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Christoph Straßer Vom Sexshop zur Literatur

Christoph Straßer sieht nicht aus wie einer, der in der Pornoindustrie arbeitet – aber er schreibt über sie. Und hat seinen Karrieresprung ausgerechnet einem Sexshop zu verdanken.

Blitzendes Goldkettchen, ordentlich Pomade in den Haaren, eine lässige Körperhaltung und einen etwas zu flapsigen Ton – so oder so ähnlich würde unser Gehirn sich einen Autoren ausmalen, in dessen Romanen die Protagonisten in die Erotikindustrie eintauchen und im Sexshop arbeiten und der darüber hinaus die Biografie für Europas erfolgreichsten Pornoproduzenten schrieb. Nicht aber erwarten wir einen eher zurückhaltenden Ende 40-Jährigen im klassischen blauen Hemd und schwarzen Chucks, der die Redakteurin höflich beim Nachnamen nennt, als er die Räumlichkeiten zum Interview betritt. Aufgrund dessen jedoch den Schluss zu ziehen, dass Christoph Straßer ein Allerweltsmann sei, ist vorschnell gedacht. Optisch zwar angepasst, lebt der Autor ein unkonventionelles Leben, das ein bisschen an die Geschichten seiner Protagonisten erinnert.

Christoph Straßer ist kein Mensch, der in Kategorien denkt. Mit Wurzeln in Krefeld, transportiert er viel eher den menschenfreundlichen Beobachter, der sich eben auch oder gerade für die Lebensgeschichten begeistert, die andere Menschen als „schräg“ oder „eigenartig“ abstempeln würden. Schlägt sein Herz als Autor für etwas verrückte Romanplots, verdient er sein Geld hauptsächlich damit, Biografien für Deutschlands bekannteste Promintente zu verschriftlichen – und das ziemlich erfolgreich. Dass sich Straßer dabei in der Krefelder Autorenszene quasi unter dem Radar befindet und öffentlich fast gar nicht auftaucht, liegt zum einen daran, dass wohl kein Prominenter gerne zugibt, für die Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte einen Geisterschreiber beauftragt zu haben, zum anderen aber auch, dass sein Karriereweg sehr untypisch für den eines Autors ist und eigentlich erst begann, nachdem er seinen Wohnsitz nach Düsseldorf verlegt hat. Was ihn bewegt, ist aber noch heute unter anderem auf die Krefelder Wurzeln zurückzuführen.

Christoph Straßer sieht nicht aus wie einer, der in der Pornoindustrie arbeitet – aber er schreibt über sie. Und hat seinen Karrieresprung ausgerechnet einem Sexshop zu verdanken.

Christophs Leben beginnt im Jahr 1974 in der Innenstadt. Zwischen Kempener Allee, Nördlicher Lohstraße und Stadtgarten wuchs er auf und zog mit seiner Familie bereits bis zum Jugendalter etliche Male im Stadtgebiet um. Auf der Horkesgath-Schule schaffte er seinen Realschulabschluss und absolvierte anschließend eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Elektrofachgeschäft. Schon damals widmete sich der Krefelder eher den Orten, die andere lieber mieden. Regelmäßig besuchte er zum Beispiel Paul am Seidenweberhaus. „Ich habe noch nie verstanden, warum UDU als der Treffpunkt galt, denn für mich war der Theaterplatz schon immer der Mittelpunkt der Stadt“, erklärt er. „Ich fand die Menschen da einfach spannend.“ Paul zum Beispiel kam aus der DDR und war „ein bisschen wie ein Landstreicher“. Als er am Brunnen vor dem Theater seinen Hang zum Alkohol entdeckte, veränderte er sich äußerlich; innerlich aber blieb er ein „lieber Typ“. „Er schenkte mir irgendwann ein Transformerauto“, erinnert sich der heute 47-Jährige schmunzelnd. „Ich war eigentlich zu alt dafür, aber ich hielt es trotzdem in Ehren.“

