragen wir: Wie war denn dein Tag? Was hast du heute erlebt? Als Erwachsene untereinander können wir das oft nicht so gut. Es ist wichtig, sich bewusst die Zeit zu nehmen. Eine meiner liebsten Methoden ist deshalb das Zwiegespräch: Man nimmt sich eine Stunde Zeit, und jeder darf abwechselnd fünf Minuten reden, während der andere schweigt und aktiv zuhört. Wenn die Stunde vorbei ist, ist Pause. Wichtig ist, sich positiv und dankbar aus dem Gespräch zu verabschieden.“ Neben „Teamwork“ und der Harmoniearbeit zugunsten einer entspannteren Familienatmosphäre, sei aber auch das Selbstverständnis der Mutter ausschlaggebend für die Möglichkeit einer aktiven Vaterschaft. „Neue Väter brauchen auch neue Mütter. Wenn der Mann bereit ist, mehr im Haushalt, für die Beziehung und für die Kinder machen zu wollen, dann muss es auch eine Frau geben, die ihm das erlaubt. Das ist erstmal übelst schwer, wenn man dieses gleichberechtigte Modell nicht von Anfang an fährt. Es gibt ein Fachwort dafür, wenn Müttern ihren Partnern diese Erfahrungen vorenthalten. Das nennt sich ‚Maternal Gatekeeping‘, sie sind also eine Art Türsteher für die Nähe zum eigenen Kind“, erläutert Heiner. Auf diese Weise passiere es häufig, dass Mütter das klassische Modell entgegen ihrer eigentlichen Wünsche unbewusst festigen. Heiner ist jedoch fest davon überzeugt, dass beide Beziehungspartner die gleichen Rechte haben und von ihnen Gebrauch machen sollten – sei es, was die Ausübung eines Berufs oder die Nähe zum eigenen Kind angeht. „Es gibt einen schönen Satz aus dem Film ‚We want Sex‘, der lautet: „Rechte sind keine Privilegien“. Der steht auch auf meiner Website, denn er fasst im Grunde genau das zusammen, wofür ich mich mit meiner Arbeit einsetze“, schließt
er und winkt freundlich der Kellnerin.

Nach dem Spielplatz geht es für Heiner und seine Kinder zum Foodsharing. Achtsamkeit und Nachhaltigkeit spielen für den jungen Vater eine wichtige Rolle, sowohl was Beziehungen als auch was die Alltagsgestaltung angeht.

post@vaterwelten.de
www.vaterwelten.de

Heiners Buch- & Filmtipps zu…

…Mental Load & Gleichberechtigung:
Patricia Cammarata: „Raus aus der Mental Load Falle“
Laura Fröhlich: „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“
Nigel Cole: „We want Sex“ (Film)

…Vaterschaft:
Nils Pickert: „Prinzessinnenjungs:
Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien.“
Christian Gaza: „Papipedia: Alles,
was Väter und ihre Kinder brauchen.“