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Zeitgeist

Bei Depressionen Hilfe suchen – auch in Coronazeiten Die Psyche im Lockdown-Schatten

Die dunklen Wintermonate sind für viele Menschen nicht einfach. Ängste und Depressionen treten aufgrund anhaltender Dunkelheit häufiger auf als im Sommer. Dazu kommt nun auch noch die Corona-Krise, die Einschränkungen, Ungewissheit und vor allem eine Begrenzung der sozialen Kontakte mit sich bringt. Wer sich in diesen Zeiten ängstlich fühlt, dauerhaft antriebslos und niedergeschlagen ist, sollte wissen: Damit ist man nicht allein. Wir haben Diplom-Psychologin Sonia Mikula und Ilona Heinz von der Selbsthilfe-Kontaktstelle Krefeld befragt, wie das eigene Befinden einzuordnen ist, wer helfen kann und wie es mit der psychologischen Versorgung in Krefeld aussieht. Eine kuratierte Übersicht.

Wann spricht man von einer Depression?

„Anzeichen einer echten Depression sind laut ICD-10, einem Klassifikationssystem für Ärzte und Psychotherapeuten, unter anderem gedrückte Stimmung in einem ungewöhnlichen Ausmaß für den Betroffenen – die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag – und zudem ein Verlust der Freude, Kraft-losigkeit und fehlender Antrieb“, erklärt Sonia Mikula, Psychologische Psychotherapeutin in Krefeld-Bockum. „Häufig treten negative Gedanken über sich und die Welt, Schlafstörungen, Ängstlichkeit und Konzentrationsstörungen auf.“ Der Unterschied zu schlechter Laune, die jeder von uns kennt, liege in der Intensität und der Anzahl der Symptome sowie ihrer Dauer. Bei einer Depression halten die extremen Gefühlsveränderungen mindestens zwei Wochen lang beständig an. Wenn wir hingegen unter einer Verstimmung leiden, hört diese in der Regel nach einigen Stunden oder Tagen auf, und wir widmen uns wieder unserem Alltag. Genau das fällt Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, sehr schwer.

Diplompsychologin Sonia Mikula ist in eigener Praxis (Praxisgemeinschaft pp-Krefeld) mit Kassenzulassung in Krefeld tätig. Zudem ist sie Dozentin und Supervisorin an einem Ausbildungsinstitut für Psychotherapeuten

Wann man Rat und Hilfe in Anspruch nehmen sollte

Hilfe holen sollte man spätestens dann, wenn man bei sich selbst oder einem Familienmitglied feststellt, dass die Stimmung langanhaltend negativ ist, die Freude an bisher geliebten Aktivitäten verloren geht, dass die Leistungsfähigkeit abnimmt und immer weniger Kraft vorhanden ist. Das heißt also: wenn alltägliche Aktivitäten sehr viel Energie kosten und über ein bekanntes Maß hinaus erschöpfend sind.

Wie korrelieren Depression und Corona-Pandemie?

„Corona verändert nicht nur das Patientenaufkommen, sondern auch die Stimmungslage der Patienten, die bereits in Behandlung sind“, informiert Sonia Mikula. „Bei vielen, die ohnehin bereits an Depressionen, Ängsten und anderen Erkrankungen leiden, verstärken sich die Symptome aufgrund der Corona-Lage und der damit einhergehenden Belastungen. Da laufende Therapien nicht einfach unterbrochen werden können, ist es sehr schwer, dem Patientenaufkommen gerecht zu werden“, berichtet die Psychotherapeutin. Seit dem Aufkommen der Corona-Pandemie sei die Zahl der Therapieplatz-Anfragen merklich angestiegen. Sie und ihre Kolleg*innen versuchen jetzt, möglichst viele Betroffene in den sogenannten „Sprechstunden“ zu sehen. Diese stellen keine Psychotherapie dar, geben aber die Möglichkeit zu einer ersten Aufklärung. Außerdem dienen sie dazu, die weiteren Möglichkeiten zu besprechen und gegebenenfalls erste hilfreiche Schritte einzuleiten.

Die Versorgungslage in Krefeld:
Therapeutenmangel auch am Niederrhein

Einen Therapieplatz beim Psychotherapeuten zu ergattern, ist auch in Krefeld oft mit längeren Wartezeiten verbunden, da die ansässigen Fachleute den hohen Bedarf nicht decken können. Betroffenen rät Sonia Mikula: „Auf jeden Fall die Terminvergabestelle und auch die Therapeuten selbst in den Sprechstunden kontaktieren. Die Krefelder Kolleg*innen und ich versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten, zumindest recht kurzfristig Termine für eine Sprechstunde zu vergeben, was jedoch nicht die Sicherheit für einen Therapieplatz bedeutet. Leider.“ Wichtig sei es auch, sich bei mehreren Therapeuten auf die Warteliste setzen zu lassen. Unter www.therapie.de gibt es eine ­Therapeutensuche über die Postleitzahl.

