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Ernst Müller und die klassische Literatur Eine ungewöhnliche Leidenschaft

Ernst Müller

Der Kalender zeigt das Jahr 1975 im schönen niederrheinischen Kempen. Mal wieder kennt der Gang des 14-jährigen Ernst nach der Schule nur ein Lieblingsziel: die Kempener Stadtbücherei. Heute aber hat sich Ernst Großes vorgenommen. Zum ersten Mal möchte er die Regale mit den Kinderbüchern hinter sich lassen und sich in die Erwachsenenabteilung vorwagen. Mit schnellen Augen sucht der Kempener die Regalfächer durch. Dick soll das Buch sein, hat er beschlossen, denn er möchte sich beweisen, dass er endlich so weit ist, sich auf eine neue Literaturstufe vorzuwagen. Routiniert greift seine Hand zu „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ von Johannes Mario Simmel. In nur wenigen Tagen liest er das „Erwachsenenbuch“ von vorne bis hinten durch. Die Kinderbücher, so ist er sich sicher, gehören nun endgültig der Vergangenheit an. Und dem Gedanken folgen Taten: Bald liest er mit Heinrich Böll und Siegfried Lenz, auch Günter Grass, die damals meist diskutierten Autoren der Zeit.

Mit 16 Jahren wagt sich Müller weiter, er greift zu Goethe.  Das Buch pflanzt einen Samen in ihm, der bis heute tiefe Wurzeln schlägt. „Ich spürte, dass für mich die Ästhetik der Sprache in einem Buch im Vordergrund steht und nicht der Inhalt. Ich hatte damit einen Quantensprung in der Qualität der Buchwelt wahrgenommen“, erklärt Ernst Müller heute. Er schiebt Schiller nach, und zu Geburtstagen und dem Weihnachtsfest reicht er seinen Eltern lange Wunschlisten, auf denen sich die Titel bedeutungsschwerer Werke von mindestens genauso bedeutenden Autoren aneinanderreihen.

Vom Hobby zum Berufswunsch

Ernst Müller

Nach dem Abitur ist es eine Leidenschaftsentscheidung, sich für Germanistik an der Universität Bonn einzuschreiben. Zwar stehen auch Jura oder Psychologie zur Wahl, aber egal, aus welchem Blickwinkel Müller die Optionen betrachtet, am Ende gewinnt eben immer die Literatur. „Ich habe mir damals gedacht, dass für mich das Studium ja eigentlich keine Arbeit, sondern das pure Vergnügen werden würde“, erinnert sich Müller lachend. „Lesen war ja eh mein Hobby, nur dass das Studium mir eine noch bessere Verständnisgrundlage geben würde.“

Und so weit weg, so weiß der Literaturwissenschaftler heute, befindet sich das Studium der Germanistik nicht vom Psychologieansatz. Denn in der Literaturwissenschaft wird gelehrt, das, was hinter dem Buch passiert, zu verstehen – ähnlich wie es in der Psychologie Gang und Gäbe ist, einen Menschen zu deuten. „Ich habe im Studium gelernt, dass kein Autor ohne Hintergrund schreibt, sondern in seinen Texten sich immer seine historische Zeit widerspiegelt“, erklärt der Literaturwissenschaftler. „Ein Buch ist immer ein Seismograph der politischen Situation.“ Schillers Werke beispielsweise beschäftigen sich unterschwellig mit der Hoffnung, den Feudalismus zu überwinden. Eichendorff dagegen ist ein Kind der napoleonischen Kriege und darin ein aktiver Kämpfer.  Dies wirkt deutlich in seiner Literatur nach. „Das Studium war die dritte Phase meines Lebens, in der sich Literatur für mich auf einer neuen Ebene erschloss“, sagt Müller heute. „Das war ein wichtiger Moment.“

Auf den Spuren großer Dichter

Nach seiner Zeit in der damaligen Landeshauptstadt, die Müller in seiner Lebendigkeit in vollen Zügen genießt, möchte der Absolvent eigentlich als Lehrer arbeiten. Stellen allerdings gibt es damals keine, und so entschließt er sich, stattdessen bei einer Tageszeitung in Krefeld ein Volontariat zu absolvieren. „Ich überlegte damals, was mich außer dem Lehren sonst noch interessieren könnte, und da lag das Schreiben nah“, erzählt er schmunzelnd. „Beides sind Formen von Informationsvermittlung“. Seine Liebe zur klassischen Literatur begleitet ihn auch hier. Nach Feierabend schlendert der Kempener gern mal zur Krefelder Mediothek und stöbert durch die Regale. Noch heute ist er außerhalb von Corona rund drei Mal in der Woche im modernen Gebäude am Theaterplatz zu Besuch.

