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Flavia Latina – Inhaberin der Bistro-Bar An-Go-Lo „Wo ein Herz hinter der Theke vibriert…!“

„Im Moment fühle ich mich, wie auf die Wäscheleine gehängt“, beschreibt Flavia Latina ihre Gefühle mitten im zweiten Corona-Lockdown. „Ich brauche den Kontakt mit Menschen, Gespräche, das Lächeln meiner Gäste. Jetzt hat man uns abgeschaltet, und wir können nichts tun, außer warten“, sagt sie traurig. Flavia ist Gastronomin aus Leidenschaft. Ihren Traum vom eigenen Café hat sie 2017 mit der italienischen Bistro-Bar „An-Go-Lo“ (was auf Italienisch „Ecke“ bedeutet) wahr werden lassen. Ihr Lokal ist eine wunderbare Insel der Erholung. Hier sitzt man auf bequemen Bänken und schaut hinaus auf das lebendige Treiben oder trinkt einen Espresso an der Bar. Im Sommer bietet die An-Go-Lo Terrasse auf dem lauschigen Platz an der Mennoniten-Kirch-Straße Raum für eine kleine Rast inmitten der Großstadt oder ein entspanntes Treffen mit Freunden. Neben der außergewöhnlichen Architektur ist die monatlich wechselnde Kunst das Besondere an Flavias kleinem Lokal. Und von ihren regelmäßigen Ausstellungseröffnungen lässt sie sich auch durch den aktuellen Lockdown nicht abhalten. Wenn keine Vernissage möglich ist, werden die nächsten beiden Künstler eben per Video angekündigt – abends, bei hell erleuchtetem Lokal und in festlicher Kleidung.

„Ich brauche den Kontakt mit Menschen, Gespräche, das Lächeln meiner Gäste!“

Aber gehen wir zurück an den Anfang der Geschichte: Geboren wurde Flavia vor 45 Jahren im fernen Argentinien – als Tochter einer argentinischen Mutter und eines italienischen Vaters. Weil ihre Eltern sich früh trennten und sie ihren Vater kaum kannte, machte sie sich mit 19 auf den Weg nach Italien, wo dieser inzwischen lebte. Vom sonnigen Süden Europas führte die junge Flavia der Weg anschließend ins nicht ganz so sonnige Wuppertal. Dort betrieb ihr Onkel eine Eisdiele – und Flavia entdeckte ihre Freude an der Gastronomie. Wobei ihr Start hier alles andere als leicht war. „In Deutschland fühlte ich mich anfangs wie eine Analphabetin – konnte mich kaum verständigen“, erinnert sie sich. „Ich habe es dann irgendwie italienisch-deutsch-gemischt versucht. Das ging, war aber sehr mühsam.“ Doch Flavia lernte fleißig. Ihr Deutsch wurde immer besser, und sie fand einen Job im „Visual Merchandising“ beim Mode-Label Mango, wo sie zwölf Jahre blieb. Inzwischen war sie verheiratet und lebte in Düsseldorf. Dort leitete Flavia später die Patisserie einer italienischen Trattoria und bekam zwei Kinder, die heute 12 und 22 Jahre alt sind. Als es dann zur Trennung mit ihrem Mann kam, war für die inzwischen 41-Jährige klar: Jetzt will ich endlich mein eigenes Café – und da sie bereits in der Seidenstadt wohnte, sollte das auch in Krefeld sein.

„In das Lokal habe ich mich gleich verliebt. So schöne Gastro-Räume gibt es kein zweites Mal in Krefeld!“

Also lief Flavia Latina durch die Stadt, suchte nach schönen Räumen – und fand ihr jetziges Domizil an der Angerhausenstraße – das vielen Krefeldern noch als „Bogies“ bekannt ist. „In das Lokal habe ich mich gleich verliebt“, schwärmt sie. „Mit den großen Fenstern und der wunderbar hohen Decke. Ich glaube, so schöne Gastro-Räume gibt es kein zweites Mal in Krefeld.“ Zusammen mit einer Geschäftspartnerin, die inzwischen nicht mehr dabei ist, unterschrieb sie den Vertrag und legte voller Begeisterung los. Als erstes ließen die beiden die Wände in Hellgrau und Blassgelb streichen – dann wurden die Barhocker des Vorgängerlokals „Zocalo“ gegen bequeme schwarze Lederbänke und -stühle ausgetauscht. „Wir wollten eine entspannte Baratmosphäre. Unsere Gäste sollten sich hier wohlfühlen und bequem ihren Kaffee trinken“, erklärt Flavia ihr Konzept.

Um das italienische Lebensgefühl noch einmal zu verstärken, wurde das An-Go-Lo mit Schwarz-Weiß-Fotos aus der „Italia“-Serie des Fotografen Herbert List ausgestattet. Diese Bilder hingen einige Monate im An-Go-Lo. Dann kam eine Fotografin, die hier gerne ihre Ballettbilder ausstellen wollte. „Ich habe kurz überlegt und dann zugesagt“, so Flavia lächelnd. „Das war der Anfang der neuen Krefelder Kunst-Bar.“ Nach den Ballettfotos kamen Bilder eines russischen Malers; auf ihn folgten weitere Fotografen, Malerinnen und Maler. Aber im An-Go-Lo wurde nicht nur Kunst ausgestellt. So sprach die Krefelder Architektin Ulla Schreiber Flavia an, ob sie bei ihr ihre Besensammlung präsentieren könne. Woraus im Juli 2019 die Ausstellung „Echte Feger“ entstand. „Die vielen Besen, Bürsten und Feger an der Wand sahen wirklich super aus“, freut sich die An-Go-Lo-Betreiberin noch heute.