„Erste-Hilfe-Tipps“ für Betroffene

Erster Ansprechpartner bei Depressionen und Verstimmungen kann natürlich der Hausarzt sein. Er kennt seine Patienten meist seit längerer Zeit, kann die Situation einschätzen und Rat geben. Akut Betroffene können auch die Terminvergabestelle anrufen, deren Mitarbeiter auch ­kurzfristig Termine beim Psychotherapeuten ermöglichen. Weitere Anlaufstellen sind die Krisenhilfe Krefeld, die Deutsche Depressionshilfe oder die Telefonseelsorge. Für alle über 60 ist auch das Silbernetz erreichbar, die kostenlose Rufnummer gegen Einsamkeit im Alter. Wenn die Symptome sehr intensiv auftreten, kann ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik eine gute Option sein: Die Alexianer-Klinik und die Klinik Königshof sind auf die Betreuung ­psychisch Erkrankter spezialisiert.

Eine andere Möglichkeit sind Selbsthilfegruppen. In ­Krefeld gibt es zum Beispiel eine Selbsthilfegruppe für Depressionserkrankte, geleitet von der Selbsthilfe-Kontaktstelle Krefeld. Mitarbeiterin Ilona Heinz berichtet: „Die persönlichen Treffen müssen aufgrund der aktuellen Coronaschutzverordnung derzeit zwar pausieren. Die Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer bleiben aber trotzdem, so gut es geht, miteinander in Kontakt. Zusätzlich bieten wir Mitarbeiterinnen der Selbsthilfe-Kontaktstelle online moderierte Treffen an. Interessierte können sich also auch während Corona an uns wenden.“ Persönliche Beratungstermine vergibt die Kontaktstelle nach Absprache.

Generell ist bei gedrückter Stimmungslage die tägliche Alltagsgestaltung nicht zu unterschätzen. Auch wenn es banal klingen mag: Bewegung und eine gesunde Ernährung sind nicht nur wohltuend, sondern auch wichtig für die Bewältigung einer Krise. Entspannungsübungen, Yoga und Meditation sind hilfreiche Methoden, um Anspannung zu reduzieren und den Schlaf zu fördern. Als Teil der regelmäßigen Selbstfürsorge helfen sie dabei, das Gefühl für das eigene Befinden und damit einhergehend den Blick für die eigenen Bedürfnisse zu schärfen. Solche Maßnahmen können auch Betroffenen, die auf einen Therapieplatz warten, die Zeit bis zum Behandlungsbeginn erleichtern.

Und wie sieht es mit Medikamenten aus?

„Eine Selbstmedikation, demnach auch die Einnahme freiverkäuflicher Mittel, ist eher achtsam zu betrachten“, betont Sonia Mikula. „Diese Mittel gehen meistens gegen ein Symptom vor. Wichtig ist jedoch, die Ursachen näher zu erforschen, um das Problem langfristig erfolgreich bekämpfen zu können. Daher sollten Medikamentenfragen generell mit einem Arzt, Apotheker oder Psychotherapeuten besprochen werden.“ Nun kommt der Frühling – mit ihm sollte die klassische Winterdepression vorbeigehen. Doch Corona bleibt. Wenn Sonne und Bewegung die dunklen Wolken im Kopf nicht vertreiben können, gilt: Hilfe suchen – auch in Coronazeiten!


Kontaktstellen für Hilfesuchende:

Krisenhilfe Krefeld:
www.krefelder-krisenhilfe.de, 02151-6535253

Deutsche Depressionshilfe:
www.deutsche-depressionshilfe.de, 0800-3344533

Telefonseelsorge:
www.online.telefonseelsorge.de, 0800-1110111

Silbernetz:
www.silbernetz.org, 0800-4708090

Alexianer Krefeld:
www.alexianer-krefeld.de, 02151-3340

Klinik Königshof:
www.klinik-koenigshof-krefeld.de, 02151-823300

Selbsthilfegruppe Ängste und Depression:
www.selbsthilfe-krefeld.de, 02151-9619025
(dienstags, mittwochs, donnerstags 9-13 Uhr, außerdem mittwochs 16-19 Uhr)

Psychotherapeuten-Suche:
www.therapie.de