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Bootswerft Funger Von Kempen raus aufs Wasser!

Die Bootswerft Funger in Kempen ist auf Bootsbau, Restauration, Refit und Reparatur mit Schwerpunkt auf Segelboote spezialisiert

In einem unscheinbaren Kempener Gewerbegebiet liegt die Bootswerft von Christopher Funger. Man könnte das schlichte wellblechverkleidete Gebäude leicht übersehen, stünde nicht ein großes Segelschiff vor dem geöffneten Rolltor der Werkstatt. Hobel- und Schleifgeräusche dringen in die lauwarme Frühjahrsluft hinaus – und der Duft von Holz. Wenn die Geräte kurz verstummen oder eine Schleifpause eingelegt wird, durchklingt fröhliche Radiomusik die Arbeitsgeräuschkulisse aus Brummen und Schaben.

Vor dem Eingang seiner Bootswerft steht Christopher in rotem T-Shirt und grau-schwarzer Arbeitshose mit Bleistift hinterm Ohr und schaut seinem Gesellen Paul beim Schleifen über die Schulter. Der 56-Jährige grüßt mit hörbarem niederrheinischem Einschlag und wachem Blick. Zuerst wird das Wichtigste geklärt: Kaffee? Wasser? Gerne beides. Christopher verschwindet kurz in der Küche der Werkstatt und kehrt kurz darauf mit einem Pott Kaffee und Sprudelwasser zurück.

Der Holzstaub in seinem Haar und auf dem Boden des Drei-Mann-Betriebs zeugen von der bereits geleisteten Arbeit an diesem Tag, das freundliche, aufmerksame Auftreten mag ein Relikt seines früheren Berufs sein. Christopher ist eigentlich gelernter Tischler und hat als junger Mann auch viele Jahre in diesem Metier gearbeitet, doch in den späten 90ern keimte in ihm der Wunsch auf, noch mal etwas ganz anderes zu probieren. Nachdem er sein Abitur nachgeholt hatte, wurde er Hausmeister in einem Behindertenwohnheim. Hier entdeckte der Hülser, der früher schon in der Jugendarbeit tätig gewesen war, seine soziale Ader wieder und absolvierte eine pädagogische Ausbildung zum Heilerziehungspfleger, um anschließend als Betreuer im Wohnheim zu arbeiten. Ganze 20 Jahre blieb der empathische Niederrheiner im sozialen Bereich, ehe es ihn durch Zufall wieder zum Holz zog:
Als sein Bruder Sebastian Funger nach mehrjähriger Selbstständigkeit beschloss, seine eigene Bootswerft aufzugeben, übernahm Christoph, der vorher schon beinahe täglich in der Werft ausgeholfen hatte, spontan die Geschäftsleitung. Der Name konnte ja praktischerweise bleiben. Mit einer Ausnahmegenehmigung führt der Quereinsteiger den Betrieb nun seit 2019 und gehört damit zu den wenigen Bootsbaubetrieben in Deutschland.

Eine kleine Zunft von Alleskönnern

Im Wasser-affinen NRW gibt es laut Boots- und Schiffbauerinnung gerade einmal 17 Werften. Zum Vergleich: Geigenbauer sind doppelt so oft vertreten, Tischlereien fast 300-mal so oft. Entsprechend viel ist für die wenigen Spezialisten zu tun, besonders in der aktuellen Jahreszeit. „Alle wollen Ostern ins Wasser. Ab dem Sommer wird es dann ein wenig ruhiger, bevor es im Oktober dann wieder losgeht, wenn alle an Land krabbeln“, erzählt Christopher. Gemeinsam mit seinen Gesellen Julia und Paul kümmert er sich neben Bootsbau, Reparatur und Refit auch um die Restauration von Booten und Schiffen. Gearbeitet wird in der Kempener Werft hauptsächlich mit Holz. Damit es beständig im Wasser bleiben, Temperaturschwankungen aushalten und in die ungewöhnlichsten Formen gebracht werden kann, muss das Team der kleinen Werft eine enorme Fachkenntnis zu seinen Werkstoffen mitbringen – fast wie überdimensional agierende Instrumentenbauer. „Als ich als Schreiner zum ersten Mal meinem Bruder ausgeholfen habe und er meinte ‚Miss das mal aus‘ habe ich gedacht ‚Wie soll ich dat messen, dat isʹ doch alles rund und krumm‘“, erzählt Christopher und lacht. Tatsächlich sehen Bootsbaupläne für den Laien ganz schön abenteuerlich aus. Und neben der reinen Form müssen auch Ausstattung, Elektronik, Verkleidung, Versiegelung und Motorisierung stimmen. Aufgrund der ungewöhnlichen und vielseitigen Fertigkeiten, die ein Bootsbauer mitbringen muss – allen voran die, Dinge wassertauglich zu machen – kommen ab und an auch ungewöhnliche Aufträge zustande. „Einmal wurden uns von einem Museum riesengroße gelbe Kugeln zur Reparatur gegeben. Die sahen aus wie Apfelsinen und schwammen eigentlich vor dem Museum in einem Teich. Die waren undicht geworden und sind untergegangen. Also haben wir sie repariert und lackiert“, erinnert sich Christopher.