Irgendwann in dieser Zeit beginnt Müller, auch abseits des Zeitungspapiers zu schreiben. Er versucht sich an einem Jugendbuch, das durch eine Ausschreibung einen Autor finden soll. „Aber das ging natürlich total in die Hose, das war ja eigentlich gar nicht mein Ding“, erinnert er sich und lacht erneut. Als ihm 1998 seine Mutter von ihrem Besuch in Weimar, dem Mekka des Klassizismus, erzählt, beginnt fast automatisch ein neues Schreibkapitel. „Ihre Erzählungen begeisterten mich so sehr, dass ich anfing, gezielt Orte zu besuchen, in denen Autoren der klassischen Literatur gewirkt hatten“, erklärt Müller. „Ich reiste nach Weimar, nach Stuttgart,  nach Husum, nach Bamberg und begab mich immer auf die Suche nach Informationen und Biografie-Schnipseln klassischer Autoren.“ Müller schreibt das, was er in den Städten erfährt, auf und bringt die historischen Hintergründe mit den Werken der Dichter zusammen. 2012 veröffentlicht der renommierte Lambert-Schneider-Verlag sein erstes Buch mit dem Titel „Auf den Spuren deutscher Dichter“. „Und dann dachte ich, warum schaue ich eigentlich so weit weg, wenn es auch vor meiner Haustüre tolle Geschichten gibt“, schildert der 60-Jährige. „Ich begann zu recherchieren, welche literarischen Bezüge ich im Rheinland finden kann.“

Ernst Müllers Buch „Literarisches Rheinland“ ist unser erster Tipp in der neuen kredo-Reihe „Niederrheinische Literatur“.



kredo-Buchtipp: „Literarisches Rheinland“ von Ernst Müller

Als sich Ernst Müller entschließt, das Buch „Literarisches Rheinland“ zu schreiben und damit seinem ersten Werk, „Auf den Spuren deutscher Dichter“, eine rheinländische Ergänzung zu schenken, fertigt er eine Liste von klassischen Autoren an, die im Rheinland wirkten. Müller wird fündiger als er zu Beginn seiner Recherchen glaubt und die Liste länger als das Buch Platz schenken soll. Sein Anspruch: Jeder Wirkungsort soll vom Niederrhein aus in einem Tagestrip erreichbar sein. Entstanden ist ein Werk mit 15 Kapiteln, 15 Autoren und 15 Orten. Akribisch hat Müller dafür historisches Material gesammelt, mit den Werken der Autoren in Verbindung gebracht und dabei selbst mit Freude und Ausdauer die einzelnen Städte besucht und erforscht. „Literarisches Rheinland“ ist dadurch so etwas wie ein Reiseführer, ein Sachbuch und ein Literaturband gleichermaßen. Wer alle 15 Kapitel aktiv erlebt, wird am Ende deutlich mehr über das Rheinland wissen als der Durchschnittskrefelder.

Foto: Simon Erath

Müller begibt sich dabei beispielsweise auf die Spuren des Lyrikers Ferdinand Freiligrath, der 1810 in Detmold geboren wird und anschließend eine Wohnung in Unkel mit direktem Blick auf den Rhein bezieht. Von seinem Haus aus genießt er einen fantastischen Blick auf den Rolandsbogen, das Wahrzeichen der Rheinromantik und gleichzeitig das letzte Überbleibsel einer mittelalterlichen Burg. Als 1839 das bauliche Fundament nachgibt und das Tor in sich zusammenstürzt, organisiert er eine Sammlung zum Wiederaufbau des Wahrzeichens. Heute erinnert eine Büste unter dem Rolandsbogen an den Lyriker, der als Romantiker begann, deshalb auch den Rolandsbogen wiedererrichten ließ, und sich dann am Rhein zum Revolutionsdichter wandelte. Mit Müllers Werk erklimmt man den Berg bei Rolandseck, genießt den Anblick des steinernen Wahrzeichens und den wunderschönen Ausblick über das Rheintal und lernt dabei ganz nebenbei, dass der DDR-Ausruf „Wir sind das Volk“ ursprünglich aus der Feder des in Westfalen geborenen Lyrikers stammt.

Das Buch „Literarisches Rheinland“ von Ernst Müller, erschienen im Verlag Edition Virgines, ist im regulären Buchhandel für 15 Euro erhältlich.