Nachdem die Ausstellungen in ihrem Bistro anfangs alle zwei Monate wechselten, hat sie inzwischen auf einen monatlichen Wechsel umgestellt. Denn immer mehr Künstlerinnen und Künstler wurden auf das An-Go-Lo aufmerksam und meldeten ihren Wunsch an, auch dabei sein zu dürfen. „Ich habe Vormerkungen bis Anfang 2022“, erklärt Flavia stolz. Dabei sieht sich die Wahlkrefelderin nicht als Galeristin oder gar Kunstexpertin. „Ich bewerte die Kunst nicht. Für mich gibt es keine ‚guten‘ oder ‚schlechten‘ Bilder. Ich nehme jeden, der kommt, außer ich könnte es moralisch nicht vertreten, diese Kunst bei mir aufzuhängen“, stellt sie fest und fügt hinzu: „Und es geht mir auch nicht darum, direkt mit der Kunst Geld zu verdienen. Ich nehme keine Provision, wenn bei mir ein Bild verkauft wird. Für Speisen und Getränke bei den Vernissagen mache ich den Künstlern immer ein faires Angebot.“

„Ich bewerte die Kunst nicht. Ich nehme jeden der kommt, außer ich könnte es moralisch nicht vertreten…!“

Auch während des zweiten Lockdowns stellt Flavia weiter Kunst in ihren Räumen aus. So ist sie in den November mit Bildern und Skulpturen der Künstlerinnen Mauga Houba-Hausherr, Kerstin von Klein und Beate Gruca-Wepa gestartet. Da Gäste das An-Go-Lo nicht betreten durften, um sich die Ausstellung anzusehen, verlagerte sie die Kunstwerke zum Teil in die Schaufenster und drehte zusammen mit zwei der Künstlerinnen ein Video. „Ochhhhh Mensch! Wir haben soooo was Tolles für euch geplant! Dann kommt der Lockdown. Trotzdem ist der Laden magisch verwandelt“, postet sie auf Facebook. Ab Januar hat das An-Go-Lo dann zwei weitere Kreative zu Besuch: Neo-Popart-Künstler Malte Sonnenfeld und seine Kunst-Partnerin „Frollein Suomi“, die beide comicartigen Hintersinn und kräftige Farben lieben. Seit Anfang Februar schmückt die farbenprächtige Malerei von Elisabeth Buhren die großen Glasfenster an der Angerhausenstraße. Sie entführt den Betrachter in ihre inneren Phantasiewelten, in denen Frauen eine besondere Rolle spielen.

„Trotz aller Einschränkungen war der Sommer wunderbar – so viel schöne Musik, so viele nette Menschen. Ich habe jeden Augenblick genossen…!“

Begonnen hatten die Corona-Einschränkungen für Flavia Latina – wie für alle Gastronomen – im März 2020, als sie während des ersten Lockdowns schließen musste. Als kreatives To go-Angebot rief sie im April künstlerisch gestaltete „Wundertüten“ ins Leben, die sie unter anderem mit Pasta, einer Flasche Wein und ein paar Zeilen Poesie füllte. Das kam bei Flavias Gästen so gut an, dass sie 250 Tüten verkaufte. Mitte Mai konnte dann auch das An-Go-Lo wieder öffnen. Dank des schönen Frühjahrswetters konnten nun viele Aktivitäten im Freien stattfinden – wie auch die von Joachim Watzlawik initiierten „Draußen-vor-der-Tür“ Konzerte, mit denen die Krefelder Gastronomie unterstützt werden sollten. Direkt gegenüber vom An-Go-Lo spielten unter anderem das Trio Flieger, der afrikanische Trommelvirtuose Aidara Seck und die Brasilianerin Rosani Reis. Und natürlich veranstaltete die gebürtige Argentinierin auch wieder Open-Air-Tango-Events, die bei vielen Tanzbegeisterten großen Zuspruch fanden. „Trotz aller Einschränkungen war der Sommer 2020 wunderbar“, schwärmt Flavia voller Lebensfreude. „So viel schöne Musik, so viele nette Menschen. Ich habe jeden Augenblick genossen – auch wenn ich mit Maske auf der Straße tanzen musste.“

Seit November ist das An-Go-Lo wieder geschlossen, und Flavias Aktivitäten beschränken sich zwangsweise auf den virtuellen Raum – während ihre Kosten größtenteils weiterlaufen. Inzwischen hat sie zwar einen Teil der im November zugesagten Staatshilfen bekommen, aber die decken leider auch nur einen Teil der Ausgaben. „Ich weiß noch nicht, wie ich es machen soll, aber irgendwie werde ich versuchen, den Lockdown zu überstehen“, sagt sie in einer Mischung aus Hoffnung und Resignation. „Ich freue mich schon so sehr auf den Tag, an dem ich wieder aufmachen darf. Dann werden auch meine Gäste kommen, denn sie lieben individuelle Lokale wie das An-Go-Lo, in denen ein echtes Herz hinter der Theke vibriert!“

Bistro-Bar An-Go-Lo
Angerhausenstraße 11-13, 47798 Krefeld
Telefon: 0172-6892313