zeitgeist

Fotoprojekt der Krefelder Bahnhofsmission Gesehen werden

In Kooperation mit der Fotografin Katja Hausmanns macht die Bahnhofsmission die Geschichten und Gesichter wohnungsloser Krefelder*innen sichtbar

Wenn wir über die Straßen der Krefelder Innenstadt gehen, dann sind sie rechts und links irgendwie anwesend, wir nehmen sie aber nicht wirklich wahr: wohnungslose Menschen und diejenigen, die für den klassischen Krefelder nicht in das erwartete Gesellschaftsprofil passen, werden oft von den ­Passanten ausgeblendet. Dabei haben sie genau wie wir Werte, Träume und eine ganz eigene Geschichte, die sich anzuhören lohnt.

Die Krefelder Bahnhofsmission auf Gleis 1 im Hauptbahnhof ist für viele dieser Menschen eine wichtige Anlaufstelle. Rund 80 Krefelderinnen und Krefelder besuchen das kleine Gebäude neben den Gleisen täglich, um sich hier nicht nur einen warmen Kaffee zu holen, sondern auch um Gleichgesinnte für ein Gespräch zu finden oder Sophie ­Bollmann und Kollegen zu treffen, die immer ein offenes Ohr und manchmal auch warme Kleidung für ihre Gäste haben. Dabei ist die Sozialpädagogin auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen: Ein kleines Team von Freiwilligen unterstützt die Bahnhofsmission. „Egal, welche Fähigkeiten jemand mitbringt, wir finden für jeden eine Aufgabe“, beschreibt Sophie Bollmann. „Wir brauchen Kaffeekocher und Zuhörer, Menschen, die kleine Reparaturen oder Botendienste übernehmen, oder die einfach Lust haben, sich mit ihren Fähigkeiten zu engagieren.“

Eine dieser Freiwilligen ist die Fotografin Katja Hausmanns. Als sie im Winter einen wohnungslosen Mann leicht bekleidet und geistig verwirrt vor ihrer Haustüre auf der Ritterstraße auflas, kam sie zum ersten Mal mit der Bahnhofsmission in Berührung. „Ich wusste, dass es die Bahnhofsmission gibt, hatte aber bisher keinen aktiven Kontakt“, erklärt sie. „Das änderte sich auf einmal und in mir wuchs der Wunsch, helfen zu wollen.“ Die zweifache Mutter suchte das Gespräch mit der Bahnhofsmissionsleitung. Eigentlich, so plante Hausmanns, wollte sie lediglich kostenfrei Passbilderfotografie anbieten, im Kontakt mit Sophie Bollmann entstand dann aber noch eine weitere Idee. „Vor Kurzem haben wir mit der Darstellung der Bahnhofsmission auf Instagram begonnen und hoffen, dass das hilft, Vorurteile abzubauen“, erklärt die Sozialpädagogin. „Hier kam Katjas Hilfe wie gerufen. Professionelles Bildmaterial hat natürlich einen ganz anderen Wert als unsere Handyfotos.“

Die Fotografin beginnt, nicht nur die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Bahnhofsmission zu porträtieren, sondern auch initiativ mit der Kamera auf die ­Besucher der Bahnhofsmission zuzugehen. Das was sie dabei erlebt, berührt die Kreative. „Fotografiert zu werden, bedeutet, gesehen zu werden“, erklärt Katja. „Und das ist etwas, was die Menschen hier nur selten erleben.“ Sophie führt den Gedanken der Fotografin aus: „Für die Gäste ist Katjas Interesse ein großes Kompliment, sie fühlen sich geschmeichelt, sie fühlen sich zugehörig.“ Während die Fotografin Fotos von den Besuchern anfertigt, schreibt Sophie ihre Geschichten auf. Sie fragt nach Wünschen, Träumen und Werten der Besucher, möchte zeigen, dass sie genauso lebendig und emotional sind wie andere Menschen. „Auch das vergessen viele Krefelder“, sagt sie. „Jeder Mensch hat eine Geschichte und jeder Mensch hat individuelle Gründe für seinen Lebensweg. Niemandem von uns steht es zu, diese Gründe zu bewerten.“