Aktuell gibt es in der Werft keine skurrilen Objekte zu bestaunen, dafür umso mehr Boote und Schiffe in allen Varianten, die noch auf ihre „Behandlung“ oder bereits auf die Abholung warten: vom Langzeitprojekt – dem aufwendigen Refit eines großen weißen Segelschiffs – bis hin zu dem uralten kleinen Rudereiner, das Paul gerade behutsam bearbeitet. Eigentlich sei es nicht mehr fahrtauglich, aber die Besitzer möchten das nussbraune Bötchen aus Nostalgiegründen restauriert haben. Wir lassen die Kaffeetassen vor der Werkstatt stehen und wandern ins Winterlager des Betriebs.

Echte Typen – Schiffsmodelle und ihre Eigenheiten

Ähnlich wie bei Autos gibt es auch in der Bootswelt besondere Modelle, die bei Kennern für Aufsehen sorgen. Das Äquivalent zum Porsche 911er in Christophers Werft zum Beispiel ist die kleine, über 50 Jahre alte Hansajolle aus glänzend lackiertem Massivholz, die trotz ihrer Betagtheit noch fast wie neu aussieht. Mit der wenige Meter weiter stehenden „Västbris“, einer in den 70ern entwickelten retroklassischen Yacht aus Schweden, hat die Kempener Werft sogar ihr eigenes Spezialmodell. Sebastian Funger hatte sie auf einer Reise entdeckt, sich verliebt und die Rechte an der Form gekauft, die für das schwierige Übergangsgebiet zwischen Ost- und Nordsee konzipiert wurde.

Die Västbris ist das „Spezialboot“ der Kempener Bootswerft Funger
Die Västbris ist das „Spezialboot“ der Kempener Werft

„Die Werftbesitzerin, die diesen Bootstyp ursprünglich in Schweden gebaut hat, haben wir zufällig auf der Hansemesse in Hamburg kennengelernt“, erzählt Christopher. Diese Messe gehört zum Pflichtprogramm der Branche, denn hier finden sich Anbieter und Kunden: Für einen guten Bootsbauer nehmen begeisterte Segler und Motorsportler gerne zig Kilometer Fahrt in Kauf. „Wir hatten die kleine Variante von diesem Boot ausgestellt, und diese alte Dame guckte so neugierig. Also habe ich sie gefragt, ob ich ihr was zu dem Schiff erzählen soll. Da sagte sie ‚Das brauchen Sie gar nicht, das ist mein Schiff‘.“ Die Västbris hat einen ganz eigenen Charme. Zwischen mehreren dutzend Booten im Winterlager fällt sie sofort auf mit ihren weichen, gefälligen Formen. Gut ein halbes Jahr dauert es, sie zu bauen – für manche Modelle brauchen Christopher und sein Team sogar noch wesentlich länger.

Neben Bau und Restauration sieht das Werftteam auch die „Pflegeberatung“ in seiner Verantwortung – denn nicht jeder Bootsbesitzer weiß um die Ansprüche seines Wasservehikels. Gerade Massivholzboote brauchen Zuwendung, erklärt Christopher: „Um so ein Schätzchen musst du dich wirklich kümmern. Die dürfen nicht zu nass werden, die dürfen aber auch nicht knatschetrocken werden. Die klimatischen Schwankungen hält so ein Boot sonst nicht aus, da kann man als Bootsbauer noch so gute Arbeit machen.“
Ulkige Namen haben die Boote, „Goofy“, „Felix“ oder „Carpe Diem“.  Jetzt gerade gebe es vermehrt Schiffe, die Corona genannt werden, erzählt Christopher mit amüsiertem Blitzen in den Augen, als wir wieder Richtung Ausgang der Bootshalle über Anhängerdeichseln klettern.

Draußen ist Paul mit dem Schleifen des kleinen Rudereiners fertig und macht sich an seine nächste Aufgabe: Metallteile lackieren. Eigentlich könnte jetzt, wo Paul frischgebackener Geselle ist, ein neuer Einsteiger dazukommen. Christopher würde sich freuen – er hat Spaß daran, die Arbeit an Jüngere zu vermitteln, das Pädagogische liegt ihm. Noch so eine Eigenschaft, die er aus seinem früheren Berufsleben beibehalten hat. „Es ist ein anspruchsvoller Job, du hast alles im dreidimensionalen Bereich, du musst dich mit Holz auskennen, du musst dich mit Kunststoff auskennen, mit Metall. Und natürlich wird man dreckig. Dafür ist es superspannend, wie ich finde, weil in allen Dimensionen neue Anforderungen an dich entstehen“, beschreibt er begeistert. Und irgendwie schafft er es, dass man prompt Lust bekommt, selbst zum Schleifpapier zu greifen.


Die Bootswerft Funger sucht Azubis. Bei Interesse wende Dich an bootswerftfunger@t-online.de. Den Beruf lernst Du erst einmal im Rahmen eines Praktikums kennen. Mehr über die Werft unter www.bootswerft-funger.de