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Kultur

Lena Watzlawik und Adrian Korfmacher Mit Clubkultur von Krefeld in die Metropolen

Die Shirts kleben von der schweißgetränkten Luft. Tanzende Körper stoßen im Beat aneinander. Der Boden ist benetzt von verschütteten Spirituosen. Und Kopf und Herz verlieren sich fast gleichzeitig mit den bunt-flackernden Lichtern im Takt der Musik, während sich biergeschwängerte Stimmen an der Bar Komplimente zuraunen.

In Zeiten der Pandemie, in der seit mehr als einem Jahr Diskotheken geschlossen haben, versuchen wir fast zwanghaft die Erinnerung an die letzte magische Partynacht aufrechtzuerhalten. Lena Watzlawik und Adrian Korfmacher aber spüren den Verlust besonders schmerzhaft: Unter dem Label „Beatsmart“ veranstalten der DJ und die Eventmanagerin seit zehn Jahren erfolgreich Partyformate in ganz Deutschland. Touren die studierten Kulturwirte sonst zwischen Hamburg, Berlin, Köln, München und Krefeld hin und her, haben sie seit März letzten Jahres unfreiwillig zum ersten Mal Zeit, um Luft zu schnappen.

Adrian.

Adrian wächst als Sohn eines Uruguayers und einer Deutschen in Krefeld auf. Die Liebe zur Musik liegt ihm im Blut: Schon Adrians Opa arbeitete als Radiomoderator in Südamerika, und sein Vater nimmt stundenlang Musik aus dem Radio auf und erschafft so rund 1.000 Mixtapes, die er liebevoll „Cosmomix“ nennt. „Ich habe anspruchsvolle Musik schon in den Kinderschuhen kennengelernt“, beschreibt Adrian heute. Die Mixtapes zeigt Adrians Vater nicht nur seinem Sohn im Wohnzimmer, sondern bringt sie in „Das Café”, um hier durch die besonderen Melodien eine Wohlfühlatmosphäre zu erschaffen. „Er vermittelte mir so, dass Musik nie beliebig ist“, erklärt der DJ. „Durch Musik können wir Stimmungen steuern. Wir können Atmosphäre erschaffen.“

Als Adrian seine Volljährigkeit feiert und die Clubkultur entdeckt, sind es deswegen die besonderen Locations, die den damals 18-Jährigen anziehen. Zwar schwingt er auch im Schlachthof oder im Magnapop das Tanzbein, besonders fasziniert ist er aber von einem Laden in Düsseldorf: das „Unique“, ein altes Bordell, aus dem Inhaber Henry Storch in den 90er Jahren einen alternativen Club gezaubert hat, der Musik und Tanzkultur miteinander verbindet. „Hier war nicht wichtig, wie alt du bist oder welche Hautfarbe du hast, sondern ob du wusstest, welches Format läuft und ob du dich dafür begeistern konntest“, beschreibt Adrian. „Kamst du durch die Tür, öffnete sich eine völlig eigene Welt. Hier habe ich das verstanden, was mir mein Vater schon als Jugendlicher vermittelte: was Musik Gutes mit den Menschen anstellen kann.“

Lena.

Vier Jahre später als Adrian kommt Lena auf die Welt, und auch sie wird in eine musikalische Krefelder Familie geboren. Ihr Vater Joachim Watzlawik, noch immer bekannt wie ein bunter Hund in der Seidenstadt, organisiert seit eh und je Kultur und nimmt seine beiden Kinder auf viele Veranstaltungen mit. Lena tanzt sich auf Konzerten groß und initiiert mit 14 Jahren den „Kultpunkt“ in der Friedenskirche, ein Format, das spezielle Events rund um Kultur für Jugendliche auf die Beine stellt. Schon früh formuliert sie ihre Idee vom Leben: „Mein größter Wunsch als Jugendliche war, irgendwann eine eigene Kulturstätte zu unterhalten. Der Wunsch ist bis heute geblieben“, beschreibt sie. Die Teenagerin sucht fortwährend nach neuem Input, und mit 16 Jahren kann sie es nicht mehr abwarten, die Clubkultur zu entdecken. „Mein Vater erlaubte mir, wegzugehen, aber er machte immer zur Bedingung, dass er mich abholen kann“, erinnert sich die heute 32-Jährige lachend. „Mein erster Gang führte mich in den Schlachthof.“ Auch Lena findet in der Clubszene etwas, das sie nicht mehr loslässt: Den Alltag zu vergessen und mit Leuten, die auf die gleiche Musik abgehen, eine gute Zeit zu verbringen.