Günni – „Ein Anzug und eine Krawatte ändern nicht, wer ich bin.“

Günnis Leben war schon immer geprägt von Verantwortung. Als ältester Sohn eines gehörlosen Ehepaares wurde der heute 55-Jährige geboren und musste bereits als Junge für seine Familie sorgen. Nach der Schule ließ sich Günni als Betriebsschlosser ausbilden und übernahm die Schichtleitung in einem Werk. Sein Alltag war anstrengend: Günni musste nicht nur die anderen Mitarbeiter beaufsichtigen, sondern arbeitete an sechs Tagen in der Woche im ständigen Wechseldienst. Nach 32 Jahren sendeten seine Psyche und sein Körper eindeutige Signale: Der Krefelder litt an einem Burn-out-Syndrom. Und aus dem Burn-out kehrte Günni nie wieder zurück.

Heute ist der 55-Jährige inzwischen seit acht Jahren Gast in der Bahnhofsmission an Gleis 1. Ein kleines Zimmer, so erzählt er, besitzt er in Krefeld-Linn, aber er fühlt sich hier einsam und einfach nicht wohl. Eigentlich ist Günni 24 Stunden am Tag auf der Straße oder hält sich im Bahnhof auf. Hier, so sagt er, treffe er Leute, die ihn nicht nach seinem Aussehen beurteilen würden. „Ich könnte mir auch einen Anzug und eine Krawatte anziehen“, sagt er energisch.

„Aber das ändert nichts daran, wer ich bin.“ Auf der Straße, führt er aus, würden die Menschen seine Art zu leben und zu denken verstehen. In ruhigen Momenten aber hat Günni ganz andere Wünsche und Träume: Hätte er die Wahl, würde er eine Kanutour durch die norwegischen Fjorde machen oder in einem Baumhaus in Kanada leben. Und eine Partnerin, die ihn in seinem Leben begleitet, wünscht er sich sehnlichst an seiner Seite.

Georg – Der Künstler

Georg arbeitete irgendwann in seinem Leben in einem ­Krankenhaus und auch in Altenheimen. Eigentlich aber, beschreibt er mit den Händen gestikulierend, sei er Künstler. Aus dieser Leidenschaft stammt auch sein Spitzname: „Dada“, angelehnt an die künstlerische Bewegung des Dadaismus. Georg ist seit vielen Jahren Stammgast in der Bahnhofsmission und zeigte auch schon in den Räumlichkeiten an Gleis 1 seine Kunst. Im Jahr 2013 stellte er zum Thema „Religion und Vielfalt“ aus. Dafür entwarf er Collagen mit christlichen Symbolen, die durch die Zusammenarbeit mit einem weiteren Künstler Symbolen aus anderen Religionen gegenübergestellt wurden. Als Georg gefragt wurde, ob er sich im Rahmen der Foto-Geschichten-Reihen seine eigene Story erzählen möchte, nahm sich der 63-Jährige besonders viel Zeit: Er schrieb ein sechsseitiges Essay, in dem er von seinem Leben und seiner Kunst erzählte. Vor der Kamera zeigt er sich stolz und selbstbewusst: Eben wie ein leibhaftiger Künstler.


Die Arbeiten von Katja Hausmanns sind nun auf dem Instagram-Profil der Bahnhofsmission Krefeld zu sehen.

Die Bahnhofsmission ist weiterhin auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die Lust haben, punktuell oder regelmäßig an Gleis 1 zu unterstützen. Auch freut sich die Bahnhofsmission über Spenden in Form von Kaffee, 5-Minuten-Terrinen, warmer Kleidung oder Geldzuwendungen. Ansprechpartnerin ist ­Leiterin Sophie Bollmanns, erreichbar unter 02151 314050 oder bahnhofsmission@diakonie-krefeld-viersen.de