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Posamentiererin Camilla von Bernstorff Die Frau der tausend Fäden

Camilla von Bernstorff übt auf Gut Heimendahl ein seltenes Handwerk aus. Als Posamentiererin webt sie an uralten Maschinen verspielte Textilgeflechte.

Das Gut Heimendahl in Kempen ist ein weithin bekanntes und beliebtes Ausflugsziel. Etwas abseits des schmucken Gebäude-Ensembles mit seinen Schafen und Hühnern, dem Hofladen und dem samstäglichen Suppenessen liegt der ehemalige Hengststall des Gutshofes: Ein recht heller, hoher und quadratischer Saal, der in Kopfhöhe der Pferde rundum mit blau-weißen Fliesen ausgestattet ist.

Dort, wo einmal die Ställe waren, erkennt man noch den Backsteinbelag auf dem Boden. „Hier standen nicht die edlen Rösser, sondern eher die Ackergäule“, weiß Camilla Gräfin von Bernstorff. Sie ist seit 2017 die Herrin im pferdelosen Hengststall. Anders, als ihr Name vermuten lässt, hat sie hier kein adeliges Erbe angetreten. Im Gegenteil war er für die 28-jährige Düsseldorferin in der Vergangenheit sogar eher hinderlich. Denn die Tochter aus einer Juristenfamilie wollte von klein auf nichts lieber als ein Handwerk erlernen. Klavierbauerin, das war ihr erster Traum als klavierspielendes Kind. Nach der Schule war das Ziel „Tischlerin, und danach Möbelrestauration studieren“, erzählt sie. „Aber bei meinen Bewerbungen stieß ich auf Skepsis: Eine junge Frau? Und dann auch noch mit so einem Namen! Die kann ja nur ein Prinzesschen sein – ungeeignet für ein Männerhandwerk!“  Doch für die kreative Frau mit den feingliedrigen Fingern war klar, sie möchte etwas mit den Händen erschaffen. Etwas anderes kam für sie als Beruf nicht in Frage. „Schon als Dreijährige lief ich nur mit der Schere in der Hand herum. Mit spitzen Fingerchen führte ich die Schere sorgfältig und fand nichts schöner, als Papiere klein zu schneiden.“

Camilla von Bernstorff übt auf Gut Heimendahl ein seltenes Handwerk aus. Als Posamentiererin webt sie an uralten Maschinen verspielte Textilgeflechte.

Ihre Leidenschaft lebt Camilla von Bernstorff seit einigen Jahren aus. Sie betreibt seit 2017 ihre eigene Werkstatt für Posamenten, also textile Verzierungen. Sie ist eine von rund einem Dutzend Menschen in Deutschland, die dieses Handwerk beherrschen. Zwölf Maschinen stehen im alten Hengststall verteilt. Sie stammen aus den 1940er- bis 70er-Jahren. Die meisten wurden in Wuppertal hergestellt, einem Zentrum der Textilproduktion seit dem 18. Jahrhundert. Wenn die mechanischen Wunderwerke angeworfen werden, füllt ein rhythmisches Rattern und Summen den Raum. Camilla liebt es, den Klang des schweren Metalls zu hören. Trotz ihres Alters laufen die Geräte wie am Schnürchen. „Jedes Zahnrad, jeder Lederriemen tut seinen Dienst. Die einzige Computer-betriebene Maschine hingegen war sofort kaputt“, berichtet sie amüsiert.

Alle Maschinen erfüllen unterschiedliche Zwecke: Weben, Flechten, Eindrehen – heraus kommen Krauskordeln oder Schmuckborten, Seile oder Fransen, die dann per Hand zu Quasten und anderen textilen Kunstwerken weiterverarbeitet werden. Raffhalter für Vorhänge, Troddeln und Fransen an Kissen, Sofas oder Lampenschirmen, aber auch Schlüsselanhänger, Ketten und Ohrringe fertigt die junge Frau an. „Es ist eine Welt und eine Wissenschaft für sich mit vielen Vokabeln wie ‚Litzen‘, ‚Chorschnur‘ oder ‚Correll‘, die sich mir nach und nach erschlossen haben. Ich wusste zwar, dass es Posamente gibt, hatte aber keine Ahnung, wie sie hergestellt werden und dass ein Beruf wie der des Posamentierers existiert“, erzählt Camilla. Das Rohmaterial, Fäden aus Baumwolle, Viskose oder Seide in allen möglichen Farben, lagert in Regalen, die bis zur Stalldecke reichen. Aufgewickelt auf festen Papprollen, die allein schon museumsreif wirken. Hinzu kommen gefühlt tausende Kartons mit bereits gefertigten Bändern, Litzen und Borten, die in einem sympathischen Chaos durcheinanderfliegen. „Es ist so viel Material, dass ich noch Jahre brauchen werde, um das alles zu ordnen“, lacht die Unternehmerin.

Camilla von Bernstorff übt auf Gut Heimendahl ein seltenes Handwerk aus. Als Posamentiererin webt sie an uralten Maschinen verspielte Textilgeflechte.

