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Die Kunst aus dem Feuer Glaskünstler Harald Harrer

Harald Harrer war früh von der Glaskunst beeindruckt. Heute ist der 73-Jährige einer der ältesten Glasbläser Deutschlands.

Eine Flamme flackert, es riecht nach Gas und kleine gläserne Gefäße stehen aneinandergereiht auf dem Tisch. Geduldig schaut Harrald Harrer durch seine dicke schwarze Brille auf das, was er in die Flamme hält. Der Mann mit dem längeren grauen Haar und dem weißen Bart hält das gläserne Gebilde vorsichtig in seinen Händen, immer wieder wird es gewendet und gedreht. Die Szene erinnert beinahe an ein Chemielabor. Aber hier in der kleinen Werkstatt, in unmittelbarer Nähe zur Uerdinger Fußgängerzone, entsteht Kunst. Und das schon seit vielen Jahrzehnten: Mit 73 Jahren ist Harald Harrer einer der ältesten Glasbläser und Glaskünstler Deutschlands.

Schon früher war Glasbläser ein seltener Beruf

Sobald die alte Schulglocke in der Volkshochschule in Rheinhausen laut läutete, schnappte sich Harald Harrer schon als junger Bub seinen Tornister, um in der benachbarten Werkstatt dem Glasbläser bei der Arbeit zu zuschauen. Wie der Handwerker mit Wärme, seinen Händen und der Kraft seiner Atemluft Reaktionsgefäße oder Kolben herstellte, zog den Sohn eines Schreinermeisters in seinen Bann. „Ich hatte damals schon erkannt, dass du alleine entscheidest, wie sich das Material verhalten soll“, erinnert er sich. „Beherrscht du die Technik, stehen dir alle Gestaltungstüren offen.“ Als er mit 14 Jahren die Volkshochschule abschloss und der Glasbläser ihm einen Ausbildungsplatz anbot, musste der Rheinhausener nicht lange überlegen.

Schon damals war Glasbläser ein seltener Beruf. Während der Jugendliche in der benachbarten Werkstatt die Praxis lernte, fuhr er für den theoretischen Teil an der Berufsschule mehrmals in der Woche mit der Eisenbahn nach Essen. Dort teilte er den Klassenraum gerade einmal mit vier Mitschülern. Sie alle lernten hier den „technischen Glasbläser“. „Noch heute werden die meisten Glasapparaturen von Hand hergestellt“, erklärt Harrer. „Ich wusste schnell, dass mir diese Arbeit nicht ausreicht.“ Unmittelbar nach der Gesellenprüfung entschied sich der junge Mann deswegen, auch die Meisterschule zu besuchen, um das Arbeiten mit dem besonderen Material noch besser zu verstehen und zusätzlich in die Kunsthandwerksgeschichte einzutauchen. Die Kreishandwerkerinnung der Glasbläser in Duisburg sah sein Talent und zeichnete ihn mit einem Stipendium aus. An der Glasfachschule Zwiesel in Bayern legte Harrer seinen Meister mit dem Schwerpunkt „Gestaltung“ ab.

Harrer tauschte bereits in den Ausbildungsjahren die technische gegen die kreative Glasarbeit

Zur gleichen Zeit begann der Glasbläser die Arbeit an Glaszylindern und Kolben gegen die Herstellung aufwendiger Skulpturen und kunstvoller Trinkgläser einzutauschen. Aus dem Handwerker wird ein Künstler. Durch das Wissen, das ihm die Meisterschule vermittelte, ist er auf einmal fähig, mit ganz neuen Techniken und Grundlagen zu arbeiten. „Ich hatte schon zu Schulzeiten eine besondere Vorliebe für Farben, aber jetzt wusste ich endlich, wie ich das auch in der Glasgestaltung ausleben kann“, erklärt er. „Man kann Farben fühlen. Egal, ob wir abends am Meer sind oder morgens in der Natur – immer wieder berühren uns Farbverläufe. Und das eben auch im Glas.“

Harald Harrer war früh von der Glaskunst beeindruckt. Heute ist der 73-Jährige einer der ältesten Glasbläser Deutschlands.
Mit 73 Jahren gehört Harald Harrer zu den ältesten Glasbläsern Deutschlands

Harrer arbeitet seitdem mit zwei unterschiedlichen Verfahren. Entweder benutzt er die Tischflamme um „vor der Lampe zu blasen“, daraus entstehen zum Beispiel Gläser, Gefäße, Schmuck oder Tannenbaumkugeln, oder aber er erwärmt den Werkstoff in einem Ofen und nutzt Schleifer, Zangen und andere Werkzeuge, um das Glas zu ziehen und zu formen. Diese zweite Technik nutzt er, um Glasskulpturen zu erschaffen. „Für das Glasblasen benötige ich kein großes Equipment“, beschreibt er. „Ein Glasofen aber ist teuer und schwierig zu finden.“ Bisher hat sich Harrer deswegen immer in Glashütten eingemietet, war dafür viel in der Schweiz, bald soll ein eigener kleiner Ofen in die Werkstatt nach Uerdingen einziehen. „Wenn das Geld dann nach Corona noch reicht“, fügt der Krefelder schüchtern hinzu.

Die Leidenschaft sei jedes Opfer wert, beschreibt der Glaskünstler

Ja, das Geld war ungewollt schon immer ein Thema für den Glaskünstler. Das Arbeiten mit dem Werkstoff ist teuer. Harrer muss nicht nur die Miete für die Tage in der Glashütte bezahlen, sondern auch die Materialien, die er braucht, vorab teuer einkaufen. Glücklicherweise kann der Glaskünstler auf seine Stammkundschaft in Krefeld und Borkum, seiner zweiten Heimat, bauen und verkauft außerdem auf Kunsthandwerkermarken. „Aber die verlieren auch zunehmend an Qualität“, beschreibt er. „Die Leute sind oft nicht mehr bereit, so viel für Kunst zu geben.“ Vor allem in den ersten Jahren seiner Berufskarriere war es für Harrer deswegen selbstverständlich, neben seiner Tätigkeit als Künstler auch in einem „regulären Job“ zu arbeiten. „Das ist der Preis, den ich für meine Leidenschaft zahlen musste“, sagt er lachend. Einige Zeit fuhr der Krefelder beispielsweise Zigaretten aus und befüllte die Automaten damit. Perfekt sei das gewesen, meint er, denn seine Fahrt dauerte von 6 bis 14 Uhr. „Der Nachmittag war dann frei für die Kunst“, erzählt der 73-Jährige weiter. Auch auf dem Bau habe Harrer als junger Mann geschuftet oder andere kleine Jobs gemacht, um sich über Wasser zu halten.

Die Finger von der Kunst zu lassen, kam für den Krefelder dennoch nie in Frage. Sehnsüchtig hofft er auf ein baldiges Ende der Pandemie und darauf, dann endlich wieder am Ofen und nicht nur an der Tischlampe schaffen zu können. „Dieser eigene Geruch, wenn ich am Glas arbeite. Die Eigenschaft, dass dir das Material keinen Fehler verzeiht“, schwärmt er. „All das ist mein Ding. Meine Kunst ist mein Leben.“


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