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Die blondgelockte Himmelsbotin Seelsorgerin Birgit Schnelle

Es scheint fast wie Bestimmung, dass Birgit Schnelle als Seelsorgerin ins Alexianer kam. Der Ursprung ihres Berufswunschs liegt in ihrer schicksalshaften Kindheit

Manch einer würde wohl sagen, nur derjenige, dem selbst Leid widerfahren ist, könne anderen Menschen in ihrem helfen. Wenn Birgit Schnelle über ihre schicksalsschwere Kindheit spricht, dann klingt es beinahe wie Bestimmung, dass sie heute ihre Lebensaufgabe als Seelsorgerin im Krefelder Alexianer gefunden hat. Und obwohl der lauschende Zuhörer sich innerlich gegen diesen Gedanken sträubt, bleibt doch das Gefühl, dass es einen Sinn hatte, dass die zarte Frau mit der wilden Lockenmähne als Kind so viel bewältigen musste – denn heute wird sie für andere zum helfenden Engel.

Birgit Schnelle wuchs in einem Dorf im Schatten der Nachkriegsgeneration auf. Hier kannte jeder jeden, hier wusste jeder alles über jeden, und hier sprach jeder über jeden. Schon früh geriet ihr junges Leben ins Wanken, denn als die Erstgeborene 14 Monate alt war, verunglückte ihr Vater bei einem Autounfall tödlich. Ihre Mutter wurde von der Trauer überwältigt und reagierte körperlich. Über die gesamte Kindheit und Jugend des Mädchens erkrankte sie immer wieder schwer und musste häufig ins Krankenhaus. War sie zu Hause, zeigte sie sich vor Anderen nur von ihrer liebevollen Seite, in Bezug auf Birgit und sich selbst war sie immer auf die Meinung des Dorfes bedacht: Am Ende zählte das, was die anderen sehen sollten.

Die Großmutter

Birgit Schnelle war infolgedessen immer wieder alleine. Bei ihrer Großmutter sollte sie sicheren Unterschlupf finden, aber auch diese entwickelte ihre ganz eigene Art der Trauer um ihren verlorenen Sohn. In der Wut auf den Unfall, dem Unverständnis über den Verlust, der Überforderung mit der eigenen Biografie und dem Wunsch, dem Nachfahren ihres Sohnes all ihre Fürsorge zu schenken, spulte die alte Frau in ihrem Kämmerchen Mechanismen ab, die das Mädchen rückblickend verstörten, aber auch stark prägten.
Schon früh spielte Gott dabei eine wichtige Rolle. Denn, ebenfalls typisch für eine Generation, die den Krieg sah, glaubte die Oma stark an die göttliche Kraft. „In all dem Verstörenden, was sie oft sagte und tat, fand ich gleichzeitig für mich etwas sehr Wertvolles“, erinnert sich Schnelle. „Du kannst Gott alles sagen, und Gott kann alles sehen, predigte sie mir. Und so war Gott irgendwann da, wenn ich mich einsam fühlte. Das Göttliche öffnete einen Raum, der nur mir gehörte.“

Trost in Gott 

Als Seelsorgerin möchte Birgit Schnelle den Raum bei Gott öffnen

Immer wieder war dieser Raum Zufluchtsort. Hänselten die Kinder in der Schule das Mädchen mit grausamen Sätzen wie „Deine Mutter muss ja sterben, dann kommst du ins Kinderheim“ ließ sie ihren Gefühlen bei Gott freien Lauf. Kam sie mit der Situation zu Hause oder bei der Großmutter nicht mehr zurecht, fand sie hier Zuflucht. Forderte das Schicksal sie wieder heraus, dann war da Gott, dem sie sich anvertrauen konnte.
Im Laufe ihrer Schulkarriere entstanden auch die Gedanken darüber, wohin der berufliche Weg einmal gehen sollte, und sie begann ein Wochenendpraktikum im Krankenhaus. Wollte sie eigentlich in das medizinische Feld schnuppern, nutzten die Pflegekräfte die Ressource vor allem als Gesprächspartnerin für diejenigen, die ohne Angehörige auf der Station lagen.

Frau Meier

Hier lernte Birgit Schnelle auch Frau Meier kennen. „Frau Meier hatte eine große Familie, die aber sehr weit weg lebte, deswegen war sie dankbar für meine Gesellschaft. Ich dagegen bewunderte die alte Frau“, erklärt Schnelle. „Trotz ihres Alters war Frau Meier für mich der Inbegriff einer starken, modernen Frau.“ Als Schnelle sich eines Tages für zwei Wochen von der Schwerkranken verabschiedete – sie konnte aufgrund einer Feierlichkeit einen Wochenenddienst nicht übernehmen – wurde die alte Frau auf einmal ganz andächtig. „Mein liebes Kind, dann werden wir uns wohl nicht mehr sehen“, sagte sie. Und auf die Nachfrage des Mädchens, dem die Tränen aus den Augen sprudelten, nahm die alte Frau ihren Finger und zeigte auf ein Jesuskreuz an der Wand. „Er ist mein ganzes Leben mit mir gegangen, er begleitet mich auch jetzt auf dem letzten Schritt.“ Rückblickend war es dieser Moment, in dem Schnelle die Entscheidung traf, Seelsorgerin zu werden.

