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Krefeld zeigt Flagge Diversität in der Kirche

Die Regenbogenflagge weht derzeit vor vielen öffentlichen Einrichtungen und Privathäusern, aber auch vor Kirchen wie St. Thomas Morus – als Zeichen der Toleranz für gleichgeschlechtliche Liebe

Die knallbunte Regenbogenflagge flattert in diesen Tagen am Krefelder Rathaus im Wind, ist in einige Fenster geklebt worden und ziert auch den Kirchenraum in St. Thomas Morus auf der Kempener Allee. Diakon Matthias Totten reagiert damit nicht nur wie viele andere ausschließlich auf den weltweiten Diversity-Tag Ende Mai, sondern auch auf das Votum der Glaubenskongregation am 15. März. Auf die Frage, ob die Kirche die Vollmacht habe, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen, reagierte der Vatikan mit einem klaren „Nein“.

Wo geliebt wird, kann Gott nicht nicht gegenwärtig sein

„Aus theologischer Sicht verstehe ich die Glaubenskongregation, denn die Segnung homosexueller Partnerschaften steht nicht auf einer soliden biblischen Grundlage“, beschreibt der Seelsorger. „Auf der anderen Seite aber kann Gott da, wo geliebt wird, nicht nicht gegenwärtig sein und deswegen kann und will ich eine Segnung von einem sich liebenden Paar nicht verbieten.“ Für Totten ist die Botschaft eindeutig: In der Kirche ist jeder willkommen, und Gottes Liebe kann jedem zuteilwerden, egal, welches Geschlecht die Person liebt. „Ich lerne immer wieder Jugendliche kennen, die ihre Liebe entdecken und immer wieder sind dort einige bei, die herausfinden, dass sie gleichgeschlechtlich lieben“, erklärt der Seelsorger. „Die Jugendlichen sind oft geprägt von Unsicherheit und Selbstzweifeln. Das ist dramatisch, denn niemand sollte sich verbiegen lassen. Wir sollten – vor allem in Kirche – viel offener über das Thema sprechen.“

Als Diakon in Krefeld-Nordwest nahm der fünffache Vater die Aktion „Flagge zeigen für mehr Toleranz und Offenheit“ des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend Aachen zum Anlass, um in den sozialen Netzwerken einen Aufruf zu starten. Schnell scharten sich Gleichgesinnte wie die lokale Christliche Arbeiter Jugend-Gruppe oder der Pfadfinderstamm Inrath um den Diakon, und gemeinsam feierten die Akteure Gottesdienst als öffentliches Statement. „Hier wird niemand nach Hause geschickt“, betont Matthias Totten. „Kirche ist für alle da.“

Das sagen die Jugendlichen

Die Regenbogenflagge weht derzeit vor vielen öffentlichen Einrichtungen und Privathäusern, aber auch vor Kirchen wie St. Thomas Morus – als Zeichen der Toleranz für gleichgeschlechtliche Liebe

„Die Kirche hat sich rund um das Thema Toleranz und Offenheit in letzter Zeit nicht wirklich mit Ruhm bekleckert und deswegen finde ich wichtig, dass wir thematisieren, dass wir offen für alle sind. Die wichtigste Aussage der Bibel ist ja, dass Gott jeden liebt, und dass wir jeden lieben sollten wie uns selbst. Wenn Leute aus der Kirche ausgeschlossen werden, dann verstoßen wir, so finde ich das jedenfalls, gegen beides. Ich würde mir wünschen, dass die Kirche etwas offener für Veränderungen wird – besonders dann, wenn diese Veränderungen dem Gedanken der Bibel entsprechen.“
Sebastian, 17 Jahre, DPSG Inrath


Die Regenbogenflagge weht derzeit vor vielen öffentlichen Einrichtungen und Privathäusern, aber auch vor Kirchen wie St. Thomas Morus – als Zeichen der Toleranz für gleichgeschlechtliche Liebe