Unter dem Slogan „booksmart streetsmart beatsmart“ veröffentlicht die Bookingagentur jetzt einen Sampler für die Krefelder Kulturinitiative Provinzgiganten

Lena und Adrian. Als Lena ein Praktikum macht, lernt sie an der Bodelschwingh-Schule den Zivildienstleistenden Adrian kennen. Die beiden verabreden sich auf ein erstes Date: ein Gospelkonzert, organisiert von Lenas Vater. Die Party danach: natürlich im Schlachthof. Aus den zwei Musikliebhabern wird ein musikliebendes Duo. Ab jetzt ziehen sie gemeinsam um die Häuser. Irgendwann entdecken sie auf diesem Weg auch die „Diggler-Bar“ an der Gladbacher Straße. Am Wochenende bringen die Boneshaker, ein Soundsystem nach jamaikanischem Vorbild, den kleinen Laden fast zur Explosion. Adrian knüpft zügig Kontakte zu den Machern, die ihn mit seinen DJ-Ambitionen ins Kollektiv aufnehmen möchten. Schnell werden die Boneshaker zu einer festen Größe in der Region, und ab 2009 haben sie eine eigene, monatliche Reihe im ASTA-Keller der Hochschule Niederrhein – mit großem Erfolg. In dem kleinen Studi-Club tropft in diesen Nächten der Schweiß von der Decke, und die Besucherschlange schlängelt sich oft über den halben Hof.


Beatsmart in Krefeld.

Parallel zu den Boneshaker-Partys gelangen die beiden mit ihrem Programm in den Bosi Club und den Schlachthof. Durch das Booking von DJs, die eigentlich außerhalb der Krefelder Sphäre wandern würden, kommen Großstädter aus florierenden Kulturszenen in die Seidenstadt und staunen über die erfolgreiche Arbeit des Paares. Inzwischen hat sich auch Dennis Keller als DJ-Partner und Grafiker zu den beiden gesellt. Das Netzwerk und die landesweite Bekanntheit entwickeln sich immer weiter, und auf einmal werden aus den Partys in der Kleinstadt Veranstaltungen in den Metropolen. „Wir entwickelten neue Formate, probierten diese in Krefeld aus, waren dann damit ein paar Wochen später irgendwo in Deutschland, und die Leute flippten völlig aus“, erinnert sich Adrian. Vor allem die Basssport, ein Format, das New Hip Hop, RnB und Afrobeats miteinander vereint, schlägt ein. Lena und Adrian werden für Clubs wie „Kleiner Donner“ in Hamburg oder „Crux“ in München gebucht. Fast gleichzeitig geben sie ihrer Symbiose aus Lenas Organisationstalent und Adrians muskalischer Begabung einen Namen: „Beatsmart“ als Booking- und Eventagentur entsteht.

Weltoffen, tolerant, kommunikativ und verbindend – dafür steht die Beatsmart-Clubkultur (Foto: Mitya Kolomiyets)

Beatsmart in ganz Deutschland.

Lena und Adrian bewegen sich von 2010 bis 2020 zwischen den Top-Clubs des Landes hin und her und entwickeln immer neue Ideen, die meist im Schlachthof Premiere feiern. „Liberté, Egalité, Beyoncé“ ist zum Beispiel die Party für Female Empowerment. Beim ersten Mal in Berlin kommen rund 1.000 Partygäste in den Club, um sich bis zum Morgengrauen die Seele aus dem Leib zu tanzen. Auch die „Hip Hop-Evolution“ als Zeitreise durch die Geschichte wird eine feste Größe in Clubs in ganz Deutschland. 2014 übernimmt das Powerduo zusätzlich die Koordination der „YUM YUM“-Partys und greift inzwischen auf ein festes Kollektiv von bis zu 30 DJs zurück. Auch Adrian alias DJ Meskla tritt fast jedes Wochenende doppelt auf, während Lena bis zu sechs Veranstaltungen pro Woche koordiniert. So schafft es das Paar, das als so weltoffenes und verbindendes Element in der Kulturlandschaft wirkt, gleich zwei der eigenen Träume zu verwirklichen: Die Clubkultur durch den Mehrwert ihrer Formate positiv zu verändern und durch ihre Arbeit, die schon lange mehr als „nur“ ein Job ist, ein solides Leben zu führen.

Corona.

Als im März 2020 die Clubs geschlossen werden, fühlt es sich für Lena und Adrian an wie ein nicht enden wollender Kater nach einer großartigen Nacht. „Ich fragte mich morgens, was von dem noch da war, wofür ich vorher all die Jahre aufgestanden bin“, sagt der DJ tonlos. Aber die beiden haben in all den Partyjahren eben auch gelernt, wie ein fieser Kater bekämpft werden kann. Während Adrian sich als Social-Media-Manager ausbilden lässt, findet Lena im Projektmanagement wieder auf die Beine. „Aber von Hundert auf Null, das kann man einfach nicht abfangen. Wir hoffen einfach, dass es irgendwann wieder losgeht“, meint sie. „Aber ob es wirklich so wird wie früher“, schiebt Adrian hinterher, „das kann uns heute noch keiner sagen.“

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