Das Studium

Für das Studium der evangelischen Theologie ging die junge Frau nach Bonn. Während andere an der Universität das Ziel hatten, Gemeindepfarrer zu werden, war für Schnelle schon damals klar, dass sie keine klassische Pfarrstelle besetzen möchte. Unmittelbar nach dem Studium und dem damit verbundenen Vikariat absolvierte sie eine weitere Ausbildung im Bereich klinischer Seelsorge. Schon ihre erste Stelle führte sie nach Krefeld. „Das Gute an der Theologie ist auch, dass du, wenn du dich darauf einlässt, intensive Auseinandersetzungen mit dir selbst und Supervision erfährst“, erzählt Schnelle und hebt die Mundwinkel zu einem Lachen. „Während meiner Ausbildungsjahre hatte ich meine innere Hütte aufgeräumt. Ich hatte begonnen, das, was ich erlebt hatte, aufzuarbeiten, und war jetzt bereit, anderen zu helfen.“

Das Alexianer

Und das tut Schnelle heute schon seit fast 25 Jahren. Gemeinsam mit drei Kollegen öffnet die Seelsorgerin Patienten den Raum bei Gott. „Glaube und Spiritualität hat eine große, heilsame Kraft, die in Bereiche fällt, in die die Medizin nicht hineinreicht“, beschreibt sie. „Die Seelsorge lässt sich nicht mit der Medizin vergleichen, sie ist aber ein wichtiges Instrument im Konzert des Krankenhauses.“ Gerne nutzt Schnelle das Bild des Orchesters, mit der Ergotherapie zum Beispiel als Saxofon, der Pflege als Klavier, der Sozialarbeit als Querflöte, der Psychologie als Klarinette, der Sporttherapie als Gitarre, der Medizin als Dirigent und der Seelsorge als Bass. Wäre da ein Instrument weniger, fehlte es der Melodie an Tiefe.

Es scheint fast wie Bestimmung, dass Birgit Schnelle als Seelsorgerin ins Alexianer kam. Der Ursprung ihres Berufswunschs liegt in ihrer schicksalshaften Kindheit
Es scheint fast wie Bestimmung, dass Birgit Schnelle als Seelsorgerin ins Alexianer kam. Der Ursprung ihres Berufswunschs liegt in ihrer schicksalshaften Kindheit

Jeder Seelsorger hat im Alexianer und im angeschlossenen Maria-Hilf-Krankenhaus seine festen Stationen. Seit eh und je arbeitet Schnelle unter anderem in der Psychotraumatologie der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen und in der geschlossenen Psychiatrie. Dem Leid und den unfassbaren Lebensgeschichten, denen die 54-Jährige hier begegnet, muss man gewachsen sein. Wenn Schnelle von ihren Patienten erzählt, dann werden ihre Stimme warm und ihre Augen, eingerahmt von den wilden blonden Locken, weich. „Ich stehe voller Demut vor den Menschen, vor dem, was ihnen wiederfahren ist und vor ihrer Lebenskraft“, beschreibt sie. „Mit dieser Haltung gelingt es mir auch, manchmal Menschen zu erreichen, die wahnhaft verstrickt sind. Seelsorge kann einen Raum öffnen, in dem Gottes Geist heilsam wirkt.“

Lena

Da ist zum Beispiel Lena. Seit Wochen fühlt sie sich völlig abgeschnitten vom Leben, eine bleierne Schwere liegt ununterbrochen auf ihrer Stimmung. Ihre Depression war ausgelöst worden durch eine unheilbare Krebserkrankung. Darüber hinaus begleitet sie die Erinnerung daran, wie ihr Großvater sie während ihrer gesamten Kindheit auf einem eigens dafür aufgestellten Bett im Keller regelmäßig missbrauchte. Manchmal würgte er das Mädchen dabei so stark, dass Lena besinnungslos wurde. „All das nahm ihr die Luft zum Atmen“, beschreibt die Seelsorgerin. „Sie glaubte, nichts wert zu sein, und an manchen Tagen erfüllten sie diese Abwertungen fast vollkommen.“ Die Theologin erzählt Lena die biblische Geschichte von Elia, der sich, ähnlich wie Lena, im ausgetrockneten Flussbett völlig hilflos und verloren fühlte. Gott aber schickte Elia täglich Raben und ließ Wüstenbrot fallen, um ihn zu versorgen. Von Tag zu Tag wurde Elia lebendiger. „Es gibt immer einen Schatz im Acker, wir müssen nur gut genug danach suchen“, erklärt Schnelle. „Auch Lena streckte nun jeden Tag die Hand nach dem aus, was Gott ihr hinhielt und wurde Tag für Tag achtsamer für sich selbst.“

Der rettende Engel, der Engel der Hoffnung, der Himmelsboote als Wegweiser – diverse Patientenbilder zeugen von Schnelles Seelsorgeerfolg

Der Engel

Mit bildlicher Sprache, einer leichten spirituellen Energie und doch so bodenständig und geerdet schildert Birgit Schnelle die Erzählungen der vielen erkrankten Menschen, in denen die Seelsorgerin voller Demut das Besondere findet. Schnelle kann hunderte dieser Biografien erzählen, so viele hat sie in fast 25 Jahren Seelsorgerinnentätigkeit erlebt. Von einigen davon zeugen die Bilder, die ehemalige Patienten ihrer Ansprechpartnerin hinterlassen haben. Sie zeigen Gestalten mit Flügeln, Kreuze und Engel in fabelhaften Gewändern. Es sind Bilder, die von etwas Göttlichem erzählen, aber vielleicht, und das würde Birgit Schnelle in ihrer bescheidenen Art natürlich abstreiten, verbirgt sich hinter den Malereien und Zeichnungen auch die zarte Frau mit den warmen Gesichtszügen und der wilden Lockenmähne selbst.

*Name von der Redaktion geändert


Kontaktdaten von Seelsorgerin Birgit Schnelle:
www.alexianer-krefeld.de/unternehmen/wir-ueber-uns/seelsorge/team