Nach der Ausbildung entschloss sich Christoph, sein Abitur nachzuholen und anschließend an der Universität Düsseldorf Medienwissenschaften und Germanistik zu studieren, um danach in die Werbeszene eintauchen zu können. „Ich konnte klassischen Lebenswegen schon damals nichts abgewinnen und hatte die Vorstellung, dass Werbung ein ganz unkonventionelles Feld sei“, holt er aus. „Ich merkte dann schnell durch den Kontakt in die Szene, dass ich mich sowohl moralisch als auch arbeitstechnisch total verschätzt hatte. Das Studium schmiss ich dann wieder.“ Schon damals aber jobbte Christoph, um sein Studium zu finanzieren, in einer Videothek. In Krefeld, in der „Atlantis“ an der Oppumer Straße begonnen, nahm er in Studienzeiten einen Job in einem ähnlichen Laden in Düsseldorf an. „Für mich war das ja nicht einfach nur ein Job, sondern auch die Absicherung, dass ich bloß nicht in ein normales Leben abrutschte“, betont er. „Die Videothek war alles andere als eine klassische Tätigkeit, es gab außer Anwesenheit schlichtweg keine Anforderungen an mich. Ja, und dann kam mir beim Pornos-Einsortieren auf einmal ein Typ auf dem Cover bekannt vor“, schildert Christoph und trinkt einen Schluck seines inzwischen kaltgewordenen schwarzen Kaffees. „Ich erkannte einen ehemaligen Mitstudenten wieder.“ Christoph ging in die Offensive, und der Mitstudent reagierte gelassen. Immer wieder nahm er ihn anschließend mit in die Szene. Hatte Straßer damals schon sein erstes Buch mit Kurzgeschichten aus der Videothek in Eigenregie veröffentlicht, fasste er schnell den Plan, die neuen Eindrücke in einen Roman zu verpacken. Ein Oldschool-Aufnahmegerät mit Kassetten war damals sein treuer Begleiter. „Bei einem Bier sprach ich mit einer Darstellerin darüber, was sie macht, wenn sie vor einem Dreh Durchfall hatte, oder ich quatschte mit einem Kameramann über den Schnitt von Erotikfilmen“, erinnert er sich. „Es war alles sehr entspannt.“ Bereits der erste Verlag griff zu, und auf einmal war Straßer offiziell Autor des Romans „Porno Stern“, der die fiktive Figur Rod Reptile durch schillernde Beschreibungen zu einem fast greifbar realen Charakter werden lässt.

Von den Einnahmen eines Buches aber kann man nicht leben, und so ergänzte er seine „Sinnlosigkeitsphase“, wie er die stupide Arbeit im Videoverleih nannte, durch eine weitere unambitionierte Tätigkeit in einem Sexshop. „Auch hier galt für mich die Devise: Hauptsache nicht niederlassen“, sagt er. „Ich wollte keinen Job, der mir zu viel Spaß machte, damit ich bloß nicht aufgab.“ Die Strategie funktionierte. Der Verlag beauftragte ihn kurze Zeit später, eine Biografie über Harry S. Morgan, den erfolgreichsten Pornoregisseur Europas, zu schreiben, und Straßer begann mit dem, was ihn heute erfolgreich finanziert. Denn noch immer schreibt der Autor Biografien, für die er beauftragt wird. Noch immer aber entwickelt er auch Romane aus Themen, die ihn besonders reizen. Und noch immer lebt er – bloß nicht verheiratet und bloß nicht zu spießig – relativ unkonventionell.

Christoph Straßer sieht nicht aus wie einer, der in der Pornoindustrie arbeitet – aber er schreibt über sie. Und hat seinen Karrieresprung ausgerechnet einem Sexshop zu verdanken.

Hasi – Die Ballade eines Verlierers

Aus einer dieser unkonventionellen Lebensphasen ist auch sein letzter Roman entstanden. „Hasi – Die Ballade eines Verlierers“ erzählt die Geschichte von Marco „Hasi“ Haas. Der 36-Jährige arbeitet – wie soll es anders sein – als Verkäufer in einem heruntergekommenen Sexshop. Von seinem Leben angewidert und im festen Glauben, zu Höherem berufen zu sein, zeigt er jeden Tag sein anwiderndes Wesen und begrüßt sämtliche Kunden mit schlechter Laune. Bis ihm eine Chance geboten wird, auf die er, so glaubt er, sein Leben lang gewartet hat. Dafür braucht er allerdings noch 10.000 Euro, die er natürlich nicht aufbringen kann. Hasi weiß aber schon, wer dieses Geld hat und schmiedet einen Plan.

„Für mich ist das Buch eine Art Krimi, das aber auch in Richtung Drama geht und natürlich irgendwie ironische Elemente hat“, beschreibt der Autor. „Drama und Komödie sind für mich immer miteinander verbunden. Egal, was ich schreiben möchte, ich lande immer wieder bei dieser Mischung.“ Dabei ruft Hasi genau diese widersprüchlichen Gefühle im Leser hervor. Mit seinem ganz eigenen Stil schafft es Straßer, die Abgründe des Menschen zu zeichnen, den Leser aber gleichzeitig zum Lachen zu bringen. Durch diese explosive Mixtur wird das Lesen des Buches fast schon schambesetzt. Genau das macht es aber auch so unterhaltsam. „Natürlich verarbeite ich in meinen Romanen Dinge, die ich selbst erlebt habe“, erklärt er. „Ich suche mir Eigenschaften aus, die mich faszinieren, und treibe sie dann auf die Spitze.  In jedem Buch jedes Autors steckt immer ein Stück der eigenen Biografie.“ Für Straßer scheint dieses Universum schier unendlich zu sein. Etliche Buchanfänge, Buchfinale und Fragmente hat er auf seinem Desktop abgelegt, die auf Perfektion und Ausarbeitung warten. „Geschichten fliegen mir zu“, sagt er über sich selbst. „Und sie sind auch das, was mich wirklich erfüllt.“


www.christophstrasser.de