Mit 23 Jahren, nach ihrer Ausbildung als Raumausstatterin, begann sich diese Welt für sie zu eröffnen. Sie hatte den Auftrag, etwas in der Posamentenwerkstatt von Franz Schubert abzuholen. „In der Mindener Straße in Oberbilk – ich weiß es noch ganz genau“, erzählt sie. Dabei verliebte sie sich sofort in das altertümliche Handwerk und die vollgestopfte Werkstatt und fragte nach der Möglichkeit, ein Praktikum zu absolvieren. Nach bestandener Gesellenprüfung lernte sie drei Monate lang bei dem älteren Herrn, wie man die Maschinen bedient. Über die gemeinsame Liebe zum Handwerk entstand eine besondere Verbindung zwischen der jungen Frau und dem 80-Jährigen. „Er stand noch jeden Tag in der Werkstatt, wollte aber eigentlich aufhören. Da er keinen Nachfolger fand, war er kurz davor, die Maschinen zu verschrotten“, berichtet Camilla. Sie fasste den mutigen Entschluss den Betrieb zu übernehmen – und hatte das Glück, auf Gut Heimendahl einen passenden Raum zu finden.

Unterstützt von Familie und Freunden, und auch von Herrn Schubert selbst, fand der etwas andere Umzug 2017 statt. „Herr Schubert ist hier irgendwie noch gegenwärtig. Ich höre oft noch seine Stimme in der typisch rheinischen Art und seine Sprüche, wenn mal einen Faden abriss: ‚Wo rohe Kräfte sinnlos walten…‘“, erzählt Camilla lächelnd. Der alte Herr lebe noch, allerdings ließen seine Kräfte nach und er könne er nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen. Seine Lieblingsmaschine trägt seinen Namen, und „Franz Schubert“ ist auch Camillas Liebling. Sie findet es sehr passend, dass er den Namen eines berühmten Komponisten trägt – nur werden hier eben Werke aus Fäden erschaffen, statt aus Tönen. Eine andere Maschine heißt „Beethoven“. Es gibt aber auch einen „Hubert“, französisch „Übär“ gesprochen, und die „dicke Kordula“, die Kordeln dreht.

Es ist eine besondere Arbeit, die Camilla von Bernstorff sich ausgesucht hat, das spürt man auch, wenn man eines ihrer liebevoll gestalteten Produkte in Händen hält. Beispielsweise eine Quaste, die aus fünf verschiedenen, übereinander angeordneten Holzfacons besteht, über die Fäden und Borten gespannt werden. Die Holz-Basis besteht aus Buche und wird extra von einem Drechsler angefertigt. Und wer kauft solche edlen Stücke? Auftraggeber seien meist Innenausstatter, erzählt Camilla. Und zwar aus ganz Deutschland. Seltener werde sie direkt von Endkunden beauftragt. Während ihre Kollegin in Süddeutschland viel für die Ausstattung von Schlössern und Herrenhäusern arbeite, seien ihre Kunden häufig anspruchsvolle Persönlichkeiten, auch prominente, mit einem Hang zur antiken und üppigen Einrichtung. „Das sind schon interessante und verrückte Leute“, schwärmt sie. Wenn sie dann die Rückmeldung bekomme, dass sie den Farbton eines Vorhangs exakt getroffen habe, macht sie das stolz. „Ein befriedigendes Gefühl, auch wenn ich das Endergebnis nur auf einem Foto sehen kann“, sagt die 28-Jährige.

Camilla von Bernstorff übt auf Gut Heimendahl ein seltenes Handwerk aus. Als Posamentiererin webt sie an uralten Maschinen verspielte Textilgeflechte.

Diese Art von Befriedigung, die auch ein wichtiger Teil ihrer Work-Life-Balance sei, gebe es so nur im Handwerk, ist sich Camilla sicher. Da nimmt sie das Kopfschütteln von so manch Gleichaltrigem gerne in Kauf, der bei ihrer Textil-Kunst an Oma-Gedöns denkt. Schließlich weiß jeder, dass alles wiederkommt und klassische Dinge eigentlich immer in Mode sind. So manches Zierelement passt auch zu einem modernen Einrichtungsstil oder dient als besonderes Accessoire. Gerade solche edlen, handwerklichen Dinge seien auch in Corona-Zeiten krisensicher. „Es handelt sich ja um ein Luxus-Handwerk, um Ästhetik und das Gefühl, sich etwas Schönes zu gönnen. Ganz wichtig ist auch der persönliche Service“, weiß Camilla. Immer wieder werde sie in letzter Zeit gefragt, wo man ihre Produkte kaufen könne. Doch sie produziere schließlich keine Massen, und der Preis könne den Aufwand auch für kleine Stücke kaum widerspiegeln. Trotzdem kommt sie den Kundinnen entgegen, baut dazu gerade einen Onlineshop auf und möchte auch verstärkt auf Märkten verkaufen, sobald diese wieder stattfinden. Schließlich ist die Posamentiererin glücklich, dass ihre besonderen Produkte wieder so nachgefragt sind. So wird sie wohl wieder häufiger in ihrer eigenen Welt der konzentrierten Handwerkskunst und der klappernden Maschinen versinken – Maschinen, die ohne die Entschlossenheit der jungen Frau auf dem Schrott gelandet wären. Die historische Atmosphäre im alten Hengststall von Gut Heimendahl gibt dafür eine inspirierende Kulisse ab.