„Ich finde, das Thema ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je! Denn bei der Liebe geht es immer um zwei Menschen, nicht um ein Geschlecht. Wenn zwei Frauen oder Mädchen in der Öffentlichkeit Händchen halten, weil sie sich beispielsweise als gute Freunde verstehen, dann ist das für die Gesellschaft normal, aber wenn sie sich lieben, wird es als „unnormal“ abgestempelt. Das finde ich traurig und das macht mich wütend! Unsere Gesellschaft stellt sich oft als tolerant dar, ich habe aber leider das Gefühl, dass das mehr Schein als Sein ist. Deshalb finde ich es wichtig, wenn soziale Mittelpunkte, wie zum Beispiel Institutionen wie die Kirche oder die Pfadfinder, auch öffentlich ihre Toleranz gegenüber dem Thema aussprechen. Liebe sollte toleriert werden, egal zwischen wem und in welcher Form.
Für mich ist die Kirche bzw. meine Religion eine Art Zufluchtsort. Ich wünsche mir, dass alle Menschen diese Chance bekommen. Ich habe schon als kleines Kind von meiner Oma mitgegeben bekommen, dass man eine Kerze anzünden soll, wenn man sich etwa wünscht oder hofft – das mache ich oft. Auch nach dem benannten Gottesdienst zündete ich eine Kerze an. Warum? Weil ich mir wünsche, dass die Gesellschaft mehr Offenheit und Toleranz gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen entwickelt. Weil ich mir wünsche, dass jeder Mensch von der Gesellschaft akzeptiert, toleriert und wahrgenommen wird! Wir sind alle Menschen. Egal, welche Fehler wir in unserem Leben gemacht haben, welchem Geschlecht wir uns zugehörig fühlen oder wen wir lieben – wir alle sollten in der Kirche herzlich willkommen sein!“
Joana, 18 Jahre, DPSG Inrath und ehemaliger Firmling


Die Regenbogenflagge weht derzeit vor vielen öffentlichen Einrichtungen und Privathäusern, aber auch vor Kirchen wie St. Thomas Morus – als Zeichen der Toleranz für gleichgeschlechtliche Liebe

„Egal, ob in Kirche oder woanders – für mich ist es rassistisch, jemanden anders zu behandeln oder sogar auszustoßen, weil er nicht dem klassischen, sozialen Standard entspricht oder in den Mainstream passt. Es sollte egal sein, auf welches Geschlecht jemand steht. Natürlich muss gleichgeschlechtliche Liebe nicht jedermanns Sache sein, aber niemand sollte dafür ausgeschlossen oder sogar angefeindet werden. Ich würde mir wünschen, dass das Thema geläufiger und in der Öffentlichkeit mehr thematisiert wird – auch in Kirche. Es muss vermittelt werden, dass es völlig egal ist, welches Geschlecht wir lieben, und anders zu sein nicht direkt als „schlimm“ abgestempelt wird. Ich bin aber sicher, dass wir dabei auf einem guten Weg sind und hoffe, dass wir irgendwann sagen können, dass auch gleichgeschlechtliche Liebe zum Mainstream gehört.“
– Nicolai, 16 Jahre, DPSG Inrath


Die Regenbogenflagge weht derzeit vor vielen öffentlichen Einrichtungen und Privathäusern, aber auch vor Kirchen wie St. Thomas Morus – als Zeichen der Toleranz für gleichgeschlechtliche Liebe

„Ich finde es wichtig, in Kirche darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht nur die Beziehung zwischen Mann und Frau gibt, sondern viele unterschiedliche Möglichkeiten, wie sich ein Mensch verlieben kann. Es ist nicht das Verschulden von jemanden, der sich verliebt, dass seine Art zu lieben vielleicht nicht in das alte Bild der Ehe zwischen Mann und Frau passt.
Es ist für mich grundlegend, dass sich jeder in der Kirche willkommen fühlt, denn die Beziehung zu Gott ist immer etwas Persönliches. Diese Beziehung wird durch zum Beispiel eine gleichgeschlechtliche Liebe nicht beeinflusst. Ich habe selbst zum Glück noch nie Anfeindungen erlebt, aber es ist ja schon so, dass zum Beispiel das Wort „schwul“ als Beleidigung benutzt wird oder das Internet oft suggeriert, das alles, was nicht als klassisch „normal“ gilt, dann direkt zu anders ist und Abwertungen mit sich bringt.
Nicht nur von Kirchen, sondern zum Beispiel auch von Schulen wünsche ich mir, dass diese offener werden. Mir geht es dabei nicht nur um gleichgeschlechtliche Ehe und Partnerschaft, sondern ich möchte, dass die gesamte LGBTQ+ Community mehr anerkannt wird und dass wir uns einfach alle so akzeptieren, wie wir sind – egal, in wen wir verliebt sind oder wie wir uns fühlen.“
– Jonas, 19 Jahre, CAJ


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